Patienten fragen

Ich bin Brustkrebspatientin und habe in der Presse gelesen, dass Phytohormone, wie sie z.B. in Soja enthalten sind, das Wachstum von Tumoren fördern können. Als ich meinen Frauenarzt daraufhin ansprach, weil ich als Folge der Tamoxifentherapie - einem antihormonellen Medikament - stark unter Wechseljahrsbeschwerden leide, meinte der, dass man Phytohormone und Tamoxifen sowieso nicht zusammen einnehmen solle. Jetzt bin ich natürlich sehr verunsichert, da ich meine Ernährung seit der Erkrankung entsprechend umgestellt habe. Was können Sie mir zu diesem Thema sagen?

Die Aussage, dass für Frauen mit Brustkrebs Bedenken gegen die Einnahme von pflanzlichen Hormonen (Phytohormonen) bestehen, beruht ausschließlich auf Versuchen an östrogenfreien Nagetieren, in denen bestimmte isolierte Phytohormone (Genistein und Daidzein) das Wachstum hormonabhängiger Brusttumore stimulierten. Meistens unbeachtet ist allerdings die Beobachtung aus denselben Untersuchungen, dass hohe Konzentrationen von Phytohormonen das Tumorwachstum hemmen und die Tamoxifenwirkung verstärken. Außerdem ist der weibliche Organismus kein Rattenmodell. Soja bzw. Phytohormone haben eine 1000-fach geringere Hormonwirkung als körpereigene weibliche Geschlechtshormone (Östrogene) und wirken als sog. selektive Östrogen Rezeptor Modulatoren. Das bedeutet, dass Phytohormone Substanzen sind, die teils östrogene, teils antiöstrogene Wirkungen aufweisen. In einem vollständig östrogenfreien Milieu wie in diesem Experiment ist es also durchaus möglich, dass vorwiegend östrogene Effekte zum tragen kommen. Ein solches Milieu gibt es allerdings nur in einem künstlichen Versuchsaufbau. Selbst nach den Wechseljahren lässt sich immer noch eine nachweisbare Östrogenproduktion feststellen, so dass auch hier der antiöstrogene Effekt der Phytohormone zum tragen kommt. Diese Wirkung ist es auch, auf die der Schutz vor Krebs zurückgeführt werden kann.
Ihre zweite Frage war, ob Phytohormone dem tumorwachstumshemmenden Effekt von Tamoxifen entgegenwirken. Tatsache ist, dass in Tierversuchen bei der gleichzeitigen Gabe von Tamoxifen und Genistein Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Substanzen beobachtet wurden, die evt. darauf hinweisen, dass diätetisches Genistein die Antitumor-Wirkung von Tamoxifen reduzieren kann. Allerdings sind dies theoretische Überlegungen; und es fehlen auch hier Erfahrungen an Patienten. Eine Studie bei Brustkrebspatientinnen mit einem Präparat aus der Traubensilberkerze, das häufig bei Wechseljahrsbeschwerden eingesetzt wird, hat jedoch gezeigt, dass das Wiedererkrankungsrisiko unter Einnahme dieses pflanzlichen Hormons nicht erhöht war (Rostock M/Gynecol Endocrinol 2011).
Unser Fazit: Solange nicht eindeutig geklärt ist, ob durch die Gabe von Phytoöstrogenen, die denselben Rezeptor wie Tamoxifen besetzen, die Tamoxifenwirkung abgeschwächt werden kann, sollte die gleichzeitige Einnahme von phytohormonhaltigen hochdosierten Präparaten und Tamoxifen individuell und gemeinsam mit dem behandelnden Frauenarzt überdacht werden. Normale Sojaprodukte in der Ernährung können Sie beruhigt anwenden. Bei sehr stark ausgeprägten Wechseljahrsbeschwerden unter Tamoxifen können auch homöopathische Komplexmittel empfohlen werden.
Übrigens: Da Phytohormone selbst in geringem Maße wie Aromatasehemmer wirken, beeinträchtigen sie die Wirkung von in der Krebsmedizin eingesetzten Aromatasehemmern nicht, da die Wirkung nicht rezeptorvermittelt ist.
Da in Soja und Sojaprodukten Phytohormone im natürlichen Verbund mit anderen Pflanzeninhaltsstoffen wirksam sind, kann man diese Versuche auch nicht auf Sojaprodukte im Allgemeinen übertragen. Ein Reagenzglas- oder Tierversuch sagt außerdem nicht zwangsläufig etwas über die Wirkung im menschlichen Organismus aus, so dass gegen eine pflanzenkostreiche phytohormonhaltige Ernährung (mit Soja, Leinsamen, Linsen) nichts einzuwenden ist.