Patienten fragen

Ich habe Brustkrebs und soll mich bestrahlen lassen. Wie viele Bestrahlungssitzungen sind wirklich notwendig? Gibt es Erfahrungen damit, vom empfohlenen Standard abzuweichen?

Inzwischen gibt es neuere Methoden, durch die die Strahlenbelastung minimiert werden soll. Die intraoperative Strahlentherapie wird – wie der Name verrät – während der Operation direkt im Anschluss an die Tumorentfernung angewandt. Rund 10 Prozent der zertifizierten Brustzentren in Deutschland bieten diese Form der Bestrahlung an (IORT oder INTRABEAM). Es ist fraglich, ob durch die IORT eine ausreichende Dosisdichte an den Rändern des Tumorbettes erreicht wird. Deshalb wird in den meisten Fällen eine zusätzliche Boost-Bestrahlung durchgeführt. Kritiker bemerken, dass die bisherige Beobachtungszeit von fünf Jahren zu kurz ist (Vaidya J/Lancet 2014), um aufschlussreiche Erkenntnisse über die nachhaltige Wirksamkeit der Methode zu gewinnen. Daher wird die IORT bisher vor allem bei Patientinnen empfohlen, die über 50 Jahre alt sind, deren Tumor etwa 2 cm groß ist und günstige Tumoreigenschaften aufweist. Ob durch die IORT die Nebenwirkungen wirklich reduziert werden können, wird unter Fachleuten noch diskutiert. Es scheint eher so zu sein, dass die Rate von Herz-Kreislauf-Erkrankungen geringer ist und dass andere Nebenwirkungen (Gewebefibrosen und Wundheilungsstörungen) auftreten als unter herkömmlicher Bestrahlung. Ältere Frauen mit günstigen Tumoreigenschaften (Tumor kleiner als 2 cm, G1 oder G2, hormonrezeptorpositiv, HER2-negativ, kein Lymphknotenbefall) sollten vor allem nach einer hypofraktionierten Bestrahlung fragen. Hier reichen bereits 15 statt der sonst üblichen etwa 25 Sitzungen aus. Es werden höhere Einzeldosen, dafür aber eine geringere Gesamtdosis verabreicht. Dadurch verkürzt sich die Behandlungszeit von sieben bis acht auf drei bis fünf Wochen. Aktuelle Studiendaten legen nahe (Haviland JS/Lancet 2013), dass die hypofraktionierte Bestrahlung trotz geringerer Gesamtstrahlendosis einen stärker antitumorösen Effekt hat und daher mindestens so effektiv ist wie die übliche Bestrahlung. So kam es im Vergleich zur Standard-Bestrahlung mit insgesamt 50 Gy unter der hypofraktionierten Bestrahlung mit einer Gesamtdosis von 40 Gy innerhalb von zehn Jahren sogar seltener zu Lokalrezidiven (5,5 Prozent gegenüber 4,3 Prozent). Während in Großbritannien seit 2009 die hypofraktionierte Bestrahlung in den Leitlinien verankert wurde, ist in Deutschland diese Behandlungsform nur als mögliche Option definiert. Grundsätzlich können aber alle Strahlentherapie-Abteilungen die Brust auch hypofraktioniert bestrahlen. Es lohnt sich, vor Ort nachzufragen. Bei älteren Patientinnen kann unter bestimmten Umständen auf eine Strahlentherapie eventuell sogar ganz verzichtet werden. Darauf weist die Datenlage der PRIME-II-Studie hin (Kunkler I/San Antonio 2013). An ihr nahmen 1326 Frauen im Alter von über 65 Jahren teil. Die Heilungschancen der Teilnehmerinnen wurden als sehr hoch eingestuft, weil der Tumor kleiner als 3 cm war und bei der brusterhaltenden Operation ohne Tumornachweis in den Randschnitten entfernt werden konnte. Hier war der Verzicht auf die Strahlentherapie nach 5 Jahren Beobachtungszeit nur geringfügig häufiger mit einem Rezidiv verbunden (4,1 gegenüber 1,3 Prozent). Einen Einfluss auf die Überlebenszeit hatte die Bestrahlung bei diesen Frauen nicht.