Patienten fragen

Sie raten in Ihren Infoblättern zur Vorsicht bei Folsäure. Was ist der genaue Hintergrund dieser Empfehlung?

Folsäure ist in vielen Salat- und Gemüsesorten sowie in Vollkornprodukten enthalten. Sie hat ihren Namen von dem lateinischen Wort »folium« (Blatt). Die Substanz wurde 1941 in Spinat entdeckt.
Als Überträger von Methylgruppen sind Folate an der Synthese des roten Blutfarbstoffes sowie an der Reparatur und Methylierung der Erbsubstanz beteiligt. Letzteres macht das Vitamin für Wachstums- und Entwicklungsprozesse,
insbesondere für die Embryonalentwicklung, unentbehrlich. Aus diesem Grund kann dessen Einnahme vor und während der Schwangerschaft Neuralrohrdefekte verhindern.

Widersprüchliche Ergebnisse. Eine große Vielzahl an Studien bringt die Einnahme von Folsäure mit einem erhöhten Krebsrisiko in Zusammenhang. Zuerst sorgte eine Studie aus Großbritannien für Aufsehen: Sie dokumentierte, dass Mütter, die während der Schwangerschaft hohe Dosen Folsäure einnahmen, später häufiger an Brustkrebs verstarben als Frauen ohne Folsäureeinnahme (Charles D et al. / BMJ 2004). Im Jahr 2009 verzeichnete eine Untersuchung an Männern ein erhöhtes Risiko für Prostatakrebs durch die regelmäßige Einnahme von Folsäure (Figueiredo JC et al. / J Natl Cancer Inst 2009). Eine Metaanalyse bestätigte ein minimal erhöhtes Krebsrisiko bei gesteigerter Folsäureaufnahme (Vollset SE et al. / Lancet 2013). Dasselbe Ergebnis konnte in einer Analyse aus Norwegen gezeigt werden (Ebbing M et al./JAMA 2009). Andere Untersuchungen weisen hingegen nach, dass das Darmkrebsrisiko durch Folsäure reduziert werden kann (Gibson TM et al. / J Clin Nutr 2011). Dies bestätigen auch andere Studien, die einen protektiven Effekt, z.B. bei Tumoren im Kopf-Hals-Bereich und Lungenkrebs, gezeigt hatten.
Anscheinend kann die Gabe von Folsäure unter bestimmten Bedingungen das Risiko für die Entstehung oder Progression von Krebs erhöhen. Experten vermuten, dass dies von der Dosis, dem Zeitraum der Gabe sowie der
individuellen Stoffwechsellage abhängt (Weißenborn A et al. / Bundesgesundheitsblatt 2017).

Verstoffwechselung unterschiedlich. Die Studienergebnisse erscheinen auf den ersten Blick widersprüchlich. Für die unterschiedlichen Resultate gibt es aber eine Erklärung: Wahrscheinlich ist es für die Wirkung der Folsäure im menschlichen Organismus entscheidend, in welcher Form sie aufgenommen wird. Natürliches Folat aus unserer Nahrung wird anders verstoff wechselt als das synthetisch hergestellte, das in  Nahrungsergänzungsmtteln verwendet wird. Letzteres muss durch das Enzym Dihydrofolsäure-Reduktase zu Tetrahydrofolsäure umgewandelt werden. Die biochemischen Abläufe erklärt Dr. Runow schlüssig in seinem Buch »Krebs – eine Umweltkrankheit«. Wird synthetische Folsäure nicht mithilfe der enzymatischen Prozesse verstoff wechselt, dann reichert sich un metabolisierte Folsäure (= UMFA) im Organismus an. Das kann zu DNA-Schäden führen.
Besonders bei Frauen ist die Aktivität dieses Enzyms häufig gedämpft. Dann wird die Folsäure nicht ausreichend umgewandelt und es kommt zu Schäden im Erbgut. Auch bei Stress oder Entzündungen soll Folsäure aus Nahrungsergänzungsmitteln zu einer aggressiven Form umgewandelt werden, die ebenfalls Zellschäden begünstigt. Bei natürlichem Folat bestehe dieses Risiko nicht, so Dr. Runow. Dieser sehr komplizierte Vorgang im Stoff wechsel könnte erklären, warum mache Studien einen schützenden und andere einen schädigenden Effekt von Folsäure nachweisen konnten – je nachdem, ob natürliche oder synthetische Folsäure verwendet wurde.

Pflanzlich ist besser. Diese Erkenntnisse zeigen einmal mehr: Es ist besser, sich auf eine optimale Ernährung zu fokussieren als auf Vitaminpillen. Wenn man Folsäure unbedingt in Tablettenform zu sich nehmen will, raten immer mehr Experten dazu, nur die aktive Form (5MethylTertrahydrofolsäure = Metafolin) einzunehmen. Inzwischen bieten einige Hersteller Metafolin an. Ihr Apotheker kann Ihnen geeignete Produkte empfehlen. Und auch der ärztliche Beratungsdienst der GfBK berät Sie gerne.

Vorsicht Wechselwirkungen. Achten Sie bitte darauf, Folsäure nicht gleichzeitig mit Capecitabin (Xeloda), einem bestimmten Chemotherapeutikum, einzunehmen. Hier können Gewichtsverlust, Erbrechen, schwere Durchfälle, Knochenmark- und Blutbildschäden sowie herzschädigende Effekte auftreten.