Patienten fragen

Mit der Überschrift »Antioxidantien fördern resistente Tumore« titelte Die Welt am 9. Januar 2013. Sie fasste damit die Ausführungen des Nobelpreisträgers von 1962, James Watson, in der Fachzeitschrift Open Biology zusammen. Laut Watson wirken die meisten Chemotherapien über die Bildung von reaktiven Sauerstoff verbindungen, weshalb er den Einsatz von Vitaminen und speziell von Vitamin C als gefährlich betrachtet. Wie stehen Sie dazu?

Die Gabe von Vitaminen während einer Chemotherapie wird immer noch kontrovers diskutiert, da die Wirkungsweise von Zytostatika zum Teil auf der Bildung von freien Radikalen beruht. Antioxidantien fangen freie Radikale ab, machen diese unschädlich und stehen daher im Verdacht, die Wirkung einer Chemotherapie zu beeinträchtigen. Diese theoretischen Bedenken sind berechtigt und nachvollziehbar. In der Praxis bewahrheiten sie sich aber nicht, wie Studien an Patienten zeigen.
Im Gegenteil: Es gibt Hinweise darauf, dass die Einnahme von ausgewählten Mikronährstoffen die schulmedizinische Behandlung unterstützen kann, insbesondere weil dadurch weniger Patienten ihre Chemotherapie abbrechen (müssen). In Studien an Patienten konnte keine Beeinträchtigung der Wirksamkeit von schulmedizinischen Therapien durch die Gabe von Vitaminen nachgewiesen werden (Gröber U/Breastcare 2009). Dies liegt sehr wahrscheinlich daran, dass der überwiegende Anteil der heute üblichen Chemotherapeutika seine Wirkung nicht primär über oxidativen Stress erzielt (Mutschler E/Arzneimittelwirkungen 2008, S. 907 ff .) und dass der Stoff wechsel der Tumorzelle mitentscheidet, wie ein Vitamin wirkt (Sagar SM/Focus on Alternative and Complementary Therapies 2004). Letzteres würde auch erklären, warum man beobachten kann, dass hoch dosiertes Vitamin C Krebszellen unschädlich macht, während gesunde Zellen unbehelligt bleiben (Chen Q/PNAS 2005). Außerdem gibt es inzwischen eine Vielzahl an Studien, die belegen, dass hohe Dosen von Vitamin C die Tumormasse schrumpfen lassen und auch das Risiko für Metastasen reduzieren.

Leider geht Watson nicht auf den genauen Inhalt der von ihm zitierten Untersuchungen ein, in denen gezeigt wurde, dass parenterales (also über die Vene verabreichtes) Vitamin C den Effekt des Zytostatikums Arsentrioxid verstärkt: Vitamin C wirkte an der Tumorzelle nämlich auch hier prooxidativ und führte den natürlichen Tod der Tumorzelle herbei. Diese differenzierte Wirkung – antioxidativ im gesunden Gewebe und prooxidativ gegenüber vielen Tumorzellen – begründet möglicherweise das therapeutische Potenzial einer Vitamin-C-Hochdosis-Therapie.
Watson meint, dass Antioxidantien (also Vitamine) für die Therapieresistenz fortgeschrittener Tumore verantwortlich seien. Er postuliert, dass Antioxidantien wie BetaCarotin, Vitamin A, C, E und Selen nicht vor Krebs schützen, sondern ihn eventuell sogar fördern. Diese These stützt Watson auf zwei Argumente, die man durchaus kritisch hinterfragen darf: Erstens nennt er einen Einzelfall, und zwar Linus Pauling, der täglich oral bis zu 12 g Vitamin C einnahm und im Alter von 93 Jahren an Prostatakrebs gestorben ist. Welches Schicksal diesen Mann ereilt hätte, wenn er das Vitamin nicht zu sich genommen hätte, steht in den Sternen. So funktioniert seriöse Wissenschaft natürlich nicht.
Sein zweites Argument ist eine wackelige MetaAnalyse (Bjelakovic G/JAMA 2007). In ihr wurden 68 randomisierte, klinische Studien mit Nahrungsergänzungsmitteln, die Antioxidantien enthielten, untersucht. Diese Analyse wurde von vielen Wissenschaftlern aufgrund ihres in wichtigen Teilen nicht nachvollziehbaren Studiendesigns kritisiert. Selbst wenn wir die methodischen Mängel beiseitelassen und nur auf die Ergebnisse schauen, zeigt sich dort ein Anstieg des Sterberisikos ausschließlich bei fettlöslichen Antioxidantien. Wenn man sie überdosiert, können sie sich im Organismus anreichern, sodass Vergiftungserscheinungen durchaus denkbar sind. Wasserlösliche Antioxidantien wie Vitamin C akkumulieren nicht. Was zu viel ist, wird ausgeschieden. In dieser Hinsicht sind sie toxikologisch – Anzeige – unbedenklich – was auch in dieser MetaAnalyse erneut bestätigt wurde.
Sehr häufig leiden Krebspatienten, insbesondere bei fortgeschrittenen Tumoren, nachweislich an einem Vitamin-C-Mangel. Er korreliert mit einer verminderten Lebensqualität und schlechterer Überlebensprognose (Mayland CR/Pall Med 2005). Vitamin-C-Infusionen wirken im gesunden Gewebe antioxidativ. Sie verbessern viele Beschwerden und erhöhen die Lebensqualität bei Krebs (Yeom C/J Korean Med Sci 2007; Vollbracht C/In vivo 2011). In einer aktuellen Studie konnte sogar gezeigt werden, dass Vitamin C die Stimmung deutlich aufhellt (Wang Y/Am J Clin Nutr 2013).

Unserer Erfahrung nach wird in den Medien und leider auch oft von Experten über Vitamine allzu schnell geurteilt, ohne wirklich die wissenschaftlichen Hintergründe zu beleuchten. Wenn Vitamine die Chemotherapie beeinträchtigen würden, dürften Patienten auch keine gesunden Lebensmittel wie Obst und Gemüse verzehren bzw. grünen Tee und frische Säfte trinken. Dies wird selbst von Hardlinern der Schulmediziner nicht empfohlen. Die pauschale Ablehnung von Vitaminen während einer Chemotherapie ist aus unserer Sicht nicht gerechtfertigt, die Argumente sind widersprüchlich, teilweise unlogisch und mitunter an den Haaren herbeigezogen.
Unsere Empfehlung: Um die Nebenwirkungen zu reduzieren und das Abwehrsystem zu stärken, halten wir die Gabe von Vitaminen und Spurenelementen während einer Chemotherapie für sinnvoll und unbedenklich. Unterstützen Sie den therapeutischen Einsatz der Vitalstoffe durch eine vitalstoffreiche Ernährung, bevorzugt mit Vollkorngetreide und -produkten (nicht zu grob!), Rohkost (in kleinen Mengen), Biogemüse, naturbelassene pflanzliche Öle und Fette (insbesondere Olivenöl und Leinöl). Wichtig ist auch, dass die Gabe von Vitaminen und Spurenelementen auf den Bedarf des Einzelnen individuell abgestimmt wird. Fragen Sie daher Ihren behandelnden Arzt nach entsprechenden Blutanalysen.