Forschung / Studien

Eine Radiotherapie kann bei fortgeschrittenen Krebserkrankungen Schmerzen lindern, so die Überzeugung vieler Ärzte. Ob dies tatsächlich stimmt und inwieweit eine Radiotherapie durch Nebenwirkungen auch Leid verursachen kann, dieser Frage gingen Radioonkologen der Universitätsklinik Düsseldorf nach. Dabei setzten sich die Ärzte kritisch mit den Ergebnissen ihrer eigenen Arbeit auseinander und haben diese prospektiv ausgewertet (Gripp S et al. / Cancer 2010).
In das prospektive Protokoll wurden alle 216 Patienten im Endstadium einer Tumorerkrankung aufgenommen, die zwischen Dezember 2003 und Juli 2004 eine palliative Radiotherapie erhalten sollten. 33 von ihnen (15,3 %) starben binnen 30 Tagen. Sie wurden als spezielle Studienpopulation auserwählt. Im Mittel waren diese Patienten 65 Jahre alt und starben nach 15 Tagen. 39 % von ihnen hatten ein Lungenkarzinom, 18 % ein Mammakarzinom. Metastasen fanden sich bei 94 % der Patienten – unter anderem in Gehirn (36 %), Knochen (24 %) und Lunge (18 %). Bekannte Faktoren für eine schlechte Prognose (Dyspnoe, Leukozytose, Hirnmetastasen, Laktatdehydrogenase-Spiegel) trafen auf die früh Gestorbenen in besonderem Maße zu. So lag der Karnofsky-Performance-Status bei 91 % von ihnen unter 50 %.
Dennoch schätzten die Ärzte das Überleben der Patienten nur in 16 % der Fälle korrekt ein. Für 31 der 33 Patienten lagen zwei oder drei Schätzungen von verschiedenen Medizinern vor. Jeder fünfte hätte demnach statt der 30 Tage sogar noch mehr als sechs Monate zu leben gehabt. 91 % der früh verstorbenen Patienten waren noch bestrahlt worden, in neun von zehn Fällen mit mindestens 30 Gy in Fraktionen von 2–3 Gy. Die Hälfte der Patienten verbrachte mehr als 60 % ihrer verbleibenden Lebenszeit unter der Therapie. Nur bei 58 % der Patienten wurde die Radiotherapie vollendet. Anhaltende Beschwerden wurden bei 52 % festgestellt, eine Palliation brachte dies nur bei 26 %.

GfBK-Kommentar: Hier spiegelt sich sehr offenkundig die Problematik wieder, dass Ärzte selbst am Ende des Lebens die Lebensspanne kaum vorhersehen können. Die Folge dieser Fehleinschätzung ist in der Praxis oft die, dass Patienten zu aggressiv und zu lange stationär behandelt werden und dass dadurch der Lebenszeitgewinn letztendlich noch viel kleiner ausfällt. Insofern sollte man sich als Therapeut bei einer fortgeschrittenen Krebserkrankung immer fragen, ob die empfohlene Therapie tatsächlich Leiden lindert oder das Leiden durch Übertherapie nicht noch vergrößert. In dieser hier vorliegenden Studie profitierte jedenfalls etwa die Hälfte der Patienten nicht von einer Bestrahlung, obwohl sie den größeren Teil des ihnen verbliebenen Lebens unter der Therapie verbrachten. Ein Signal, das zum Nachdenken anregen sollte, ob nicht die alleinige Durchführung von biologischen Therapiemaßnahmen oft die geeignetere Wahl in der palliativen Situation wäre.