Patienten fragen

„Superfoods” sind in aller Munde – als anti-Aging, Gelenke-Jungbrunnen und sogar als Krebskiller. Was dran ist und was drin ist, beschreibt die Ärztin Dr. med. Susanne Bihlmaier. Für aktuelle Superfoods wie Chia, Goji, Arganöl, Acai gibt es einheimische Alternativen

Faktencheck
Die Bezeichnung „Superfoods” ist rein willkürlich. Sie sagt nichts aus über Qualität, über Inhaltsstoffe oder deren Wirkungen beim Menschen (1)

  • Meistens gemeint sind Nahrungsmittel mit einem propagierten höheren Gehalt an Vitaminen, Mineralstoffen und vor allem Sekundären Pflanzenstoffen, kurz „SPS”
  • Es handelt sich, wie der Name SPS schon sagt, fast ausschließlich um Stoffe, die nur in pflanzlichen Lebensmitteln vorkommen wie z. B. den orangefarbenen Carotinoiden (Karotten, Kürbis etc.), den rot-bläulichen Anthocyanen (Brombeeren, Heidelbeeren) oder z. B. Lykopin, einem Carotinoid in Tomaten. Omega-3-Fettsäuren hingegen liefern sowohl Tiere (Fischöl), als auch Pflanzen (Leinöl).
  • Damit Pflanzen die SPS bilden können, benötigen sie meist viel Sonne. Daher kommen viele Superfoods aus Übersee - und müssen zum Transport getrocknet, verarbeitet und auch noch per Schiff oder Flugzeug importiert werden.
  • Jeder Verarbeitungsschritt kostet Inhaltsstoffe.
  • Ernährungswissenschaftler haben einige aktuelle Superfoods untersucht und mit einheimischen Nahrungsmitteln verglichen.

Chia
Die lateinamerikanischen Chiasamen enthalten weniger Omega-3-Fettsäuren als der heimische Leinsamen. Zudem schützen die Lignane des Leinsamens als sogenannte „hormonähnliche” Pflanzenstoffe, indem sie zwar die gleichen Andockstellen wie Östrogene besetzen, dabei jedoch selbst kaum Östrogenwirkung entfalten. „2 Esslöffel (frisch) geschroteter Leinsamen am Tag könnte das Sterberisiko bei postmenopausalem Brustkrebs um 40% reduzieren” so Professor Chang-Claude des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg (2) . Leinsamen kann - ebenso wie Chia - eine Schleimschicht um sich bilden, dadurch die Magenschleimhaut schützen und die Verdauung unterstützen.

Goji
Importierte Gojibeeren sind oft belastet mit Pestiziden (3). Dabei gedeihen sie auch bei uns, weniger bekannt unter der Bezeichnung Wolfsbeere oder auch Gemeiner Bocksdorn, Lycium barbarum (4). Die leuchtend roten Beeren der ca. 3 m hohen, frostresistenten Sträucher können im eigenen Garten angebaut werden.

Arganöl, Kokosöl?
Je exklusiver, umso wertvoller, wie z. B. Kokosöl vom Palmenstrand oder superexklusives Arganöl, nur in einem einzigen Tal Marokkos wachsend? Deutlich günstiger, dabei inhaltlich wertvoller sind z. B. Walnussöl und Leinöl, so das Max Rubner Institut in Münster und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (5). Weises Zitat des führenden Lebensmittel-Experten Professor Leitzmann: „Produkte, die massiv beworben werden, sollte man meiden” (6). Und ab Herbst lieber ein paar Walnüsse frisch vom Wochenmarkt knacken - die köstliche Superfood-Alternative für Winterabende.

Acai oder Aronia?
Acaibeeren aus China gelten als „Wunderbeeren”, doch eine kleine Apfelbeere aus Sachsen steht der Acaibeere inhaltlich in nichts nach: die Aroniafrucht. Als Saft verzehrt schenkt sie uns einen zwanzig Mal höheren Gehalt an Sekundären Pflanzenstoffen als Himbeeren. Der Anthocyangehalt ist laut Krebsforschungsinstitut Heidelberg der höchste aller Beeren (7).

Eiweiß gesund & ganzheitlich
Soja war lange Zeit umstritten, doch erstens gedeiht Soja mittlerweile in Bio-Qualität am Bodensee und zweitens sind Fragen bezüglich Brustkrebs geklärt (8,9): Soja ist zunächst schlichtweg ein Lieferant von wertvollem Eiweiß, ganz ohne das Nahrungscholesterin tierischer Eiweiße (wie in Wurst, Fleisch, Käse). Zudem erspart pflanzliches Eiweiß die herzgefährdende, Rheuma-verschlimmernde tierische Arachidonsäure aus Fleisch, Wurst und Käse. Die Brustkrebs-schützenden Inhaltsstoffe, die Isoflavone, werden zwar von Europäerinnen nicht so gut aufgenommen, wie von Asiatinnen, aber: als sogenannte Phytohormone besetzen sie die Andockstellen für echte Östrogene - und haben dabei selbst nur 1/100 bis sogar nur 1/1000 der Östrogenwirkung. Sitzt also ein extrem schwach östrogen wirkendes pflanzliches Pflanzenhormon auf einem Östrogen-Parkplatz, so kann kein starkes, menschliches Östrogen mehr dort parken (10).
Wie viel Schaden ein Marketing-Hype bewirken kann, zeigen die getreideähnlichen Eiweiß-Superfoods Quinoa und Amaranth: aufgrund der hohen Nachfrage explodierte der Marktpreis, so dass die heimische, lateinamerikanische Bevölkerung sich ihr eigenes Grundnahrungsmittel kaum noch leisten kann. Wie wäre es daher mit einem echten neuen Stern am heimischen Eiweiß-Himmel: die Süßlupine, mit köstlichen Beispielen wie Lupinen-Aufstrich, Lupinen-Geschnetzeltem oder sogar Lupinen-Eis (11).

Super Milch oder alles Käse?
Lange Jahre galt Kuhmilch(-Käse) als bester Kalziumlieferant für starke Knochen und damit Superfood, noch bevor das Wort Superfood erfunden war. Doch es mehren sich wissenschaftlich begründet warnende Stimmen zu unserem hohen Konsum von konventionellen (d. h. nicht-bio-) Milchprodukten: angefangen von internationalen Wissenschaftlern wie Collin Campbell (12) in seiner „China Study”, über Verbände wie die Unabhängige Gesundheitsberatung UGB des Ernährungswissenschaftlers Professor Leitzmann (13), bis hin zu großen Langzeitstudien mit zehntausenden Teilnehmern aus den USA und Europa (14,15). Eine fundierte Zusammenfassung geben der Arzt Dr. Ludwig Jacob (16) und das Vorstandsmitglied des GfbK, Dr. Nicole Weis (17): So zeigt die US-Nurses Health Study, dass Frauen, die regelmäßig Milchprodukte verzehrten, keine besseren Knochen haben. Noch deutlicher sind die Ergebnisse des Milchsymposium der renommierten Harvard Universität: Milch von industriell gehaltenen Kühen (also nicht-bio-Milch, ca. 95% der bei uns verkauften Milchprodukte) enthält hormonwirksame Stoffe, die im Zusammenhang stehen mit Brust- und Prostatakrebs. Eine weitere, weltweite Studie analysierte die Ernährungsgewohnheiten von 40 Ländern (18). Auch hier zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Milchkonsum und Brustkrebs. Echte Knochenkraft hingegen liefert ein kleiner Samen: Sesam enthält mehr Kalzium, ist zudem pflanzlich (d. h. ohne tierisches Nahrungscholesterin, ohne tierische Fette, ohne entzündungsfördernde Arachidonsäure) und schmeckt köstlich, z. B. als Sesamsalz Gomasio oder Brotaufstrich Tahin.

Mediterrane Supertomate
Nach 5 Jahren internationaler Studien präsentiert sich die Tomate (19) mit ihrem Lykopin antikrebs-aktiv und anti-entzündlich. Besser verwertet wird das Lykopin aus gegarten Tomatenzubereitungen wie Suppe, Drink und Soße (bitte ohne Zucker!) - ein Fest für Kinder, dabei schnell und einfach.

Kohlenhydrate: schlecht oder super?
No Carb! war gestern, neuere Erkenntnisse empfehlen „slow carb” (20). Gemeint sind damit vollwertige Getreide und Hülsenfrüchte, bei welchen die ballaststoffhaltige äußere Hülle nicht entfernt wurde. Das ungeschälte volle Korn („Vollkorn” oder auch z. B. dunkle Linsen) wird im Körper langsamer („slow”) verarbeitet, damit wird weniger Insulin ausgeschüttet und die Krebszelle muss „darben”. Gesundheitlich wertvoller und wirkungsvoller als einzelne Superfoods ist daher eine Umstellung auf mehr Vollkornbrot, Vollkornreis, Vollkornnudeln, Hülsenfrüchte und bissfestes Gemüse.

Super Süße statt supersüß
Gesundheitsgourmets genießen die Schokolade wie die Franzosen: dunkel, aromatisch und ohne Milch. Wer dabei nicht nur Gaumen, Gesundheit und sogar der Seele (21), sondern auch noch anderen Gutes tun will, kann die „Drachensplitter” des Chocolatiers Schell (22) kosten. Diese Benefizpralinen zu Gunsten der Kinderonkologie in Tannheim überzeugen mit Super-Inhaltsstoffen wie Polyphenolen aus Trinitario-Kakao, Sesam, Berberitzenbeere, Kürbiskernen, Ingwer, Chili. Dekoriert mit einer bunten Gojibeere.

Fazit: Sogenannte „Superfoods” können eine bunte Abwechslung in den Speiseplan bringen. Viele der beworbenen Inhaltsstoffe werden jedoch durch die Verarbeitung und Transport beeinträchtigt. Erwiesen wirklich „super” ist eine langfristige, pflanzenbetonte Vollwertkost, regional und saisonal vom Wochenmarkt, mit zusätzlich wohltuendem Plausch inklusive. Das unterstützt zudem die heimische Landwirtschaft und schützt die Umwelt, was letztendlich durch weniger Industrie- & Transport-Abgase ebenfalls der eigenen Gesundheit dient. Milchprodukte sollten in höchster Bioqualität verzehrt werden, d. h. Bioland, Demeter und möglichst fermentiert/gesäuert wie in Naturjoghurt und Kefir. Auch Süßes darf genascht werden, wenn es nicht nur aus Zucker und Milchfett besteht, sondern aus wertvollem Kakao wie in dunkler Schokolade ab 50% aufwärts.

Zur Autorin
Dr. med. Susanne Bihlmaier ist Ärztin für Naturheilverfahren und Chinesische Medizin und hat das Buch „Tomatenrot + Drachengrün: Das Beste aus Ost und West – antikrebs-aktiv und abwehrstark” verfasst. www.bihlmaier-tcm.de

Zum Video-Interview mit Frau Dr. Bihlmaier, das beim GfBK-Kongress 2017 aufgezeichnet wurde: „Superfood? Super Food!”

tomatenrotTomatenrot + Drachengrün: 3x täglich
Das Beste aus Ost und West – antikrebs-aktiv und abwehrstark
von Dr. med. Susanne Bihlmaier,
mit einem Vorwort von Professor Ingrid Gerhard.
ISBN 978-3-7750-0630-9
Für Deutschland: € [D] 24,–, Für Österreich: € [A] 24,70
5. Auflage Februar 2016. HÄDECKE VERLAG, Weil der Stadt

Quellen
(1) Superfood- Hype um Früchte und Samen, Internetportal Verbraucherzentrale online, 13.01.2017
(2) Chang-Claude J: Pflanzeninhaltsstoff senkt Brustkrebssterblichkeit, Pressemitteilung DKFZ 12.09.2011
(3) Greenpeace (ed): Chinese Herbs: Elixir of Health or Pesticide Cocktail? An Investigation on Chinese Herbs and Pesticides, Juni 2013
(4)Dipl. oec. troph. Angela Clausen: Wie Super sind Superfoods? UGB forum 4/15; 193-196
(5) Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) (Hrsg.): Arganöl, in: DGE-Info – Essen und Trinken, 02/2006, im Internet unter www.dge.de (Zugriff 3/2009)
(6) Bihlmaier S: Tomatenrot+Drachengrün, das Beste aus Ost und West, antikrebs-aktiv, Hädecke Verlag, 5. Auflage 2016
(7) Aroniabeeren und Aroniasaft, Max Rubner Institut, Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel, ohne Datum, www.mri.bund.de; und (4)
(8) Keller M: Sind Sojaprodukte gesund, online auf ifane.org, Institut für nachhaltige und alternative Ernährung, 12.12.2013
(9) Keinan-Broker L et al: Dietary phytooestrogene and breast cancer rist Am J Clin Nutr, 2004,79
(10) Buck K et al,: Serum enterolactone and prognosis of postmenopausal breast cancer: J of Clin Oncology, 2011; 29 (28): 3730-3738
(11) Protein-Gigant, dpa http://www.t-online.de/leben/essen-und-trinken/id_70833274/gut-zum-abnehmen-eiweissreiche-ernaehrung-mit-suesslupinen.html
(12) Campbell TC: China Study, Verlag Systemische Medizin Bad Kötzing 2011
(13) Leitzmann C: Was ist von der China Study zu halten? UGB Forum 6/212, S. 305
(14) Belanger CF, Hennekens CH, Rosner B, Speizer FE: The nurses’ health study. In: The American Journal of Nursing. Band 78, Nr. 6, 1. Juni 1978, ISSN 0002-936X, S. 1039–1040, PMID 248266.
(15) Gonzales CA: The European Prospective Investigation into Cancer and Nutrition, EPIC. Public Health Nutr. 2006:9(1A): 124-126
(16) Jacob L: Dr Jacobs Weg des genussvollen Verzichts, Resurgance, www.drjacobs.de
(17) Weis N: Gesunde und bunte Ernährung bei Brustkrebs, Passion Chirurgie:2014-6, Artikel 02_04
(18) Ganmaa D, Sato A: The possible role of female sex hormones in milk from pregnant cows in the development of breast, ovarian and corpus uteri cancers. Med Hypothesis 2005;65(6):1028-1037
(19) www.lycocard.com: Das Lycocard-Projekt
(20) UGB Forum zu „Low Carb”, www.ugb.de/artikel/low-carb/
(21) Bihlmaier S: Beeinflusst unser Essen unsere Beziehungen? Coachin 1/2016
(22) Bihlmaier S: Kerzen, Kakao, Knusperpralinen, Mamma Mia Dezemberheft 2013