Patienten fragen

Ich bin ein Genussmensch. Gerne trinke ich abends ein Gläschen Wein oder Bier. Manchmal wird es auch ein bisschen mehr. Nun bin ich an Brustkrebs erkrankt und frage mich, ob ich meinen Lebensstil ändern sollte. Wie sehen Sie das?

Der Zusammenhang zwischen Alkohol und Brustkrebs steht immer wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Wissenschaftliche Fachgesellschaften sehen Alkohol als Risikofaktor für Brustkrebs. Die IARC (International Agency for Research on Cancer) kommt zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, mit jedem alkoholischen Getränk pro Tag (ca. 10 g reiner Alkohol) um 7–10% ansteigt (Liu Y et al. / Womens Health 2015). Dieser Zusammenhang konnte bei Frauen vor und nach den Wechseljahren beobachtet werden. Da Alkohol in vielen Kulturen stark eingebettet ist, hat dieser Zusammenhang auf der ganzen Welt Bedeutung.
Den Alkoholgehalt in Gramm können Sie berechnen. Die Formel lautet: Menge in ml × 0,8 × Volumenprozent/100. Beispiel: Ein Glas Rotwein (14%): 250 × 0,8 × 14/100 = 28.
Als akzeptable Alkoholmenge werden im deutschsprachigen Raum zurzeit 10 g/Tag für gesunde Frauen und 20 g/Tag für gesunde Männer angesehen. 20 g Alkohol entsprechen ca. 0,5 l Bier oder 0,25 l Wein bzw. Sekt (www.dge.de/presse/pm/praevention-durch-moderaten-alkoholkonsum).
Wer mehr als 30 g Alkohol pro Tag zu sich nimmt, riskiert damit einen besonders deutlichen Anstieg seines Krebsrisikos. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie (www.bmj.com/content/351/bmj.h4238). Verglichen mit anderen Organen scheint die Brust anfälliger für die krebsfördernde Wirkung des Alkohols zu sein. Während sich das Risiko für Tumoren anderer Organe durch einen geringen Alkoholkonsum (≤ 1 alkoholisches Getränk pro Tag oder ≤ 12,5 g/Tag) nicht signifikant verändert, steigt die Wahrscheinlichkeit, an Brustkrebs zu erkranken, dabei um 4–15% an (Bagnardi V / Ann Oncol 2013 und Seitz HK et al. Alcohol 2012).
Viele Frauen im gebärfähigen Alter trinken Alkohol, 18% von ihnen sogar vier oder mehr alkoholhaltige Getränke auf einmal. Betrachtet man die Studienergebnisse, stellt der Alkoholkonsum ein besorgniserregendes Gesundheitsproblem dar (Centers for Disease Control and Prevention / Morbidity and Mortality Weekly Report, 25. Sep 2015). Ein gesunder Lebensstil reduziert das Risiko. Dazu ist es nicht nur hilfreich, den Konsum von Genussgiften wie Alkohol auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Auch eine ausgewogene Ernährung, ausreichend Bewegung und das Vermeiden von Übergewicht dienen der Gesundheit.
Für gesunde Menschen bedeutet die Empfehlung, dass sie Alkohol nicht komplett aus ihrem Leben verbannen müssen. Gegen ein Glas Wein zum Abendessen in geselliger Runde ist nichts einzuwenden. Mindestens zwei Tage pro Woche sollte man jedoch ohne alkoholische Getränke auskommen. Noch ist nicht vollständig geklärt, über welchen Mechanismus Alkohol Brustkrebs auslösen kann. Der Ethanolmetabolit Acetaldehyd soll als ein besonders starkes Zellgift wirken und außerdem den Abbau von Östrogenen in der Leber behindern. Tierversuche und Studien mit Patienten zeigen, dass Alkohol Veränderungen hervorruft, die sich auf wichtige Stoffwechselwege auswirken. Möglicherweise wird Brustkrebs auf diesem Weg begünstigt. Beispielsweise stehen erhöhte Östrogenspiegel in Verbindung mit dem Brustkrebsrisiko, da unter diesen Umständen die Zellteilungsrate steigt (Frydenberg H et al. / Breast Cancer Research 2015). In dieses Bild passt das Ergebnis einer Studie mit postmenopausalen Frauen. Es zeigt, dass Alkohol stärker die Entstehung von hormonabhängigen Brusttumoren beeinflusst als die von hormonunabhängigen (Li CI et al. / J Natl Cancer Inst. 2010).
Ernährungsphysiologisch spielt außerdem die hohe Energiedichte von Alkohol eine bedeutsame Rolle: Mit einem Energiegehalt von 7 kcal/g ist Alkohol fast so kalorienreich wie Fett (9 kcal/g). Zusätzlich wirkt Alkohol appetitanregend und kann dadurch zu überflüssigen Pfunden führen (www.dge.de/presse/pm/praevention-durch-moderaten-alkoholkonsum/). Der World Cancer Research Fund wertet ein zu hohes Gewicht als Risikofaktor für Brustkrebs (World Cancer Research Fund / American Institute for Cancer Research 2017: wcrf.org/breast-cancer-2017). Will man Brustkrebs vermeiden, sollte man das Bier oder das Gläschen Wein beim Treffen mit Freunden auch in der persönlichen Energiebilanz berücksichtigen. Wenn übergewichtige Patientinnen regelmäßig alkoholische Getränke zu sich nehmen, ist das also in mancherlei Hinsicht problematisch.
Nach all diesen Studienergebnissen können wir nur begrüßen, dass Sie Ihre bisherigen Gewohnheiten anlässlich Ihrer Krebserkrankung infrage stellen.
Finden Sie schmackhafte Alternativen, z.B. alkoholfreie Cocktails oder fruchtig-frische Smoothies. Experimentieren Sie ein bisschen, bis Sie einen gesunden Drink gefunden haben, den Sie mit Freude genießen können.