Patienten fragen

Über Brokkoli, Brokkoliextrakt und Indol-3-Carbinol habe ich in letzter Zeit einiges gelesen. Ich bin Brustkrebspatientin und möchte so etwas gerne einnehmen. Welche Substanzen würden Sie bevorzugen: Brokkoliextrakt oder Indol-3-Carbinol? Und in welcher Dosierung?

Sekundäre Pflanzenstoffe, wie das schwefelhaltige Glucosinolat-Derivat „Indol-3-Carbinol”, sind in Zusammenhang mit Brustkrebs in der Tat interessant. Wir nehmen Indol-3-Carbinol (I3C) mit der Nahrung beim Verzehr von Kohlgewächsen, wie Brokkoli, Rosenkohl oder auch Grünkohl, zu uns. Höchste I3C-Gehalte finden sich im Samen und in jungen Keimlingen dieser Pflanzen. Der Wirkstoff entspringt den Senfölen, die im menschlichen Organismus je nach Kohlart zu unterschiedlichen Substanzen weiter verstoffwechselt werden, wie z. B. dem Indol-3-Carbinol oder den Sulphoraphanen.
Eigenschaften des Indol-3-Carbinol. Es wirkt entgiftend, antientzündlich und wachstumshemmend. Forscher vermuten, dass Indol-3-Carbinol zusätzlich in der Lage ist, Östrogensignale abzuschwächen: Es bewirkt, dass aus Östradiol vorwiegend das „gute” 2-Hydroxyestradiol und nicht das „gefährliche”, weil wachstumsfördernde 16-alpha-Hydroxyestradiol gebildet wird (Fowke JH / Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2000).
Kombination mit Tamoxifen. Erste Studien zu Indol-3-Carbinol sind vielversprechend. So konnte gezeigt werden, dass der Verzehr von Kreuzblütlern vor Brustkrebs schützen kann (Laidlaw M / Breast Cancer 2010 und Liu X / Breast 2013). An der „Women′s Healthy Eating and Living (WHEL)”-Studie nahmen über 3000 Brustkrebspatientinnen teil. Das Ergebnis war erfreulich: Wenn die Frauen während ihrer Tamoxifen-Therapie Kreuzblütlergemüse verzehrten, sank ihr Rückfallrisiko (Thomson CA / Res Treat 2011). Dies bestätigt, was zuvor in Zellkulturen beobachtet worden ist: Indol-3-Carbinol ist gegen östrogenrezeptorpositive Brustkrebszellen stärker wirksam als Tamoxifen. Eine Kombination von Indol-3-Carbinol und Tamoxifen hemmt östrogenrezeptorpositive Brustkrebszellen effektiver als die beiden Wirkstoffe allein (Cover CM / J Biol Chem 1998 und Cover CM / Cancer Res 1999).
Einfluss auf die Schilddrüse. Die Studienlage zum Einfluss auf Brustkrebs ist für Indol-3-Carbinol eindeutig besser. Daher empfehlen wir vor allem Indol-3-Carbinol. Das schließt aber nicht aus, dass Sie parallel auch Brokkoli, Brokkolisprossen oder Brokkoliextrakt verwenden sollten (siehe unten). Wie bei vielen anderen Dingen gilt auch hier: Die Dosis macht das Gift.
Insbesondere im Rohzustand verzehrter Kohl kann je nach Menge die  Schilddrüsenfunktion beeinträchtigen. Schlimmstenfalls kann es zum sogenannten „Kohlkropf” kommen. Das liegt daran, dass Thiocyanate aus dem Kohl Jod verdrängen. Achten Sie auf eine ausgewogene Balance und setzen Sie bei Ihrem Speisenplan auf Vielfalt. Für Indol-3-Carbinol ist die Ausbildung einer Schilddrüsenunterfunktion nicht bekannt. Grundsätzlich raten wir dennoch allen Brustkrebspatienten, ihre Jodausscheidung im Urin bestimmen zu lassen. Nicht nur die Schilddrüse, sondern auch die Brust benötigt Jod! Ein Jodmangel kann das Auftreten einer Mastopathie begünstigen – und sogar Brustkrebs fördern.
Anwendung. Zurück zur konkreten Dosierung: Von Experten wissen wir, dass die wirksame Dosis von Indol-3-Carbinol bei etwa 400–600 mg pro Tag liegt. Diese Menge durch Brokkoliextrakt zu erhalten, ist nicht praktikabel. Will man täglich 600 mg Indol-3-Carbinol durch Verzehr von Kreuzblütlergemüse oder auch Brokkoliextrakt aufnehmen, müsste man fast 0,5 kg Sprossenmaterial essen. Bei dieser Menge würden etwa 12 g anderer „Restglucosinolate” verzehrt, die toxisch oder zumindest stark abführend wirken.
Folglich wird isoliertes und angereichertes Indol-3-Carbinol verwendet. Die Dosis ist abhängig vom Körpergewicht: Bis 65 kg werden 400 mg Indol-3-Carbinol empfohlen, bei mehr als 65 kg Körpergewicht 600 mg.

Allerdings ist hochdosiertes Indol-3-Carbinol nur eines von etwa 120 Glucosinaten in Kohlsorten. Wir halten es daher grundsätzlich für empfehlenswert, sich nicht nur auf teure Nahrungsergänzungsmittel zu fokussieren, sondern die Vorteile der gesamten Pflanze zu nutzen und auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Kreuzblütlerpflanzen zu achten. Zumal nach derzeitigem Kenntnisstand noch nicht eindeutig gesagt werden kann, welche Konzentrationen von Nahrungsergänzungsmitteln mit Sulforaphan, Indol-3-Carbinol oder sonstigen Glucosinolat-Derivaten wirklich sinnvoll sind.