Patienten fragen

In Ihren Infos lese ich gerade, dass ich als Brustkrebspatientin Milch meiden soll. Das ist doch ein Grundnahrungsmittel, das seit Menschengedenken auf den täglichen Speiseplan gehört! Wie kommen Sie darauf, dass Milch schädlich ist?

Vor 60 Jahren gab eine Kuh maximal 10 Liter Milch am Tag, heute produzieren Hochleistungs-Milchkühe täglich bis zu 50 Liter des Drüsensekrets. In industriellen Molkereien werden die Kühe bis zu 300 Tage im Jahr gemolken, um eine möglichst hohe Ausbeute zu erzielen. Milch ist zum Massenprodukt geworden. Die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe und damit die Qualität der Milch haben sich in den letzen Jahrzehnten ganz wesentlich verändert. Otto Bruker (»Der Murks mit der Milch«) stellte schon Anfang der 1990er-Jahre fest, dass zu viel Milch problematisch ist.
Inzwischen gibt es umfangreiche Untersuchungen zum angeblichen »Männer-Munter-Macher«: Sie belegen, dass in industriell hergestellter Milch hormonaktive Östrogenderivate in erheblichen
Konzentrationen enthalten sind. Das betrifft etwa 95 % der im Handel befindlichen Milchprodukte. Forscher der weltweit renommierten Harvard-Universität weisen darauf hin, dass der Hormongehalt der Milch das Risiko für hormonbezogene Krebsarten, wie z. B. Eierstockkrebs, erhöhen kann (Milksymposium, Harvard Study: Pasteurized milk from industrial dairies linked to cancer, 2/2012). Ursachen findet man zum einen darin, dass sogenanntes »Wachstumsfutter « zugefüttert wird, das entsprechende Hormone enthält. Zum anderen werden die Kühe auch gemolken, während sie trächtig sind. Dann ist der Hormongehalt der Milch naturgemäß besonders hoch. In traditionellen Hirtengesellschaften, wie z. B. in der Mongolei, käme niemand auf die Idee, eine schwangere Kuh zu melken. Dass ein hoher Milchkonsum das Risiko für Brustkrebs erhöhen kann, bestätigen seit Jahren mehrere Studien. Eine groß angelegte Untersuchung, in der die Ernährungsgewohnheiten von 40 Ländern in Augenschein genommen wurden, zeigt beispielsweise einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Konsum von Milch und Fleisch mit dem Auftreten von Brustkrebs (Ganmaa D, Sato A/Med Hypotheses 2005). In den 50 Jahren zwischen 1947 und 1997 ist auch in Japan der Konsum von Milch (20-fach), Fleisch (10-fach) und Eiern (7-fach) deutlich angestiegen. Im gleichen Zeitraum hat sich dort die altersstandardisierte Sterblichkeit an Brustkrebs in etwa verdoppelt (Li XM et al./Med Hypotheses 2003). Außerdem wurde bei mehr als 25 000 Norwegerinnen untersucht, welchen Einfluss die Höhe des Milchkonsums auf die Wahrscheinlichkeit hat, an Brustkrebs zu erkranken. Das Ergebnis: Wer täglich mehr als 750 ml Vollmilch trank, hatte ein um 191 % erhöhtes Risiko gegenüber den Frauen, die am Tag weniger als
150 ml Vollmilch zu sich nahmen (Gaard M et al./Int J Cancer 1995). Wozu brauchen wir Milch eigentlich? Glaubt man den Aussagen der Milchindustrie, baut das Kalzium aus der Milch unsere Knochen auf und schützt uns damit vor Osteoporose. Dem widersprechen Studienergebnisse ganz entschieden: Weder in der Nurses’ Health Study noch in der Health Professionals Follow-up Study aus den USA war irgendein positiver Effekt von Milch auf die Knochendichte nachweisbar, selbst wenn Frauen bereits in der Kindheit und Jugend regelmäßig Milchprodukte verzehrten (Feskanich D/JAMA Pediatr 2014). Eine aktuelle Veröffentlichung aus Schweden zeigt sogar einen gegenteiligen Effekt: 61 433 Frauen und 45 339 Männer hielten ihre Ernährungsgewohnheiten in Fragebögen fest. Die Studienteilnehmer wurden 11 Jahre lang nachbeobachtet. In der Zeit kam es bei hohem Milchkonsum vermehrt zu Knochenbrüchen (Frakturen) infolge von Osteoporose (Michaëlsson K et al./BMJ 2014). Vor allem für Frauen erhöhte sich das Osteoporoserisiko durch Milch: So nahm für jedes Glas Milch am Tag das Frakturrisiko um 2 % zu; bei den Hüftfrakturen betrug der Anstieg sogar 9 %. Außerdem – und das ist erstaunlich und bedenklich zugleich – erhöhte der Milchkonsum die Sterberate: Die Autoren der Studie ermittelten einen Anstieg der Gesamtsterblichkeit je 200 ml Milch um 15 % bei Frauen und um 3 % bei Männern. Asiaten mit ihrer traditionellen Ernährung kennen das Problem der Osteoporose kaum. Sie decken ihren Kalziumbedarf nicht mit Milch, sondern mit pflanzlicher Ernährung, vor allem mit Sesam. Sesam kann als Sesamsalz (Gomasio) übrigens sehr gut in die westliche Küche integriert werden. Viel Kalzium steckt auch in grünem Gemüse, verschiedenen Kohlsorten, Blattsalaten und Kräutern.
Vergleicht man konventionelle Industriemilch mit Milch aus Demeter-Landwirtschaft, enthält die Bio-Milch zwei Drittel mehr an gesunden Omega-3-Fettsäuren (Food Standards Agency FSA, Großbritannien, 3/2004). In der Aprilausgabe der Zeitschrift Öko-Test erfahren Sie, welche Milch wirklich von Kühen stammt, die Heu und Gras fressen, sodass ihr Omega-3-Gehalt hoch ist.
All diese Forschungsergebnisse und Beobachtungen geben Anlass, Milch als Lebensmittel kritisch zu betrachten und die Konsumgewohnheiten zu überdenken – sowohl quantitativ als auch qualitativ. Wir empfehlen, lieber zu pflanzlichen »Milch-Alternativen« zu greifen, die es in vielen Varianten gibt, wie z. B. Hafer-, Dinkel-, Mandel-, Reis- oder Sojamilch. Die Geschmäcker sind verschieden. Probieren Sie mehrere Hersteller aus, bis Sie ein Produkt gefunden haben, das Ihnen
mundet.