Patienten fragen

Meine Mutter ist an Brustkrebs gestorben. Dass ich eventuell eine erbliche Vorbelastung habe, ist mir bewusst. Ich versuche daher möglichst gesund zu leben. Durch die Presseberichte über die Amputation von Angelina Jolie bin ich aufgeschreckt. Was meinen Sie: Soll ich auch einen Gentest machen? Und ist es wirklich notwendig, sich beide Brüste abnehmen zu lassen, falls er positiv ausfällt?

Frau Jolie hatte angeblich ein 87-prozentiges Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, durch die Amputation sank es auf fünf Prozent. Solche Zahlen scheinen auf den ersten Blick überzeugend. Als eine »heldenhafte Tat«, wie ihr Mann Brad Pitt die Amputation nennt, würden wir diesen Eingriff aber nicht bezeichnen wollen. Das Gegenteil ist der Fall. Die Operation ist der Ausdruck von hilfloser Angst. Viele Menschen haben Angst vor Krebs. Und wenn eine Frau den Tod ihrer eigenen Mutter durch Brustkrebs miterlebt hat, ist es verständlich, dass sie ihr persönliches Risiko für eine Krebserkrankung so gering wie möglich halten will.
Der Sinn von Gentests in diesem Zusammenhang ist fraglich und aus ethischer Sicht sind solche Untersuchungen äußerst kritisch zu betrachten. Die Erkenntnisse der Forschung zur Epigenetik haben längst bewiesen, dass erbliche Dispositionen kein Schicksal besiegeln. Gene können vereinfacht gesprochen an- und abgeschaltet werden. Unser Lebensstil, unsere psychische Balance
und andere Aspekte haben Einfluss auf das Auftreten von Erkrankungen. Krebs ist ein multifaktorielles Geschehen, d. h. es gibt zahlreiche Einflussfaktoren, die wir positiv gestalten können – ohne uns von vollkommen gesunden Körperteilen zu trennen. Studien belegen beispielsweise, dass regelmäßige Bewegung das Risiko, an Brustkrebs zu sterben, um 50 Prozent senkt.
Mit der Erwartung, dass die Krankheit mit hoher Wahrscheinlichkeit eintreten wird, steigt tatsächlich das Risiko einer Erkrankung. Die Erkenntnisse der Psychoneuroimmunologie belegen die Wechselwirkungen zwischen Seele und Abwehrsystem. In diesem Sinne hatte Frau Jolie nach dem
Test sicher ein erhöhtes Krebsrisiko. Die Schauspielerin hat mit dem Eingriff ihre Angst besänftigt. Hierfür hätte es sicher auch andere Wege gegeben, die in der Öffentlichkeit weniger Aufsehen erregt hätten. Wir alle leben täglich mit der Möglichkeit, lebensbedrohlich zu erkranken. Das Sterberisiko liegt unausweichlich bei 100 Prozent für jeden von uns. Es gibt buchstäblich Hunderte von Krebserkrankungen und viele Tausend andere Möglichkeiten dem Tod zu begegnen. Mit diesem Wissen müssen wir fertig werden. Das ist natürlich umso schwieriger, wenn die Angst durch eigene Erkrankung, Krankheiten der Verwandten oder andere Risikofaktoren ein bestimmtes Gesicht hat. Bevor wir mit solchen Situationen konfrontiert werden, verdrängen wir die Gedanken an die eigene Endlichkeit in der Regel. Tritt sie dann in unser Bewusstsein, trifft uns die Angst umso heftiger. Das ist vollkommen normal und menschlich. Sich dieser Angst zu stellen, kann ein Meilenstein der persönlichen Entwicklung sein, erfordert aber viel Mut und Verantwortung für sich selbst von jedem einzelnen.
Es gibt viele Möglichkeiten, diesen sensiblen Schritt zu unterstützen. Einfühlsame Begleiter finden sich im therapeutischen Kontext und in der Seelsorge.