Patienten fragen

Ich habe Brustkrebs und mein behandelnder Frauenarzt hat mir die Gabe von Herceptin empfohlen. Nun mache ich mir Sorgen, weil ich gehört habe, dass dadurch Herzschädigungen auftreten können. Was ist das für eine Substanz und wie unbedenklich ist deren Anwendung?

"Herceptin" (Trastuzumab) ist der Handelsname eines Antikörper-Präparats zur Behandlung von Brustkrebs. Herceptin ist als monoklonaler Antikörper in der adjuvanten Situation (d.h. nach Primäroperation) und bei metastasiertem Brustkrebs zugelassen.
Herceptin wirkt folgendermaßen: Brustkrebszellen tragen auf ihrer Oberfläche häufig Rezeptoren (HER 2), mit denen sie bestimmte Eiweißstoffe aufnehmen. Diese körpereigenen Eiweißstoffe fördern das Wachstum von Brustdrüsenzellen. Brustkrebszellen bilden häufig besonders viele HER-2-Rezeptoren aus. Um diese Wachstumsimpulse für Krebszellen zu verhindern, wurde ein Antikörper entwickelt, der sich ebenfalls an die HER 2-Rezeptoren anbindet und diese blockiert. Dadurch können die körpereigenen Wachstumsförderer nicht mehr andocken, wodurch die Tumorzellen keine Wachstumsimpulse mehr erhalten.

FISH-Test. Voraussetzung für die Anwendung ist eine dreifache Ausprägung (sog. Überexpression) des sogenannten HER2-Rezeptors. Nur dann keine eine Herceptin-Therapie überhaupt wirksam werden. Darum muss vor einer Behandlung untersucht werden, ob HER2-Rezeptoren vorhanden sind, am besten mithilfe des sogenannten FISH oder CISH Tests. Das sollte in einem darauf spezialisierten Labor geschehen, da der Test noch nicht allgemein standardisiert ist und Fehlerbstimmungen mit bis zu 34 % zwischen einzelnen Labors häufig vorkommen (Lebeau A/Der Gynäkologe 2009). Besonders bei Tumormaterial, das aus der Biopsie gewonnen wurde, werden wiederholt falsch-positive Befunde erhoben. Folglich werden Patientinnen aufgrund eines falschen Biopsiebefundes mit Herceptin therapiert, obwohl dies völlig unnötig wäre.

Studien.  Die Zulassung von Herceptin® erfolgte vor allem auf der Basis der HERA-Studie, bei der Herceptin® in der adjuvanten Situation, das heißt nach Primär-Operation, angewandt wurde. Die Zwischenauswertung dieser Studie (Piccart-Gebhart MJ/N Eng J Med 2005), bei der Herceptin® in der adjuvanten Situation, das heißt nach Primär-Operation, angewandt wurde, verbesserte das krankheitsfreie Überleben nach ein- beziehungsweise zweijähriger Nachbeobachtung lediglich um 5,5 beziehungsweise 7,6 %. Nach vier Jahren waren es 6,4 %. Das heißt konkret: ohne Herceptin®-Therapie waren 72,2 %, und mit Herceptin®-Therapie 78,6 % der Patientinnen krankheitsfrei. Nach 11 Jahren Nachbeobachtung verbesserte sich das krankheitsfreie Überleben ebenfalls nur um 6,8 Prozent (Cameron D/Lancet 2017).

Auch in anderen Studien konnte der Nutzen einer Therapie nicht überzeugend dargestellt werden, so dass einige Fachleute dazu raten, bei bisher fehlenden Hinweisen für einen Nutzen der Antikörpertherapie, die vorbeugende Gabe von Herceptin® trotz bestehender Zulassung weiterhin kritisch zu bewerten. Auch die geeignete Behandlungsabfolge ist laut dem pharmaunabhängigen arznei-telegramm noch ungeklärt. Möglicherweise hat die bei uns übliche Gabe von Herceptin® nach Abschluss der Chemotherapie nur einen sehr geringen Nutzen. So weisen mehrere Studien darauf hin, dass die Gabe von Herceptin® während oder vor einer Chemotherapie besser wirksam, aber möglicherweise auch schlechter verträglich ist. Studienergebnisse der HannaH-Studie und der PrefHer-Studie zeigen, dass ins Unterhautfettgewebe (subkutan) verabreichtes Herceptin ® ebenso wirksam und sicher wie in die Vene (intravenös) verabreichtes Trastuzumab ist.

Therapiedauer verkürzen. Eine aktuelle Studie zeigte auch (Earl HM/J Clin Oncol 2018), dass eine kürzere Gabe von Herceptin® genauso effektiv ist. In der sogenannten Persephone-Studie wurde an 4089 Frauen untersucht, ob die Dauer der adjuvanten Therapie mit Herceptin® bei frühen Mammakarzinomen von den üblichen 12 Monaten auf 6 reduziert werden kann, ohne dass dadurch das Rückfallrisiko erhöht wird. Ergebnis: Das krankheitsfreie 4-Jahres-Überleben lag bei 89,4 % nach 6 Monaten Herceptin® und bei 89,9 % nach 12 Monaten Herceptin®. Herz-Kreislauf-Reaktionen, die zum Therapieabbruch führten, halbierten sich bei verkürzter Therapiedauer deutlich.

Nebenwirkungen. Von den Nebenwirkungen her problematisch ist beim Herceptin vor allem, dass es sich nicht nur gegen Krebszellen auswirkt, sondern auch Rezeptoren im Herzgewebe besetzt und möglicherweise am Herzmuskel irreparable Schäden verursacht. Unter der Gabe von Herceptin treten daher bei mindestens 4% der Patienten Herzschäden und Herz-Kreislauf-Reaktionen auf. Besonders gefährdet sind Frauen, die Herceptin mit bestimmten chemotherapeutischen Substanzen, den Anthrazyklinen, einnehmen oder bereits vor Behandlungsbeginn Anthrazykline erhalten haben. Hier kann sich der Anteil an Herzproblemen auf bis zu 20 % steigern.
Um Herzproblemen vorzubeugen, empfiehlt die GfBK im Falle einer Herceptinbehandlung die kombinierte Gabe von Coenzym Q10 und L-Carnitin. In der Schulmedizin wird zum Herzschutz ein Chelatbildner, das Dexrazoxan eingesetzt. In jedem Fall ist es wichtig, vor und während der Herceptin-Gabe Ultraschalluntersuchungen vom Herzen durchführen zu lassen.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Herceptin durchaus im Einzelfall vorteilhaft für Patientinnen sein kann, dass man aber noch nicht genau einschätzen kann, welche Frauen besonders von der Herceptin-Gabe profitieren. Wir empfehlen Patientinnen daher, vor einer Therapie die persönliche Entscheidung gemeinsam mit den behandelnden Ärzten kritisch zu hinterfragen. Hinterfragen Sie auch, ob der Herceptin-Rezeptor korrekt bestimmt wurde. Bei Zweifeln wenden Sie sich an ein Zweitlabor.