Patienten fragen

Ich habe Brustkrebs ohne Lymphknotenbefall und soll demnächst eine Chemotherapie erhalten. Ich stehe der Therapie eher skeptisch gegenüber und würde gerne wissen, ob eine Chemo nach dem Gießkannenprinzip wirklich bei allen Patientinnen notwendig ist.

Die Entscheidung darüber, ob bei kleinen und mittelgroßen Tumoren ohne Befall der Lymphknoten (mittleres Risiko) im Anschluss an die Operation eine Chemotherapie durchgeführt werden soll oder nicht, muss heute nicht mehr nur anhand der Tumorklassifikation nach der Operation getroffen werden. Mit dem so genannten uPA/PAI-1 Test (www.femtelle.de) oder anderen Testverfahren ist es möglich, vorab festzustellen, wie hoch das Risiko ist, dass der Tumor Metastasen bildet, ob also eine Chemotherapie notwendig ist oder nicht (siehe GfBK-Broschüre Brustkrebs). Auch die Durchführung eines Chemosensitivitätstests in speziellen Laboratorien kann hilfreich sein (siehe GfBK-Info Wirksamkeitstest für Chemotherapie). Weitere GfBK-Information zu diesem Thema: "Chemotherapie - Eine Entscheidungshilfe".
Jedoch ist auch wenn keine dieser Testungen erfolgen konnte, in Anbetracht der möglichen Nebenwirkungen eine gründliche Information über Sinn und Zweck einer Chemotherapie unabdingbar. Wichtig ist, dass die Entscheidung zu einer Chemotherapie nicht auf Grund von Druck seitens der Ärzte erfolgt. Bis zu Beginn der Chemotherapie ist genügend Zeit, um eigene Wege im Umgang mit der Erkrankung zu finden und um Maßnahmen zu ergreifen, die das Immunsystem stärken helfen. So hat eine dänische Studie gezeigt (Cold S/Brit J Cancer 2005), dass ein früher Beginn der Chemotherapie innerhalb der ersten drei Wochen nach der Operation keinen Überlebensvorteil für die Patientinnen bedeutet. Am besten soll diese Entscheidung mit einem zweiten Arzt, der sowohl schulmedizinische als auch immunbiologische Therapieverfahren kennt und einschätzen kann, besprochen werden.
Frauen mit weniger aggressivem Brustkrebs sollte auch bewusst sein, dass der absolute Vorteil einer Chemotherapie eher klein sein wird. Dies betrifft vor allem Frauen mit kleinen Tumoren ohne Lymphknotenbefall, also der Mehrzahl aller an Brustkrebs Betroffenen:
Als Beispiel sei der Fall einer 50-jährigen Patientin mit durchschnittlicher Gesundheit genannt, die einen 1.1cm bis 2cm großen hormonrezeptorpositiven Brusttumor mit Differenzierungsgrad G2 ohne Lymphknotenbefall hat. Laut www.adjuvantonline.com, eine Internetseite, die Risikobewertungs- und Prognosehilfe für viele Onkologen ist, hätte diese Frau eine 84,1%ige Chance, 10 Jahre später noch am Leben zu sein - auch dann, wenn sie gar keine adjuvante Chemotherapiebehandlung nach der Operation erhalten würde. Ihre Chance in diesem 10-Jahres-Zeitraum zu sterben beträgt 7,7%. Ihre Wahrscheinlichkeit aus anderen Gründen als Krebs während dieser Zeit zu sterben beträgt 8,2%. Wenn man nur die Todesfälle aufgrund der Brustkrebserkrankung mit einbezieht, beträgt die Wahrscheinlichkeit, auch ohne Chemotherapie 10 Jahre später noch am Leben zu sein, 91,6%.
Wenn sie nur Antihormontherapie als alleinige Behandlung wählte (typischerweise Tamoxifen und ein Aromatasehemmer) könnte sie ihre 10-Jahre-Überlebenschancen um 2,3% verbessern. Wenn sie eine adjuvante Chemotherapie, wie z.B. ein heute übliches anthrazyklinhaltiges Regime (z.B. FEC) erhielte, würde das ihre Überlebenswahrscheinlichkeit um 1,6 % verbessern. Bekäme sie jedoch beide, Antihormontherapie und Chemotherapie, so würden sich ihre Chancen um zusammen 3,4% verbessern. In anderen Worten: Chemotherapie verbessert die 10-Jahres- Überlebens-wahrscheinlichkeit gegenüber Operation plus Hormontherapie bei Brustkrebs um nur noch 1,1%! Man kann sich daher grundsätzlich fragen, ob nicht in vielen Fällen die Nebenwirkungen stärker als die Wirkung der Chemotherapie sind.
Natürlich ist das erwähnte Beispiel nur eine Möglichkeit aus einer großen Zahl an Möglichkeiten. Tumore unterscheiden sich in ihrer Größe, ihrem Stadium, ihren genetischen Charakteristika, in dem Grad ihrer Streuung usw. und es gibt Konstellationen, in denen eine aggressive adjuvante Chemotherapie bei Brustkrebs, z. B. bei Tumoren mit sehr starkem Lymphknotenbefall, Hormonrezeptornegativität, starke Ausprägung des Herceptinrezeptors, gerechtfertigt sein kann. Diese Tumorkonstellationen sind jedoch eher selten; und auch dann ist es ratsam, sich von den behandelnden Ärzten bei Adjuvantonline.com einen ersten Eindruck über die Wirksamkeit der Therapie geben zu lassen. Teilweise ist es überraschend, wie selbst bei positivem Lymphknotenbefall der Profit durch eine Chemotherapie laut Adjuvantonline.com eher gering ausfällt.
Und nicht zuletzt sollte man bei der ganzen Diskussion auch einen wichtigen Punkt nicht außer Acht lassen: In einer großen Studie senkte moderater Ausdauersport, d.h. wöchentlich drei bis fünf Stunden Laufen oder gleichwertige Übungen, das Risiko an Brustkrebs zu sterben, um 50%. Es gibt derzeitig in der Medizin keine Therapie, die einen solchen Effekt annähernd erreichen könnte.