Patienten fragen

Mir wurde von einer Freundin, die ebenfalls an Krebs erkrankt ist, ein veganer Eiweißtrunk empfohlen. Was halten Sie davon?

Unter solchen Eiweißtrünken versteht man Pulver aus Sojaprotein, Reisprotein, Erbsenprotein, Hanfprotein und/oder Lupinenprotein. Diese enthalten Aminosäuren, die unser Körper normalerweise aus tierischer und pflanzlicher Nahrung aufnimmt und sie in körpereigene Eiweiße umwandelt, die vielfältige Aufgaben erfüllen. Sie dienen als Ausgangssubstanzen für die Bildung von wichtigen körpereigenen Stoffen, zum Beispiel Botenstoffe, Schilddrüsenhormone, und decken den täglichen Energiebedarf. Aminosäuren werden vor allem Sportlern, aber auch
geschwächten Personen empfohlen.
Von den 20 Aminosäuren, die unser Körper benötigt, können wir einen Teil selbst herstellen, acht sind jedoch essenziell und müssen – bei erhöhtem Bedarf – im richtigen Verhältnis zueinander und am besten täglich zugeführt werden. Diese essenziellen Aminosäuren sind Isoleucin, Leucin, Lysin, Methionin, Phenylalanin, Threonin, Tryptophan und Valin.
Die Aminosäuren Arginin, Lysin und Glutamin beeinflussen auch die Funktion von T-Zellen im Immunsystem. Von Arginin ist zum Beispiel bekannt, dass es die Zytotoxizität von natürlichen Killerzellen steigert. Lysin hemmt die Vermehrung von Herpesviren und hat ebenfalls eine T-Zell-immunstimulierende Wirkung. Und Glutamin verbessert das Immunsystem vor allem über den Schutz der Darmschleimhaut und den positiven Einfluss auf die Lymphozyten.
Besonders Glutamin spielt in der Physiologie des Menschen eine Schlüsselrolle. Zusammen mit Glutaminsäure dient es als Substrat für die Neubildung von Glutathion und wird in der Leber zur Entsorgung von Ammoniak aus dem Proteinabbau genutzt. Schwere Krankheitszustände wie Infekte, Traumata, Entzündungen oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen ziehen fast immer einen Glutaminmangel nach sich. Inzwischen weiß man auch aus Studien, dass die Gabe von Glutamin Schleimhautentzündungen in Darm und Mund, die infolge einer Chemotherapie
auftreten, reduzieren hilft (z. B. Pachon I / Nutrición Hospitalaria 2018; http://dx.doi.org/10.20960/nh.1467). In den meisten Studien wurden dafür täglich 3 x 10 g Glutathion eingenommen.
Der Gesamtbedarf an Aminosäuren ergibt sich übrigens aus dem Bedarf der essenziellen Aminosäuren. Dieser wird über die tägliche Proteinzufuhr (für Erwachsene 0,8 g/kg Körpergewicht) gedeckt. Bei Krebspatienten liegt der Bedarf eher etwas höher, sodass es ein guter Ratschlag ist, vor allem, wenn Sie sich hauptsächlich vegetarisch ernähren, ab und zu einen veganen Eiweißtrunk zu trinken.
Achten Sie beim Kauf des Eiweißpulvers vor allem darauf, dass alle essenziellen Aminosäuren enthalten sind und dass
keine unnötigen Zusatzstoffe, wie zum Beispiel Geschmacksstoffe, zugesetzt wurden. Wenn Sie kein Getränk mögen, gibt es inzwischen auch Aminosäurekombinationen in Tablettenform.
Wahrscheinlich ist die Einnahme von Aminosäuremischungen grundsätzlich besser als eine unkontrollierte Zufuhr einzelner Aminosäuren. Vor allem bei stark geschwächten Patienten würden wir immer eine Aminosäureanalyse empfehlen, durch die eine individuell optimierte Zufuhr von Aminosäuren eingeleitet werden kann. Ein sogenanntes Aminosäurenprofil kostet etwa 70 Euro. Bei Depressionen oder Schlafstörungen achten Sie darauf, dass L-Tryptophan mitbestimmt wird. Einige Apotheken stellen auf der Basis dieser Aminosäurenprofile auch Individualmischungen
her.
Tipps für die Ernährung, wenn wenig Fleisch und Milchprodukte gegessen werden: Erhöhen Sie Ihre Eiweißaufnahme aus pflanzlichen Nahrungsmitteln, zum Beispiel Bohnen, Hülsenfrüchte, Nüsse, Reis, Quinoa, Amaranth. Denken Sie auch an die Verwendung von Lupinen als Mehl oder Fleischersatz mit einem sehr hohen Eiweißgehalt und viel weniger pflanzlichen Hormonen als Soja. Rezeptideen: Scheibe Brot mit eiweißhaltigen Streichcremes (zum Beispiel Protein-Aufstriche von Nabio) oder selbst gemacht: Avocado-Kokos-Quark, Tofu-Dip mit Avocado oder Bohnen, Hummus aus Kichererbsen oder Erbsen.