Patienten fragen

Eine Freundin hat mir Colostrum empfohlen. Das Mittel soll meine Abwehr stärken. Können Sie mir sagen, wie Colostrum auf das Immunsystem wirkt? Ist das ein sinnvoller Tipp?

Colostrum wird auch als Biestmilch oder Vormilch bezeichnet. Genau genommen ist es jedoch keine Vorstufe von Milch. Alle säugenden Muttertiere produzieren in den ersten Stunden nach der Geburt und bis zum 5. Tag danach Colostrum. Erst dann geben sie Milch zur Aufzucht und zum Wachstum. Da zum Zeitpunkt der Geburt die Abwehrfunktionen des Nachwuchses noch nicht ausgereift sind, bessert die Natur nach: Colostrum ist besonders reich an Abwehrstoffen. Seit etwa 1960 wird der medizinische Wert dieser Substanz auch in der deutschen Naturheilkunde anerkannt. Ärzte und Heilpraktiker setzen Colostrum bei einer Vielzahl von Erkrankungen ein, die mit einer Schwächung des Abwehrsystems einhergehen. Colostrum enthält einen Cocktail aus verschiedenen Vitaminen und Mineralstoffen sowie Immunfaktoren. Darin sind auch alle Immunglobuline IgA, IgM, IgE, IgG und IgD vorhanden. Das Colostrum der Kuh hat eine nahezu identische Zusammensetzung wie das des Menschen. Und einige Immunfaktoren sind höher konzentriert als in menschlicher „Vormilch“. Daher gilt das Colostrum der Kuh für die Behandlung von Menschen als besonders wertvoll. Das therapeutische Spektrum von Colostrum ist breit. Es wird besonders bei Patienten mit Haut- und Schleimhauterkrankungen eingesetzt, wie beispielsweise bei Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Allergien, Psoriasis und Neurodermitis. Bei Krebs ist Colostrum vor allem für Patienten mit hartnäckigen Darmbeschwerden (z. B. Durchfällen nach Chemotherapie) geeignet. Außerdem kann es beim Fatigue-Syndrom angewendet werden. Auch zum Vorbeugen von Infekten und bei chronischer Infektanfälligkeit hilft Colostrum: In einer Studie wurde sogar gezeigt, dass Colostrum grippale Infekte besser vorbeugen kann als eine Grippeschutzimpfung (Cesarone MR et al. / Clin Appl Thromb Hemost 2007). Colostrum wird in verschiedenen Varianten angeboten, z. B. als Getränk oder in Form von Kapseln. Um einen nachhaltigen Effekt auf Ihr Immunsystem zu erzielen, sollten Sie Colostrum täglich und mindestens drei Monate lang einnehmen. Viele Patienten wenden Colostrum oder Stutenmilch zweimal im Jahr als Kur an. Die Dauer einer Kur richtet sich nach dem individuellen Bedarf. Sie kann 90 bis 150 Tage und noch mehr betragen. Inzwischen gibt es sogar Präparate aus Colostrum, die Irritationen und Entzündungen im Scheiden- und Vulvabereich lindern (Vicosan intim). Nebenwirkungen sind nicht bekannt. Colostrum enthält geringe Spuren von Laktose. Dennoch ruft es bei Patienten mit Laktoseintoleranz fast nie Beschwerden hervor. Theoretisch besteht das Risiko einer BSE-Kontamination. Um dieses Risiko auszuschließen, empfehlen wir, Colostrum aus verlässlichen Quellen zu beziehen, bei denen Sie genau wissen, aus welchem Herkunftsland das Mittel stammt. Weltweit gibt es noch drei BSE-freie Länder: Argentinien, Australien und Neuseeland. Nur dort werden die Rinder ohne Zufütterung von Futtermitteln gehalten und auch keine Tiere importiert. Kritiker bemerken allerdings, dass die enthaltenen Antikörper vor allem gegen die spezifischen Krankheitserreger aus den einzelnen Regionen wirksam sind. Daher sollten ihrer Ansicht nach Europäer Colostrum aus Europa bevorzugen. Kaufen Sie nur Colostrum, das innerhalb der ersten zwei bis drei Tage nach der Geburt entnommen wurde. Denn die Qualität sinkt ab dem 3. Tag nach der Geburt rapide ab. Dann enthält es kaum mehr Immunglobuline und andere Immunfaktoren, darf aber bis zum 5. Tag noch als Colostrum vertrieben werden. Für den therapeutischen Wert ist auch der Herstellungsprozess entscheidend. Colostrum muss sorgfältig und schonend verarbeitet werden. Man darf es nicht über 40 °C erhitzen oder mit Röntgenstrahlen behandeln. Und es sollten auch keine Konservierungsstoffe zugesetzt werden. Bevorzugen Sie Colostrum daher in Bio-Qualität aus artgerechter Haltung. Das hat natürlich seinen Preis. Preisgünstige Präparate sind hinsichtlich ihrer Qualität kritisch zu hinterfragen. Ein besonders billiges Colostrum ohne nennenswerten medizinischen Effekt ist trotzdem zu teuer.