Patienten fragen

In einem Zeitungsartikel las ich von Studien,in denen Tumoren unter dem Einfluss von Vitaminen vermehrt zu Metastasen neigten. Nun bin ich verunsichert, da ich als Krebspatient seit Längerem Vitamine zu mir nehme. Was ist Ihre Meinung?

Immer wieder finden sich in der Presse Meldungen, in denen vor der Einnahme von Vitaminen gewarnt wird. Der Artikel bezieht sich vermutlich auf eine Studie der Universität Göteborg. Dort wurde der Einfluss von Vitaminen und Antioxidanzien auf das Wachstum von Hautkrebs in einem Laborversuch an Mäusen untersucht. Die Mäuse, die an einem malignen Melanom erkrankt waren, erhielten das Antioxidans N-Acetylcystein sowie Trolox, ein wasserlösliches Vitamin-E-Derivat (Le Gal K et al. / Science Translational Medicine 2015).
In diesem Experiment zeigte sich, dass die Mäuse mit diesen beiden Substanzen doppelt so viele Metastasen aufwiesen wie die Tiere in der Kontrollgruppe. Auch die Zahl der befallenen Lymphknoten und die Menge der Tumorzellen in den Metastasen waren deutlich erhöht. Die Primärtumoren dagegen blieben unverändert. Die Forscher vermuteten deshalb, dass die Antioxidanzien den wandernden Tumorzellen geholfen hatten, sich auszubreiten.
Vor diesem Hintergrund empfehlen die Autoren der Studie, dass Krebspatienten Nahrungsergänzungen mit antioxidativer Wirkung (also Vitamine und Spurenelemente) generell meiden sollen. Dieser Empfehlung schließen wir uns nicht an.
Die Thematik ist wesentlich komplexer als der Tunnelblick auf einen einzelnen Tierversuch verrät. Hier werden Ängste geschürt und Unsicherheiten gestreut, die dem Einzelnen nicht weiterhelfen.
Die Ergebnisse der schwedischen Forscher zeigen lediglich, dass im Tierversuch die synthetischen Vitaminabkömmlinge NAC und Trolox die Metastasierung von Tumoren der Haut fördern können. Andererseits ist bekannt, dass ein Mangel an Vitamin C aufgrund der unzureichenden Kollagenbildung ebenfalls die Metastasierung fördert (Cha J et al. / Exp Oncol 2011 und Cha J et al. / Int J Oncol, 2013). Außerdem konnten Wissenschaftler der Universität Tübingen nachweisen, dass hoch dosiertes Vitamin C die Erbsubstanz beim Melanom auf epigenetischer Ebene beeinflusst und den natürlichen Zelltod in Hautumorzellen auslösen kann (Venturelli S et al. / Frontiers in Oncology 2014).
Aus unserer Sicht kann man mögliche Therapien für den Menschen nur beurteilen, wenn man klinische Studien an Patienten zurate zieht und nicht Laboruntersuchungen an Zellkulturen oder Nagetieren. Mehrere aussagekräftige Untersuchungen belegen, dass die Einnahme von Multivitaminpräparaten die Wirksamkeit von schulmedizinischen Therapien nicht beeinträchtigt (z.B. Prasad KN et al. / J Am Coll Nutr 2001,
Gröber U/Breastcare 2009, Kwan ML et al. / Breast Cancer Res Treat 2011 und Wassertheil-Smoller S et al. / Breast Cancer Res Treat 2013). Auch andere Forscher befürworten den Einsatz von Antioxidanzien ergänzend zur schulmedizinischen Therapie. Beispielsweise begutachteten Simone und Kollegen 50 klinische Studien mit insgesamt 8.521Patienten. Ihre Meta-Analyse zeigte einen klaren Vorteil für rezeptfreie Antioxidanzien, die zeitgleich zur Chemotherapie eingenommen wurden: Die Nebenwirkungen konnten dadurch deutlich reduziert werden. In 15 Studien mit insgesamt 3.738 Patienten wurde bei Einnahme solcher Antioxidanzien sogar eine längere Überlebenszeit beobachtet (Simone CB et al., Antioxidants and other nutrients do not interfere with chemotherapy or radiation therapy and can increase kill and increase survival, part 1. Altern Ther Health Med, 2007; 13(1): 22-8). Der überwiegende Anteil der heute üblichen Chemotherapeutika erzielt seine Wirkung nicht primär über oxidativen Stress (Mutschler E/Arzneimittelwirkungen 2008, S. 907 ff.). Also greifen Antioxidanzien nicht in deren Wirkmechanismus ein. Auch entscheidet der Stoffwechsel der Tumorzelle mit, wie ein Vitamin wirkt (Sagar SM/Focus on Alternative and Complementary Therapies 2004). Man kann beobachten, dass hoch dosiertes Vitamin C Krebszellen unschädlich macht, während gesunde Zellen unbehelligt bleiben (Chen Q/PNAS 2005).
Bei Antioxidanzien bzw. Vitaminen sind einige Zusammenhänge zu beachten, wenn man sie verantwortungsvoll einsetzen will: Forschungsergebnisse dokumentieren, dass es für die Wirkung von antioxidativen Substanzen einen gravierenden Unterschied macht, ob ein Patient hierin einen Nährstoffmangel aufweist oder nicht. Die SELECT-Studie belegt das beispielsweise für Selen. Wir halten es daher für unbedingt empfehlenswert, Vitamingaben bedarfsorientiert anzuwenden: Wenn z.B. Selen über einen längeren Zeitraum eingenommen wird, muss der Selenblutspiegel regelmäßig kontrolliert werden, um eine optimale Versorgung zur gewährleisten. Dasselbe gilt für die Vitamine B12 und D und auch für Zink.
Kommen wir zurück zu dem Artikel: An dem Experiment gibt es zwei wesentliche Kritikpunkte.
Zum einen ist es grundsätzlich fraglich, ob Laborergebnisse am Mausmodell auf den Menschen übertragbar sind. Zum anderen werden die künstliche Antioxidanzien NAC und Trolox bei Krebspatienten so gar nicht eingesetzt. NAC ist ein schleimlösendes Mittel, das bei chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) indiziert ist.
Weder NAC noch Trolox sind physiologische Vitamine. Eine Verallgemeinerung, mit der man hurtig alle Vitamine und Mineralstoffe als potenziell schädliche Antioxidanzien abstempelt, ist vollkommen unzulässig. Der Schluss entbehrt jeder seriösen Wissenschaftlichkeit.
Eine kaum überschaubare Zahl von wissenschaftlichen Veröffentlichungen zeigt, dass die Mehrzahl dieser Substanzen zwar auch antioxidative Eigenschaften aufweist. Viel wesentlicher jedoch sind weitere, hochspezifische Wirkungen, unter anderem auf die epigenetische Regulation des Zellstoffwechsels. Allein Vitamin D hat Einfluss auf rund 1000 Gene, wie man inzwischen herausgefunden hat.
Eine Mikronährstofftherapie hat nicht zum Ziel, dem Körper pauschal ein paar Antioxidanzien zuzuführen – nach dem Motto: „Viel hilft viel.“ Sinnvoll ist es, Mangelzustände gezielt auszugleichen, damit der Zellstoffwechsel wieder das tun kann, wofür er von Natur aus gedacht ist: den Organismus in
seiner Regulationsfähigkeit zu unterstützen und so Heilung zu ermöglichen.