Forschung / Studien

Im Jahr 2004 wurde eine Studie der Cancer and Leukemia Group B (sog. CALGB-9343-Studie) veröffentlicht, die der Frage nachging, ob Frauen über 70 Jahren mit Mamma-Karzinom im Frühstadium zusätzlich zur brusterhaltenden Resektion und antihormonellen Therapie mit Tamoxifen auch noch eine Strahlentherapie der gesamten Brust erhalten sollten. Nach Auswertung der Daten lag die Rezidivrate nach fünf Jahren mit Strahlentherapie zwar signifikant niedriger als ohne (1% gegenüber 4%), der absolute Unterschied von nur 3% war aber verschwindend gering (Hughes KS et al. / N Engl J Med 2004). Ein Update der Studie nach einer Beobachtungszeit von über zwölf Jahren ergab zwar ebenfalls einen signifikanten Vorteil bei der Rezidivrate (2% gegenüber fast 10%), nicht jedoch bei der krebsspezifischen Sterblichkeit und der Gesamtmortalität (Hughes KS et al. / J Clin Oncol 2010). Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse wurden die „National Comprehensive Cancer Network Guidelines“ der U.S.A. (vergleichbar mit den Leitlinien der Deutschen Fachgesellschaften) im Jahr 2005 mit folgender Fußnote geändert: „Eine Bestrahlung der Brust kann bei über 70-jährigen Frauen entfallen, die einen Östrogenrezeptor-positiven, nodal-negativen T1-Tumor haben und die eine adjuvante Hormontherapie erhalten“.
Anhand von Daten des US-amerikanischen SEER-Registers wurde nun geprüft, ob solche Erkenntnisse das Therapieverhalten in der Praxis verändert haben (Palta M et al. / Cancer 2014). Als Grundlage dienten Angaben zu mehr als 40.500 Frauen, bei denen in den Jahren 2000 bis 2009 ein Hormonrezeptor-positives Mammakarzinom im Stadium I nachgewiesen wurde.
Dabei zeigte sich, dass in den Jahren vor Veröffentlichung der CALGB-9343-Studie der Anteil von älteren Mammakarzinompatientinnen und einer Radiotherapie bei etwa 70% lag. Zwischen 2003 und 2005 sank er auf etwa 60% und stieg dann wieder leicht auf 62% an. Der Unterschied bei der Behandlung vor und nach 2004 war zwar signifikant, aber nicht sehr ausgeprägt.
Bei den Bestrahlungsmodalitäten ergaben sich größere Differenzen. So nahm der Anteil der Frauen mit externer Brustradiatio von 66% auf 54% ab, allerdings stieg der Anteil derjenigen mit Brachytherapie im gleichen Zeitraum von 1,4 auf 6,2%. Die Studienautoren um Palta vermuten, der Verzicht auf eine Therapie falle Ärzten schwerer als das Hinzufügen einer neuen Behandlung.

GfBK-Kommentar: Obwohl in frühen Tumorstadien bei älteren Frauen die zusätzliche Radiatio der Brust wenig zu nützen scheint, werden trotzdem immer noch knapp zwei Drittel aller über 70-jährigen mit Mamma-Karzinom im Frühstadium bestrahlt. Und dies, obwohl nicht nur die CALGB-9343-Studie, sondern auch die Daten der PRIME-II-Studie (Kunkler I/San Antonio 2013) zeigen konnten, dass der Nutzen bei älteren Frauen mehr als fragwürdig ist.
Auch über die Risiken einer Bestrahlung aufzuklären, gewinnt besonders in Anbetracht einer aktuellen Untersuchung von Münchener Forschern an Bedeutung. Diese konnten zeigen, dass selbst eine geringe Strahlen-Dosis Erbgutschäden auslösen kann (O’Leary V et al. / Cell Reports 2015).
Da es leider ziemlich lange dauert, bis sich Erkenntnisse aus klinischen Studien in der Praxis durchsetzen, ist es wichtig, frühzeitig die Patientinnen über Nutzen und Risiken aufzuklären und im Zweifelsfall eine zweite Meinung einzuholen, um eine Übertherapie zu vermeiden.