Forschung / Studien

Weißenborn A, Ehlers A, Hirsch-Ernst KI, Lampen A, Niemann B. Ein Vitamin mit zwei Gesichtern: Folsäure – Prävention oder Promotion von Dickdarmkrebs? Bundesgesundheitsblatt 2017; 60: 332-340. DOI https://doi.org/10.1007/s00103-016-2505-6

Folsäure wurde in den 1940er-Jahren aus Spinatblättern isoliert und in Anlehnung an das lateinische Wort für Blatt (folium) als Folat bezeichnet, da es als essentielles Vitamin vor allem in grünem Blattgemüse vorkommt. Die synthetische Form des Vitamin B9, die sogenannte Folsäure, wird seit den 80-iger Jahren als Nahrungsergänzungsmittel und zur Anreicherung von Lebensmitteln angewandt, nachdem beobachtet wurde, dass durch Folsäureeinnahme vor und in der Schwangerschaft das Risiko für Neuralrohrdefekte verringert werden kann.
Durch den Einsatz während und vor der Schwangerschaft gingen die Neuralrohrdefekte zurück, allerdings wurde parallel zur Anreicherung in den USA und Kanada vorübergehend ein Anstieg von Darmkrebserkrankungen beobachtet [6].
Außerdem sorgte eine Studie aus Großbritannien für Aufsehen: Sie dokumentierte, dass Mütter, die während der Schwangerschaft hohe Dosen Folsäure einnahmen, später häufiger an Brustkrebs verstarben als Frauen ohne Folsäureeinnahme [4]. Im Jahr 2009 verzeichnete eine Untersuchung an Männern ebenfalls ein erhöhtes Risiko für Prostatakrebs durch die regelmäßige Einnahme von Folsäure [5]. Ein minimal erhöhtes Krebsrisiko bei gesteigerter Folsäureaufnahme konnte auch durch eine Metaanalyse bestätigt werden [8]. Andere Untersuchungen weisen hingegen nach, dass das Darmkrebsrisiko durch Folsäure reduziert werden kann. Auch aufgrund der widersprüchlichen Studienergebnisse wurde bisher in Europa die gezielte Anreicherung von Nahrungsmitteln mit Folsäure nicht eingeführt.
Inzwischen ist mehr über den biochemischen Hintergrund bekannt, der unter bestimmten Bedingungen keine Reduktion des Risikos, sondern auch eine Erhöhung bewirken kann. In einer Übersichtsarbeit im Bundesgesundheitsblatt wird darauf hingewiesen, dass natürliches Folat und die synthetische Folsäure hinsichtlich der Aufnahme und Verstoffwechselung nicht gleichzusetzen sind, da Folsäure durch das Enzym DHFR (Dihydrofolat-Reduktase) reduziert werden muss, um verstoffwechselt werden zu können. Da es hier interindividuelle Schwankungen bezüglich der DHFR-Aktivität in Darm und Leber gibt, kann es bei geringer DHFR-Ausstattung dazu führen, dass Folsäure unmetabolisiert in die Leber und von da aus in den Organismus gelangt.
Im Moment deuten nach BfR-Angaben die verfügbaren Daten darauf hin, dass die Aufnahme von Nahrungsfolat und Folatäquivalenten in Höhe von 200 bis 600 µg pro Tag mit einem verringerten Darmkrebsrisiko verbunden ist. Bei guter Versorgung tritt wahrscheinlich kein positiver Effekt auf das Darmkrebsrisiko auf. Und es gilt: Viel hilft nicht unbedingt viel, da höhere Dosen als 600 µg das Risiko wieder eher erhöhen könnten.

GfBK-Kommentar: Aufgrund der bisherigen Forschungsergebnisse lässt sich folgende Schlussfolgerung ableiten: Ob ein tumorprotektiver oder tumorfördernder Effekt auftritt, hängt vor allem von der Dosis, der individuellen Stoffwechsellage und der Form ab. Unserer Ansicht nach ist besonders entscheidend, in welcher Form die Folsäure zugeführt wird. Wie oben beschrieben, wird natürliches Folat aus unserer Nahrung anders verstoffwechselt als synthetisch Hergestelltes, das in den meisten Nahrungsergänzungsmitteln verwendet wird. Kann synthetische Folsäure nicht mithilfe der enzymatischen Prozesse verstoffwechselt werden, dann reichert sich unmetabolisierte Folsäure (= UMFA) im Organismus an. Das kann zu DNA-Schäden führen.
Das Enzym DHFR kann besonders bei Frauen in seiner Aktivität gedämpft sein [7]. Auch bei Entzündungen oder Alkoholkonsum soll die Verstoffwechselung beeinträchtigt sein, wohingegen bei natürlichem Folat dieses Risiko nicht besteht. Dieser komplizierte Vorgang im Stoffwechsel könnte erklären, warum mache Studien einen schützenden und andere einen schädigenden Effekt von Folsäure nachweisen konnten – je nachdem, ob natürliche oder synthetische Folsäure verwendet wurde. Wenn man Folsäure in Tablettenform und nicht in Form von reichlich Blattgemüsen zu sich nehmen will, raten wir dazu, nur die aktive Form (5MethylTertrahydrofolsäure = Metafolin) einzunehmen.

Literatur:
[4] Charles D, Ness AR, Campbell D, Davey Smith G, Hall MH. Taking folate in pregnancy and risk of maternal breast cancer. BMJ 2004; 329(7479): 1375–1376
[5] Figueiredo JC, Grau MV, Haile RW, Sandler RS, Summers RW, Bresalier RS, Burke CA, McKeown-Eyssen GE, Baron JA. Folic acid and risk of prostate cancer: results from a randomized clinical trial. J Natl Cancer Inst 2009; 101(6): 432-5
[6] Mason JB, Dickstein A, Jacques PF, Haggarty P, Selhub J, Dallal G, Rosenberg IH. A temporal association between folic acid fortification and an increase in colorectal cancer rates may be illuminating important biological principles: a hypothesis. Cancer Epidemiol Biomarkers Prev 2007; 16: 1325-1329
[7] Runow K-D. Krebs - eine Umweltkrankheit?: Risiko minimieren - Therapie optimieren. München: Südwest Verlag; 2013
[8] Vollset SE, Clarke R, Lewington S, Ebbing M, Halsey J, Lonn E, Armitage J, Manson JE, Hankey GJ, Spence JD, Galan P, Bønaa KH, Jamison R, Gaziano JM, Guarino P, Baron JA, Logan RF, Giovannucci EL, den Heijer M, Ueland PM, Bennett D, Collins R, Peto R; B-Vitamin Treatment Trialists' Collaboration. Effects of folic acid supplementation on overall and site-specific cancer incidence during the randomised trials: meta-analyses of data on 50,000 individuals. Lancet 2013; 381(9871):1029-36