Krebserkrankungen und die begleitenden konventionellen Therapien gehen häufig mit Müdigkeit und Erschöpfung einher. Welche Rolle der Carnitin-Stoffwechsel hat, wurde in einer Untersuchung mit Kindern näher untersucht (Hockenberry et al. / J Pediatr Hematol Oncol 2009). Dabei wurden in einer Studie aus den USA die Carnitinspiegel von 67 Kindern und Jugendlichen bestimmt, die eine Chemotherapie mit Ifosfamid, Cisplatin oder Doxorubicin erhielten. Das Ausmaß an Fatigue und die Carnitin-Spiegel wurden vor Beginn der Chemotherapie und eine Woche später gemessen. Ergebnis: Frisch als krebskrank diagnostizierte Kinder und Jugendliche hatten signifikant höhere Spiegel an freiem und Gesamt-Carnitin als Kinder und Jugendliche, die bereits eine Chemotherapie erhalten hatten. Außerdem waren nach der Behandlung mit Doxorubicin freies und Gesamt-Carnitin signifikant höher als nach Cisplatin oder Ifosfamid. Eine Woche nach der Chemotherapie waren gesteigerte Fatigue und gesunkene Carnitin-Spiegel signifikant miteinander korreliert. Gesunkene Carnitinspiegel und gesteigerte Fatigue traten im Durchschnitt jedoch erst nach ein bis zwei Zyklen auf. Ursache kann dabei sein, dass das erhöhte Carnitin bei frisch diagnostizierten Patienten mit einem schnellen Übertritt von Carnitin aus dem Gewebe ins Blut verbunden ist. Dadurch scheint das Carnitin ersetzt zu werden, welches durch den Chemotherapie-Metabolisumus verlorengegangen ist.

GfBK-Kommentar: Diese Ergebnisse stützen die These, dass krebsbedingte Fatigue bei Kindern und Jugendlichen Folge eines gestörten Carnitin-Stoffwechsels ist und dass unterschiedliche Chemotherapeutika verschieden großen Einfluss haben. Ursächlich scheinen dabei Störungen in der Synthese des Adenosintriphosphats (ATP) eine Rolle zu spielen, die durch ein Carnitin-Defizit verursacht werden. Carnitin, genauer L-Carnitin, ist eine natürlich vorkommende, vitaminähnliche Substanz und spielt ebenso wie ATP eine essentielle Rolle im Energiestoffwechsel der Zellen.

Dass der Rückgang von Lebensenergie auch bei Erwachsenen mit dem Verlust von Carnitin verbunden ist, konnte bereits in kleineren Studien gezeigt werden. Außerdem weisen (laut Cruciani et al. 2004) 80% der Patienten mit fortgeschrittenen Tumorerkrankungen einen Carnitinmangel auf. Insofern ist es ratsam, auch an diese einfache Therapieoption bei der Behandlung des Fatigue-Syndroms zu denken. Weitere mögliche Einsatzgebiete sind die Prävention/Behandlung von Polyneuropathien und von kardiotoxischen Nebenwirkungen z.B. unter Anthrazyklinen.