2017 Freytag GabrieleMeinen Unterleib in eine verkehrsberuhigte Zone zu verwandeln, war nicht die einzige Drohung, die GynäkologInnen mir entgegenschleuderten für den Fall, dass ich nicht schnellstmöglich ihren Vorschlägen Folge leisten würde. Wieso habe ich trotzdem von Anfang an ausschließlich auf alternative Mittel zur Behandlung gesetzt und keinerlei Eingriff zugelassen?

Der Knall
Im Jahr 1997 bekam ich mit 40 Jahren die Diagnose PAP5, Plattenepithelkarzinom am Gebärmutterhals. Zu der Zeit war mein Leben randvoll. Ich unterrichtete als wissenschaftliche Mitarbeiterin Psychologie an der Freien Universität in Berlin und lebte den Rest der Woche in der Nähe von Hamburg, wo ich meine Praxis für tiefenpsychologische Therapie weiterführte. Außerdem hatte ich die letzten Monate eine schmerzhafte Trennung hinter mich gebracht und war ambivalent bezüglich meines Kinderwunsches. Die Idee, das Baby einer guten Freundin gemeinsam großzuziehen, scheiterte gerade. Zusätzlich fühlte ich mich zwischen der Wissenschaft und meiner Spiritualität hin und her gerissen.

Da kam ein Knall nicht überraschend. Die ersten Tage war ich geschockt und gelähmt und folgte den Empfehlungen der Frauenärztin, mich im Krankenhaus zu einer Konisation anzumelden.

Die Zweifel
Allerdings kamen mir schnell Zweifel. Die Auskünfte von GynäkologInnen, ob es denn beim Kegelschnitt bleiben würde, blieben auch auf Nachfragen vage. Ich vermutete, dass man gar nicht „im Gesunden” schneiden könne und es daher bald zu einer „großzügigen” Gebärmutterentfernung kommen würde – und damit meine Selbstheilungskräfte immer mehr schwänden.

Mich überzeugte die Denkweise der Schulmedizin nicht. Sie kam mir brachial, grob und wenig raffiniert vor. Ich hatte den Eindruck, das Ganze war mächtig generalisiert, das heißt, es berücksichtigte nicht die Ressourcen des einzelnen und besonderen Menschen. Hier wurde mir kein Dialog angeboten.

Damals war noch die Operation „nach Wertheim” gebräuchlich. Sie gilt inzwischen als überholt (zu einer Freundin wurde vor ein paar Jahren im UKE Hamburg gesagt, sie sei Körperverletzung) und ist durch das Vorgehen nach Prof. Höckel abgelöst worden. Im Ärzteblatt wird die neue Operationsmethode begründet mit „aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Beckenanatomie der Frau” (Dt. Ärzteblatt 2009).

Im Nachhinein kann ich mich nur wundern – und beglückwünschen – dass ich, intuitiv misstrauisch geworden, nach weniger als einer Woche die Notbremse zog und die Operation absagte.

Da musste es noch etwas anderes geben.

Vorbilder und Eigenmacht
Als ich mich erinnerte, dass Adelheid Ohlig in ihrem Buch über Luna-Yoga berichtet, sie habe einen PAP5 nur mit Alternativmedizin in zwei Jahren auskuriert, fühlte ich mich ermutigt. So kam eins zum andern.

Ich galt schon immer als eigenwillig. Was mir nicht einleuchtete, habe ich nicht gemacht. Mit den Jahren habe ich gute Erfahrungen gemacht, meine Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen.

Ich lege zwar viel Wert auf Gefühl – aber ich denke auch sehr gerne (selbst). Meine Sozialisation in den Ausläufern der Protestbewegung der Sechziger und später in der Frauen- und Lesbenbewegung der Siebziger Jahre hat mir den nötigen Rückenwind für kritisches Denken verschafft.

Wenn Adelheid es geschafft hatte – warum sollte ich es dann nicht hinkriegen?

Unterstützung
Zu meiner großen Freude war ich für ein alternatives Vorgehen gut gerüstet.

Ich kannte seit Langem eine homöopathische Ärztin, die jetzt bereit war, meinen Heilungsweg zu begleiten. Und die all die Jahre, es sollten neun werden, an einen guten Ausgang glaubte. Selbst wenn ich es in manchen Momenten nicht mehr tat.

Ich praktizierte seit einigen Jahren feinstoffliche Heilarbeit nach Marianne Wex. Ihre Seminare hatten mich mit einer anderen Sichtweise auf körperliche Veränderungen vertraut gemacht. Mir Heilung ohne sogenannte grobstoffliche Eingriffe vorzustellen, fiel mir nicht – mehr – schwer.
Bereits im Psychologiestudium hatte ich mich bei Prof. Frauke Teegen auf den Dialog zwischen Körper und Psyche spezialisiert und gelernt, die Botschaft von Symptomen zu entschlüsseln. Zur Unterstützung der Heilung begab ich mich regelmäßig in Trance und sprach mit meinem Muttermund.

Ich verfügte über einen Freundinnenkreis, der, auch wenn er nicht immer mit mir übereinstimmte, bereit war, mich bedingungslos zu unterstützen.

Außerdem hatte ich Adelheid Ohlig und das wunderbare Luna-Yoga ein paar Wochen vorher auf einem Kongress über Feministische Psychotherapie kennengelernt. Und kam über sie in Kontakt mit ein paar anderen Frauen, die mit ihrer Krebserkrankung ungewöhnliche Wege gingen.

Andere Länder und Sitten
Glücklicherweise verfügte ich über genügend Mut und Abenteuergeist, um mich, als es in Deutschland wegen des zunehmenden Unverständnisses und Druckes ungemütlich wurde, nach Sri Lanka abzusetzen – und dort eine tolle Ayurveda-Klinik zu finden.

Die sanften Frauen massierten und behandelten mich jeden Tag und die energisch- mütterliche Ärztin versicherte mir in ihrem schnarrenden Englisch „You will be allright”. Sri Lanka und seine Menschen haben mir unendlich gut getan. In dem leidgeprüften buddhistisch geprägten Land fühlte ich mich dem Universum, dem Tod und der Fragilität der Menschen nah. Das war wie Heilung mit Ähnlichem (mit Homöopathie).

Während ich in Deutschland gefragt wurde „Was machst du jetzt? Was hast du vor?” fragte man dort: „Do you meditate?”

Und das tat ich – bereits seit zehn Jahren.

Unversehrtheit
Ich fühlte und dachte genau andersherum als der Gynäkologe mit seiner harschen Drohung (s. Titel). Indem ich nicht zuließ, dass in meine Gebärmutter geschnitten wurde, bewahrte ich deren Unversehrtheit und Empfindungsfähigkeit. Als ich Jahre später das W-Wort googelte, erschütterten mich das Leiden und die Tapferkeit der Frauen, die mit den langjährigen Auswirkungen der Wertheim-Operation auf Psyche und Körper kämpften.

Ich vermutete damals schon, dass es an diesem wilden und schönen Ort um mehr ging als um Sex. Inzwischen haben Forschungen bestätigt: Kreativität und Lebendigkeit werden durch Schädigungen des Muttermundes beeinträchtigt und genau dort sind tiefe Gefühle gespeichert bzw. blockiert (s. Naomi Wolf: Vagina oder auch: awaken the cervix).

Neun Jahre
Achteinhalb Jahre lang war es mir genug, den Krebs ruhig zu halten, damit der sich nicht ausbreitete – der sogenannte „sleeping cancer”. So blieb der Befund gleich. Es ging mir gut und ich hatte keine Beschwerden.

Obwohl mich meine Ärztin bisweilen sanft daran erinnerte, dass auch mehr denkbar war, fühlte ich mich erst im neunten Jahr meiner Erkrankung dazu bereit. Silvester 2005 nahm ich mir – mit einer Freundin das „Spiel der Wandlungen” aus Findhorn nutzend – vor, das Karzinom in einem halben Jahr zum Verschwinden zu bringen. Und genau so geschah es.

In dieser letzten Phase habe ich meine Meditationen und das vertrauensvolle Abgeben intensiviert, eine Art pflanzliche Chemotherapie gemacht (mit Pro-Dialvit-Kapseln) und ein Heilwasser täglich direkt auf den Muttermund aufgetragen.

Ob es diese Maßnahmen waren – oder der Prozess davor – oder ob es einfach an der Zeit war, dass der Krebs verschwand: 2006 wurde mir eine vollständige Heilung zuteil.

Zeugnis ablegen
Um meine individuelle Krebsbehandlung detailliert zu schildern, habe ich zehn Jahre danach das autobiografische Sachbuch „Ein wilder Ort geschrieben”. Kürzer als auf 220 Seiten ging es nicht.

Ich verspreche jedoch: Das Buch beleuchtet alle Aspekte meines Heilungsweges – in durchaus unterhaltsamer Form, wie mir zurückgemeldet wird. Es ist – vermutlich zeigt sich darin die tiefenpsychologische Psychotherapeutin – so geschrieben, dass es beim Lesen einen heilsamen Prozess in Gang setzen kann.

Zum Weiterlesen:  Gabriele Freytag: Ein wilder Ort. Marta Press (2017)
Kontakt: Dr. Gabriele Freytag, Gut Daudieck, 21640 Horneburg, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!, www.einwilderort.de

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