GfBK Patientenberichte - Ute Roy schildert ihren Weg im Beitrag: Mein Auflehnung hat sich gelohntFebruar 2012: Reglos wie eine Mumie liege ich nun schon ewig lange auf einer eiskalten Pritsche und muss mich wie vor exakt acht Jahren einem Knochenszintigramm unterziehen. Es ist Montagvormittag und die Untersuchungsräume wurden übers Wochenende nicht beheizt. Nicht gerade eine kuschelige Atmosphäre und dazu noch Nervosität, Ängste und ungute Erinnerungen.

In derselben Praxis war bei einem MRT wegen langwieriger Schulter- und Nackenprobleme sozusagen als Zufallsbefund eine Läsion im Halswirbelbereich gesichtet worden. Die Radiologen bestanden »bei meiner Vorgeschichte« darauf, der Sache genauestens auf den Grund zu gehen. Ein kurzes Gespräch mit der Ärztin, die sich meiner Bilder annahm, wurde mir nicht ermöglicht. Zu gern hätte ich ihr gesagt, dass diese Auffälligkeit bereits beim ersten Szintigramm zu sehen war, sich aber durch meine kunstturnerischen Eskapaden in Jugendjahren erklären ließ. Stattdessen musste ich noch einen weiteren Durchgang mit verändertem Winkel über mich ergehen lassen. So vergingen mehr als vier Stunden mit dem gleichen Ergebnis wie damals.

»Alles Geldmacherei«, war mein Gedanke, als ich nicht nur radioaktiv geladen an meiner Arbeitsstelle ankam – verspätet, genervt und hungrig. Nur wenige Wochen zuvor hatte ich ohne direkten Anlass begonnen, meine Krankheitsgeschichte und die damit zusammenhängenden Veränderungen in meinem Leben endlich zu Papier zu bringen. Daher empfand ich es auch irgendwie als Ironie des Schicksals – überhaupt scheint mich das Thema Brustkrebs nie ganz loszulassen. Auch wegen der Begegnungen mit zahlreichen betroffenen Frauen in meinem Umfeld, die mich immer sehr beeindrucken. Ich tausche mich gern tiefgreifend über Diagnose- und Therapieabläufe aus. Besonders interessieren mich die Schilderungen der psychischen Begleiterscheinungen einer Krebserkrankung und die anschließenden Maßnahmen und Veränderungen. Genau wie viele andere bemerke ich oft schon bei Alltäglichkeiten, dass ich anders denke, empfinde, urteile, entscheide, ja, lebe als in der Zeit vor meinem Brustkrebs. Sämtliche Wertvorstellungen sind durch diese Krankheit und alles dadurch Erlebte verrutscht. Diese Veränderung meiner Lebensanschauung hält bis heute an, was ich als eine durchaus positive Entwicklung ansehe.

Der holprige Weg

Dezember 2003. Bei einer Routine-Vorsorgeuntersuchung durch meinen Gynäkologen, der mich seit Jahrzehnten behandelte, wurde per Ultraschall ein kleiner Knoten in meiner linken Brust festgestellt. Umgehend ging es zu einer Mammografie. Sie bestätigte diesen Befund, es wurde aber keineswegs deutlich, ob der Tumor bösartig war oder nicht. Mit dieser unklaren Erkenntnis »im Rucksack« hieß es kurz darauf die Weihnachtstage zu planen und alles vorzubereiten und herbei zu karren, was sich die Familie so wünscht. Ich funktionierte wie immer. Nach den Feiertagen machte ich mich sofort daran, mir ein gehöriges Grundwissen über die verschiedenen Maßnahmen anzueignen, die wohl auf alle Fälle nötig waren. Da ich über meinen Mann privat versichert war, bestand ich als erstes auf einer Abklärung durch ein Brust-MRT. Der relativ junge Arzt sah sich die Aufnahmen an und meinte, es sei mit einer Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent ein gutartiger Knoten von etwa einem Zentimeter, der genau lokalisierbar sei und operativ entfernt werden sollte. »Keine Riesensache, glauben Sie mir!« So der Originalton dieses Fachmannes! Mit meinem dadurch gefestigten Optimismus entschied ich mich auf Anraten meines Frauenarztes nicht für die Universitäts-Frauenklinik. Ich wählte ein kleineres Krankenhaus, welches ebenso dem Brustzentrum angehörte, und war dort in den allerbesten Händen. Am selben Abend hatte ich einen Termin mit der Chefärztin der Gynäkologie, die mich nach dem einfühlsamen Erstgespräch  zunächst zum Ultraschall und zur Mammografie schickte. Der beflissene und erfahrene Facharzt dort wunderte sich schon, als er meine Brust sah, dass niemand früher Verdacht geschöpft hatte. Eine Einziehung der Haut beim Anheben des Armes war deutlich zu sehen, was laut seiner Aussage auf ein Karzinom von beachtlicher Größe hinwies. Diese Auffälligkeit hatte aber bereits im Vorjahr zu einer mammografischen Abklärung geführt, Resultat: ohne Befund! So ging es mit zitternden Knien und einem Puls wie sonst nur beim Joggen zur Röntgen-Prozedur.

Positiv gestimmt dank Homöopathie

Der Arzt befasste sich in meiner Anwesenheit lange mit allen Bildern. Schließlich erkannte er aufgrund der gezackten Ränder eindeutig eine Krebsgeschwulst, welche er passend zur Jahreszeit als »Tannenbäumchen« bezeichnete. Natürlich riet er mir, sie schnellstmöglich operativ entfernen zu lassen. Die anschließende OP-Besprechung mit der Ärztin war sehr ausführlich und verständlich. Wir beschlossen einvernehmlich, keine Biopsie durchzuführen. Ich entschied mich recht schnell für die sogenannte »Zwei-Zeiten-Methode«. Hier wird der Tumor großflächig heraus operiert und labortechnisch untersucht. Erst in einer zweiten OP entfernt man den Wächter-Lymphknoten und – falls erforderlich – noch etwas mehr gesundes Gewebe im Tumorbett. Diese Methode war damals noch wenig gängig, und ich konnte enorm von ihr profitieren. Im schlimmsten Fall würde es zu einem dritten Eingriff kommen, was ich gedanklich für mich überhaupt nicht in Erwägung zog. Meine grundsätzlich positive Einschätzung der Sachlage kam vor allem von den homöopathischen Mitteln, die in diesen Tagen meiner Psyche unglaublich guttaten und Panik weitgehend verhinderten. Es gibt nichts Schlimmeres, als sich binnen kürzester Zeit in der Schocksituation nach einer Krebsdiagnose entscheiden zu müssen, was mit einem geschehen soll. Hinzu kommen dann noch die Ängste der lieben Familienmitglieder, die einem womöglich zu allem raten, was die moderne Schulmedizin so in petto hat, um den Krebs »zu besiegen«. Dass mir das erspart blieb, wusste ich erst lange Zeit später richtig zu schätzen.

Notwendige Veränderungen

Anfang Februar war es dann soweit. Von meinem verängstigten Mann wurde ich fast wortlos ins Krankenhaus gefahren und auch mir war an diesem Morgen nicht gerade nach einem Plausch zumute. Die erste OP verlief reibungslos. Im Aufwachraum kam ich relativ schnell wieder zu mir und die Schmerzen waren unerheblich. Eigentlich erging es mir insgesamt ziemlich gut. Erst in dieser Situation ging mir auf, wie ausgelaugt und überfordert ich mich jahrelang gefühlt hatte. Ich hatte sogar auf der Fahrt ins Büro den Gedanken, dass ich im Falle eines Unfalls endlich mal aus dem Hamsterrad heraus käme und Ruhe vor allem und jedem hätte. Den Erwartungen, die die Menschen um mich herum an mich hatten, wollte ich unbedingt entsprechen. Ich fühlte mich wie ein Fass, aus dem alle schöpfen, bis es am Ende völlig leer sein würde. In meinem Leben musste sich so einiges verändern, damit ich gesund werden und vor allem auch bleiben konnte. Diese Erkenntnis kam mir verständlicherweise nun bei meiner ersehnten Auszeit im Krankenhaus recht schnell und deutlich. Vor der Bekanntgabe der histologischen Befunde hatte ich eigentlich nicht so viel Schiss, da ich immer noch davon ausging, dass es doch ein gutartiger Knoten sei. Diese Hoffnung wurde nach zwei Tagen allerdings gänzlich enttäuscht. Bei der Visite musste mich die behandelnde Ärztin mit erschütterter Mine eines Besseren belehren. Somit kam Teil zwei des Behandlungsplans zum Tragen: die Entfernung des radioaktiv lokalisierten Sentinels (Wächterlymphknotens) und Vergrößerung des Sicherheitsabstands zum gesunden Gewebe. Nach fünf langen Tagen erhielt ich dann kurz vor meinem 49. Geburtstag die Nachricht, dass der Sentinel nicht befallen war. Die Prognosen waren aufgrund der Histologie gut. Vorsichtshalber sollte trotzdem in der Strahlenklinik ein Knochenszintigramm erfolgen, was psychisch belastend war und mir viele Stunden des Wartens, Grübelns und Begegnungen mit sichtbar leidgeplagten Betroffenen bescherte.

Ein besonderer Geburtstag

Diesen Geburtstag werde ich niemals vergessen! Er war der erste, an dem man mir am Krankenhausbett gratulierte und ich keinen einzigen Kuchen zu backen brauchte und auch sonst keinerlei Arbeit hatte. Nur zahlreiche liebe Anrufe, Besuche und Bekundungen der Verbundenheit. Die Abschlussbesprechung mit meiner »Schicksalsärztin« am nächsten Morgen ergab dann jedoch noch allerhand Unerfreuliches. Mein Tumor hatte Hormonrezeptoren. Deswegen sollte folgende
Standard-Therapie erfolgen: Monatliche Einspritzung eines Depot-Hormon-Blockers namens Zoladex, um meine Menopause einzuleiten; danach eine mindestens dreijährige Behandlung mit dem Anti-Östrogen-Präparat Tamoxifen sowie eine alsbaldige sechswöchige Bestrahlung, was mich am meisten abschreckte. Mein innerer Widerstand gegen all dies wurde immer stärker und es war sehr hilfreich, mich in der Zeit nach der Klinikentlassung mit den Ärzten der GfBK darüber auszutauschen. Ich bekam eine ausführliche, objektive Beratung und war sehr schnell sicher, dass ich mir lediglich die monatliche Depotspritze geben lassen würde. Schließlich befand ich mich ja eh kurz vor dem Beginn der Wechseljahre. Eine Anti-Östrogen-Therapie kam überhaupt nicht in Frage, denn ich wollte unbedingt der gleiche fröhliche, schlanke und sportliche Frauentyp bleiben, der ich
war. Die möglichen Nebenwirkungen, die von Tamoxifen zu erwarten waren, wie Depressionen, Gewichtsprobleme und Ähnliches wollte ich nicht riskieren, aus Amen! Mit Kanonen auf Spatzen schießen, dieses Bild hatte ich immer wieder vor Augen. Schweren Herzens ging ich auf die Bitte meiner Ärztin hin zumindest zum Beratungstermin in die Strahlenklinik. Sie hatte den Arzt dort wohl vorher über meine Einstellung informiert. Er schilderte mir die möglichen Nebenwirkungen dann überraschenderweise so drastisch, dass mir die Ablehnung dieser Behandlung unglaublich leicht fiel.

Innere Überzeugung

Mehr Probleme gab es, als ich ein paar Monate später versuchte, den Frauenarzt zu wechseln. Bei dieser Odyssee erlebte ich so einiges. Am schlimmsten war die Begegnung mit einer relativ jungen Gynäkologin. Nach kurzer, oberflächlicher Besprechung der Sachlage sagte sie »Wissen Sie, dass Sie Russisch Roulette spielen? Ich habe schon einige solche Fälle erlebt, die ganz schlecht ausgegangen sind! Sie müssen sich unbedingt noch bestrahlen lassen ...« Doch auch diese drastische Verunsicherung brachte mich nicht von meinem Weg ab. Ganz tief drinnen war ich sehr überzeugt, das Richtige für mich zu tun. Zumindest hat mir diese unschöne Begebenheit den Titel meines Buchs beschert! So kam es, dass mich meine etwas andere Vorgehensweise dahin brachte, meine Lebensgewohnheiten, meine berufliche Situation und mein privates Umfeld zu verändern, anstelle mich auf irrsinnig teure Medikamente und immunschwächende Strahlenbehandlung zu verlassen, um ein Rezidiv zu verhindern. Ich wollte nach der schlimmen Diagnose Krebs die innere Balance wiedererlangen. Erstrebenswert wurde für mich, mich wohlzufühlen im Beruf und mit den Menschen, die mir nahe stehen, mit guter Ernährung und viel Bewegung das richtige Fundament für eine langwährende Gesundheit selber zu erschaffen, mich wertzuschätzen und die eigenen Bedürfnisse zu achten. Nach so langer Zeit habe ich alles Geschehene autobiografisch geschildert und im Frühjahr 2013 mein Buch veröffentlicht. Mein Bedürfnis ist groß, den Frauen Mut zu machen, auf sich zu hören und zuversichtlich das passende Therapiekonzept mit Überzeugung zu wählen und umzusetzen. »Im Leben ist nichts so schlecht, dass es nicht für irgendetwas gut ist.« Diesem meinem Lebensmotto entsprechend, wünsche ich allen Betroffenen, dass sie das Positive auch in solch einer Situation erkennen und für sich nutzen können.

Text: Ute Roy, Kontakt: www.ute-roy.de , Zum Weiterlesen: Ute Roy, Russisch Roulette – oder nur ein etwas anderer Umgang mit der Diagnose Brustkrebs, Eigenverlag 2013

Video-Interview mit Ute Roy beim GfBK-Kongress 2017: Ute Roy hat sich die Freiheit genommen, einen eigenen Heilungsweg zu suchen.