Tanz im Glitzerrock statt Endstation
Als ich im Oktober 2024 – an meinem 61. Geburtstag – die Diagnose erhielt, stand die Welt kurz still. Zum dritten Mal Krebs. Diesmal mit Metastasen in Lunge, Leber, Knochen, Lymphknoten. Ich konnte kaum noch laufen, nicht mehr schlafen, mich nicht allein anziehen. Schmerzen, Atemnot, Erschöpfung. Ich war körperlich am Limit – und doch: Irgendetwas in mir blieb wach. Es war extremer Lebenswille – verbunden mit meinem Mindset: „Es gibt für alles eine Lösung.“ Getragen hat mich dabei auch die Sehnsucht nach meinen Lebensträumen, die ich noch längst nicht aufgegeben hatte.
Statt in der Angst zu versinken, habe ich begonnen zu forschen. Ein Buch über Krebs und Stoffwechsel hat in mir etwas ausgelöst. Als Biologin hat mich dieser wissenschaftliche, lebensnahe Ansatz sofort elektrisiert. Plötzlich hatte ich wieder etwas in der Hand. Ich war nicht nur Patientin – ich wurde zur Entdeckerin, zur Gestalterin, zur Forscherin meines eigenen Weges. Fast wie besessen habe ich mich eingelesen, ausprobiert, mich auf die Suche gemacht. Nach Zusammenhängen, nach Wirkmechanismen, nach Möglichkeiten. Ich hatte wieder ein Ziel – und das hat mir Zuversicht gegeben. Ich war überzeugt, dass dieser Weg funktioniert. Ich war begeistert, voller Leidenschaft und tief verbunden mit dem, was ich tat. Es war ein Moment der Selbstermächtigung – das sichere Gefühl: Ich kann das schaffen.
Heute – wenige Monate später – tanze ich wieder. Im Glitzerrock. Mit 61. Nicht, um aufzufallen – sondern weil ich feiern will, dass mein Körper wieder mitmacht. Ich tanze, weil ich wieder atmen kann. Weil meine Füße nicht mehr geschwollen sind. Weil ich keine Krücken mehr brauche. Ich tanze, weil ich wieder reise, schwimme, Sport mache, Kraft spüre. Ich tanze, weil ich lebe. Und weil ich weiß, wie sich das Gegenteil anfühlt.
Die Zuversicht kam nicht über Nacht. Sie kam in Etappen. Mit jedem kleinen Fortschritt, jeder Bewegung, jedem Moment ohne Schmerz. Mit dem ersten Spaziergang. Mit dem Lächeln meiner Tochter. Mit Wissenschaft im Kopf, Lebenslust im Gepäck – und neuer Kraft in jedem Atemzug. Auch die Rückmeldungen meiner Ärzte und die Ergebnisse der schulmedizinischen Scans haben mir Zuversicht gegeben: Die Metastasen sind rückläufig, der große Pleuraerguss rechts ist vollständig verschwunden, links nur noch minimal vorhanden. Es sind keine neuen Herde hinzugekommen. Was für ein Geschenk – und was für eine Bestätigung.
Was mir zusätzliche Energie und Zuversicht gibt: zu spüren, dass meine Geschichte anderen Mut macht. Dass meine Worte etwas in Bewegung bringen. Dass ich nicht umsonst kämpfe. Dass ich nicht nur leide, sondern wirke. Diese Sinnhaftigkeit, diese Verbindung zu anderen – sie trägt mich. Sie gibt meiner Geschichte einen Raum, der größer ist als meine Diagnose.
Ich bin nicht durch – aber ich bin durchdrungen von einer tiefen Dankbarkeit. Für das, was wieder möglich ist. Für das, was ich gestalten darf. Für jeden Tag, an dem ich tanze, schreibe, lache, lebe. Zuversicht ist für mich kein Zustand. Sie ist eine Entscheidung. Ein leiser Aufbruch. Eine innere Haltung. Und manchmal: ein Glitzerrock am Strand von Thailand.
Zur Person
Maike Winkelmann hat ihre erste Krebsdiagnose im Jahr 2007 bekommen und sich intensiv mit dem Thema Gesundheit und Krankheit auseinandergesetzt. 17 Jahre später ist der Krebs die Ursache für vielfältige, einschneidende Beschwerden. Als Biologin erforscht sie im Selbstversuch, wie sie ihr Befinden beeinflussen und den Stoffwechsel der Zellen unterstützen kann. Als Patientin wird sie aktiv, und sie feiert ihre Schritte zurück ins Leben.
Woher kommt unsere Zuversicht
Dieser Text war im Original in unserer Mitgliederzeitschrift „momentum - gesund leben bei Krebs” (Ausgabe 04/2025). Diese Einleitung zu dem obigen Text schrieb für die in dieser Ausgabe vorgestellten vier Patient:innen, Julia Malcherek.
Leider kommt es immer wieder vor: Wir erfahren, dass in unserem Umfeld jemand an Krebs erkrankt ist. Und sofort, ohne Nachdenken wünschen wir – Zuversicht. Was auch immer auf die betroffene Person zukommt: Wir gehen selbstverständlich davon aus, dass es dann auf jeden Fall besser gehen wird, uns allen scheint klar und offensichtlich, dass Zuversicht nötig ist, um Herausforderungen, Gefahren oder Krisen zu bestehen.
Wer von einer Erkrankung betroffen ist, ist auf besondere Weise auf sich selbst gestellt: Auch wenn viele Menschen unterstützen wollen, auch wenn die Familie, der Freundeskreis zusammensteht und die professionelle Hilfe gut organisiert ist – nur einer ist der Patient oder die Patientin, alle anderen eben nicht.
In dieser existenziellen Situation erleben manche Personen eindeutig, was sie stärker macht, sie nehmen Impulse wahr, die nur sie selbst empfinden. Sie äußern sich für jeden anders, und jeder findet eigene Bilder, Worte und auch eine eigene Umsetzung im Alltag dafür. Wenn wir darüber sprechen, entsteht wieder Gemeinsamkeit: Dann können wir staunen, welche Schritte für Betroffene weitergeführt haben, wie sie sich ihre Zuversicht zurückerobert haben und wie sie mit der Erkrankung, mit der Therapie ihr Leben leben.
Vier Personen berichten als Krebsbetroffene – sie erzählen von sehr unterschiedlichen Situationen und Schwierigkeiten. Alle vier teilen ihre Zuversicht mit uns, sie wollen andere Betroffene ermutigen, auf dem eigenen Weg weiterzugehen und so die eigene Zuversicht wachsen zu lassen, um besser durch Schwierigkeiten zu kommen, auch ungewohnte Schritte zu gehen und sich selbst zu überraschen. Diese Berichte appellieren an alle Beteiligten, den individuellen Weg der Patientin, des Patienten zu respektieren, nicht aus eigener Sorge das Vertrauen zu beschädigen, das meist mühsam erkämpft ist und jeden Tag gepflegt werden will.
Wenn wir von Zuversicht sprechen, geht es nicht um falsche Versprechungen oder Illusionen; Ängste und Zweifel sollen nicht unter den Teppich gekehrt werden. Gerade Patient:innen, die sich mit einer Krebserkrankung auseinandersetzen müssen, wissen, dass immer wieder neue Wendungen auftreten können, die oft genug Enttäuschung und Mutlosigkeit mit sich bringen. Ohne zu wissen, wohin der Weg führt, dennoch wieder aufzustehen und sich für den nächsten Schritt zu entscheiden, erfordert Kraft und Mut. Beides ist rar – und vielleicht ist es hilfreich, zu merken, dass Zuversicht sich im ersten Moment oft zaghaft und klein anfühlt und dass wir sie wachsen lassen, wenn wir dem Leben abseits der Erkrankung und ihrer vielfältigen Begleiterscheinungen Raum geben.
Weitere Informationen
Information zu unseren Betroffenenberichten
Wir freuen uns, wenn Patient:innen ihren individuellen und persönlichen Genesungsweg finden. Das ist ein Ausdruck des großen Heilungspotenzials in jedem Menschen. Gerne teilen wir diese Erfahrungen mit unseren Leser:innen, auch wenn persönliche Entscheidungen nicht immer auf andere Betroffene übertragbar sind. Sie entsprechen auch nicht in jeder Hinsicht einer konkreten Empfehlung der GfBK für Patient:innen in ähnlicher Situation.
Wägen Sie sorgfältig ab, welche Impulse aus den Patient:innenberichten für Sie in Ihrer aktuellen Lage passend sind. Besprechen Sie diagnostische oder therapeutische Maßnahmen im Zweifel gerne mit unserem ärztlichen Beratungsdienst.
Möchten Sie auch anderen Patient:innen mit Ihrem Bericht Mut machen?
Dann mailen Sie uns unbedingt Ihre Geschichte.
Senden Sie diese an Julia Malcherek: