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Suse Rabel-Harbering (© Sarah Lucia Rabel)

Heilung und Heidelberg – Über bildgebende Verfahren, Diagnosen und die heilende Wirkung des Neckars

Suse Rabel-Harbering − momentum 03/2026

Bereits zum zweiten Mal hört Suse Rabel-Harbering die Diagnose Brustkrebs. Sie lebt ein aktives, erlebnisreiches Leben und fürchtet, ihre Selbstbestimmung für lange Zeit aufgeben zu müssen. Während sie versucht, Termine für Untersuchung und Therapieplanung zu koordinieren, erinnert sie sich, dass sie die GfBK bereits vor über zwanzig Jahren kennengelernt hat, und so findet das lähmende Warten ein Ende, ein ganz unerwarteter Verlauf setzt ein. Wenige Wochen später liegt die Operation hinter ihr, doch ihr Höhenflug wird durch engmaschige Kontrolltermine und verunsichernde Routineuntersuchungen unterbrochen.

Wir waren gerade zurück von einem ereignisreichen Besuch auf Rügen, denn wir wollten den Spuren Caspar David Friedrichs folgen, als bei der jährlichen Routineuntersuchung meinem Gynäkologen im Ultraschall bestimmte Veränderungen des Gewebes nicht gefielen. Daher stellte er mir gleich zwei Überweisungen aus, eine für die Mammografie und eine für die Brustsprechstunde an der Uniklinik in Frankfurt. „Gehen Sie dorthin, wo Sie zuerst einen Termin bekommen“, sagte er. Eine gewisse Dringlichkeit war nicht zu überhören.

Nach dem Arztbesuch beschloss ich – trotz Zittern in den Knien –, bis zum Theaterplatz zu Fuß zu gehen. Vor mir lag die Skyline von Frankfurt und unter mir floss der Main. Ein Lastkahn mit dem Taufnamen Basel zog vorüber. „Nimm mich mit zum Rhein hinunter und noch weiter“, murmelte ich vor mich hin.

Nein, ich will mich nicht noch einmal mit dieser Krankheit und ihren elend langen Therapien auseinandersetzen. Der ausgedruckte Ultraschall mit der unliebsamen Gewebsverdichtung, deren Ränder nicht abgerundet, sondern eher gezackt verliefen, verhieß nichts Gutes. So viel glaubte ich mich von meiner ersten Diagnose vor zwanzig Jahren zu erinnern. Nachts überfielen mich Angstattacken.

Zehn Tage später fühlte ich mich wie in einem Siegesrausch nach dem freudigen Ergebnis der Mammografie ohne Befund. Schon wollte ich den Termin in der Brustsprechstunde absagen, als mir meine Hausärztin dringend zu einer Abklärung der sich widersprechenden Resultate riet.

Also nahm ich den Termin Anfang November wahr. Eine junge Ärztin in kornblumenblauem, kurzärmligem Kaschmirpullover machte sich selbst ein Bild auf ihrem Ultraschallgerät und schloss gleich eine Biopsie an. „Wie wahrscheinlich ist ein positiver Befund nach 20 Jahren Stillstand?“, wollte ich wissen. „Kann schon vorkommen“, antwortete sie nüchtern. „Und ja, es kann vorkommen, dass der Ultraschall ein anderes Ergebnis zeigt als die Mammografie und umgekehrt“, fährt sie fort. Nein, ich will nicht wieder von vorne anfangen mit dieser peinlichen Krankheit, dachte ich voller Scham.

Ach, Rügen, du warst so inspirierend mit deiner Kreide und deinen Kranichen.

Ueber den Daechern Frankfurts fuehlt Suse Rabel Harbering sich wohl C Doris Minke

Über den Dächern Frankfurts fühlt Suse Rabel-Harbering sich wohl © Doris Minke

Meine Angstattacken nehmen zu. Ich habe keinen Einfluss mehr auf das, was in meinem Kopf vor sich geht. Es ist, als verselbstständigten sich meine Gedanken, als fächerten sie sich auf und bildeten in jeder Falte neue, sich verdichtende Verästelungen. Vor mir auf dem Schreibtisch liegt ein Ausdruck des Ultraschallbildes, und ich stelle fest, dass diese Formulierung meiner Gedanken Ähnlichkeit mit dem Bild meines Tumors hat. Denn wie die Tumorzellen den Bauplan der gesunden Zellen missachten und sich so gierig vermehren, dass es zu Verhärtungen, Wucherungen und Verklumpungen, eben zur Bildung von Tumoren kommt, genauso gehorchen meine Gedanken nicht mehr rationalen Prinzipien, sondern agieren blind.

In der Natur unterwegs C Doris Minke

In der Natur unterwegs © Doris Minke

Ich versuche zu entspannen, meinen Atem zu beobachten, wie ich es beim Yoga gelernt habe. Jedoch kann ich weder das Kommen noch das Gehen meiner Atemzüge spüren, als hätte sich mein Atem verflüchtigt. Unerbittlich dreht sich die Abwärtsspirale. Ich bin gescheitert. Mein Leben bricht zusammen wie ein Kartenhaus. Ich habe die Kontrolle über meinen eigenen Körper verloren. Ich habe die Kontrolle über meinen Geist verloren. Ich habe die Kontrolle über meine Emotionen verloren. Das Gefühl, von äußeren Kräften gesteuert zu sein, überflutet mich. Ein Feind hat sich in meinem Inneren eingenistet und schlägt mit unbändiger Zerstörungswut um sich.

Am 5. November liegt das Ergebnis der Biopsie vor. Schwarz auf weiß stehen Wörter da, die vor meinen Augen ver-schwimmen: Mammakarzinom rechts bei 10–11 Uhr, kribriförmig wachsender Tumor, sklerosiertes Stroma, mäßige Zell- und Kernpleomorphie, kleinherdige Areale auch in situ. Obwohl die Ärztin beruhigend das Positive des Befunds betont, nämlich dass der Tumor unabhängig von meinem ersten sich gebildet habe, dass er noch relativ klein und wenig aggressiv sei und – ganz wichtig für mich – keine Chemotherapie erforderlich mache, wirkt das Aufklärungsgespräch hektisch. Oder bin ich zu nervös? Schließlich erläutert sie in Kurzform den notwendigen chirurgischen Eingriff, den sie brusterhaltend vornehmen würde. Danach bitte ich um die Unterlagen für eine Zweitmeinung.

Zu Fuß mache ich mich am Main entlang auf den Heimweg. Ruderboote ziehen zügig ihre Bahnen. Genauso zügig bemühe ich mich um einen Termin für eine Zweitmeinung, der in weite Ferne zu rücken scheint, da Weihnachten naht. Jedoch will ich es bis Januar hinter mich bringen, denn ich habe Skiferien im Oberengadin geplant. Doch immer wieder bekomme ich zu hören: „Vor Weihnachten können wir Ihnen leider nichts anbieten.“ Ich bin enttäuscht. Ich schäme mich. Keiner versteht mich. Alle zeigen auf mich. Ich entspreche nicht mehr der Norm, stehe am Rande des Abgrunds, der mich zu verschlingen droht.

Narzissen bluehen als Zeichen der Zuversicht C Doris Minke

Narzissen blühen als Zeichen der Zuversicht © Doris Minke

Erschöpft rufe ich die Gesellschaft für Biologische Krebsheilkunde in Heidelberg an, bei der ich seit meiner ersten Tumorerkrankung vor zwanzig Jahren Mitglied bin. Sie setzte sich damals schon für eine ganz-heitliche Behandlungsmethode ein, bei der körperliche, seelische sowie soziale Aspekte für einen optimalen Heilungsprozess der Betroffenen einbezogen werden.

Frau Dr. Nicole Weis hilft mir am Telefon zunächst, meinen Befund zu übersetzen, und empfiehlt mir Herrn Prof. Dr. Michael Golatta in der Klinik St. Elisabeth am Brustzentrum Heidelberg. Gleichzeitig betont sie die an dieser Klinik bestehende und nicht zu gering einzuschätzende Praxis, dass immer derselbe Arzt der Ansprechpartner eines jeweiligen Patienten ist.

Dann geht alles Schlag auf Schlag, als seien nur noch gute Kräfte für mich am Werk. Kaum eine Woche später werde ich zum Vorstellungsgespräch erwartet. Als ich im Taxi über die Neckarbrücke fahre, kommen mir die Tränen. „In deinen Tälern wachte mein Herz mir auf zum Leben, deine Wellen umspielten mich …“ Einzelne Strophen des Gedichts „Der Neckar“ von Friedrich Hölderlin kenne ich auswendig, denn ich komme aus einem Nachbarort von Nürtingen am Neckar, wo der Dichter geboren wurde.

St. Elisabeth ist verglichen mit dem komplexen Universitätsklinikum Frankfurts geradezu überschaubar. Im Inneren herrscht eine freundliche Atmosphäre. Der Ton ist zugewandt. Hier fühle ich mich gut aufgehoben und auf besondere Weise auch geschmeichelt, denn Prof. Golatta ist der für mich zuständige Arzt und wird mich am 10. Dezember operieren.

Da vor der Operation noch eine Markierung in der RadioIogie vorgenommen werden muss, reise ich am Vortag an. Am späten Nachmittag gehe ich am Neckar entlang über die Alte Brücke bis zum Schloss hinauf. Die Abendsonne verwandelt den Buntsandstein des alten Gemäuers in eine orangefarbige Märchenlandschaft, während die Wellen des Neckars matt glänzen. Hier kann man nur gesunden, geht mir durch den Kopf.

Ohne Komplikationen verlief die Operation, sodass ich zwei Tage danach, vom Tumor befreit, entlassen werden kann. Nach weiteren zehn Tagen liegt bei der Wiedervorstellung auch der negative Befund der histologischen Untersuchung vor. Ich fühle mich gesund und kann es kaum glauben, den ganzen Spuk überstanden zu haben – es ist mein schönstes Weihnachtsgeschenk. Vorerst, denn im Arztbrief steht auch unter „weiterem Vorgehen“: Strahlentherapie, endokrine Therapie, Osteoprotektion, genetische Beratung, Nachsorge beim Gynäkologen entsprechend aktuellen S3-Leitlinien. Ein engmaschiger Kontakt mit Fachärzten wird mir nicht erspart bleiben.

Was aber ist mit meiner Seele? Hat sie ihr „göttlich Recht“ in diesem Leben nicht bekommen, wie Hölderlin es in einem anderen Gedicht formuliert? Ist sie kribriförmig geworden durch die Diagnose so wie mein Tumor? Kribri ist der lateinische Ausdruck für Sieb und bedeutet durchlöchert. Ja, meine Seele fühlt sich an, als habe sie winzige Löcher bekommen. Sie ist durchlässig geworden und braucht viel emotionale Zuwendung. „Sie müssen gnädig mit sich umgehen“, rät die Psychoonkologin an der Klinik St. Elisabeth. Viel Luft und Liebe sei die beste Heilung, sagt meine Gynäkologin.

Wieder sitze ich am Neckarufer. Es ist kalt. Ein älterer Herr fragt, ob er sich neben mich setzen dürfe. „Bitte gern, wenn Sie mir verraten, was Sie unter dem Wort gnädig verstehen.“ Zu Weihnachten schickt er mir eine Karte, die ich mit Schmetterlingen im Bauch beantworte. Seitdem schreiben wir uns täglich und telefonieren. Inzwischen blühen die Narzissen.

 

Zur Person:
Suse Rabel-Harbering arbeitete über zwanzig Jahre als Flugbegleiterin bei Lufthansa. Sie studierte außerdem Romanistik und Germanistik. Nach Beendigung ihrer fliegerischen Tätigkeit arbeitete sie freiberuflich als Reisejournalistin für verschiedene Print- und Onlinemedien im In- und Ausland.

 

Kontakt:
Suse Rabel-Harbering
Tel. 069 490215

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