Fatigue und Gegenkräfte
Der Künstler und Kunsttherapeut Titus Grab hat eine langjährige Geschichte mit der Krebserkrankung erlebt und hat in dieser Zeit auch die GfBK und unsere Wiesbadener Beratungsstelle kennengelernt. Heilsame Eigenaktivität ist ihm aus seiner eigenen therapeutischen Tätigkeit bekannt, und er kann sogar im Krankenhaus vieles erproben, was ihn unterstützt. Für die momentum berichtet er von seinem Erlebnis mit dem Fatigue-Syndrom, das er inzwischen überstanden hat.
Einer ersten Lymphomerkrankung vor 14 Jahren folgt ein Rezidiv desselben Lymphoms nach exakt sieben Jahren, um weitere sieben Jahre später zur Diagnose „Akute Leukämie (therapieassoziiert)“ zu führen. Hier möchte ich das mit der Leukämietherapie einhergehende FatigueSyndrom in den Blick nehmen.
Bevor ich mich auf der Transplantationsstation im Isolierzimmer einfinde, habe ich zwei Etappen vorbereitender Chemotherapien von insgesamt neun Wochen Dauer relativ gut überstanden und danach einige Wochen Luft schöpfen können. Ich ziehe für die dritte Etappe in das Einzelzimmer mit Schleuse ein – mit zusätzlichem Gepäck in Gestalt eines kleinen Klapptisches, eines Koffers und metallenen Einkaufskorbs, die Materialien zum künstlerischen Gestalten enthalten (Papiere, Farben, Stifte, Schere, Klebstoff etc.). Am Fenster richte ich mir meinen Maltisch ein. Hier entstehen unter anderen jene fünf Bilder, denen dieser Text folgt.
Vertrauen
„Keine Vorbehalte haben“ und „sich verbinden“ sind die Kernbedeutungen von „vertrauen“. Ich verbinde mich auf der Station mit dem, was ist: mit der Hilfe, die ich dringend benötige, um mein Leben weiterleben zu können, mit dem Stationsalltag in all seinen Facetten, mit den Menschen, die hier arbeiten. Gut gelaunt rasiert Schwester K. mir das Kopfhaar bis auf wenige Millimeter herab und händigt mir ein Fläschchen Desinfektionsflüssigkeit aus, mit dem ich mich unter der Dusche von Kopf bis Fuß abwasche. Zeiten extremer Vorsicht vor Keimen sind unübersehbar angebrochen! Ich versuche, die Situation anzuerkennen. Sie erscheint mir ziemlich extrem. Den kleinen Rest des Mittels, der im Fläschchen übrigbleibt, verwende ich spontan für einige Tropfbilder (Abb. 1). Ich verbinde mich mit dem, was ist.

Abb. 1 Tropfbild © Titus Grab
Schwester K. greift Stichworte aus kurzen Gesprächen auf und tauscht sich mit mir über ganz andere Themen als die onkologischen aus. Das tut gut! Auch mit Frau Dr. H. darf ich andere Themen teilen: Sie interessiert sich im Laufe ihrer regelmäßigen Visiten immer detaillierter für meine Skizzenbücher und Einzelblätter, auch die hier wiedergegebenen. Zuerst (!) betrachten wir, was ich ihr zeige, dann geht es um „das Medizinische“. Ich fühle mich als Mensch und nicht als „Fall“ gesehen. Dies stärkt mein Vertrauen.
Wahrnehmen
Die zügig angelaufene Verabreichung weiterer chemotherapeutischer Substanzen beginnt, sich deutlich in meinem Körper bemerkbar zu machen: ein Frösteln, auch ein Gefühl von Reißen und Rupfen an den Organen und des Zerrens an und in den Gliedmaßen. Ich versuche, die Empfindungen abzubilden: Graphitstriche, unterlegt von einem langsam heraufziehenden „Grauschleier“, bei teilweiser Attacke des Blattes mit der Spitze einer Schere (Abb. 2). Der sich peu à peu ausbreitenden bleiernen Schwere lässt sich vor Ort durch die – immer wieder dringend angeratenen – Flurgänge (morgens und abends mit FFP2Maske und täglich gewechselter Baumwollkutte) sowie kürzerer Nutzung eines Fitnessgeräteraums stundenweise entgegenwirken.

Abb. 2: Reißen und Rupfen © Titus Grab
Ich versuche – möglichst ohne Bewertungen – sachlich wahrzunehmen, was schließlich „wahr“ (!) ist: Ich würdige meine gegenwärtige Wirklichkeit. Es entstehen neun „Wahrnehmungsbilder“. Wieder zeigt Frau Dr. H. Interesse daran, auf welche Weise ich die Behandlung darstelle, für die sie Verantwortung trägt. Nach einiger Zeit werden diese neun Motive weniger hart, und es taucht wieder Farbe auf (Zitronengelb, Violett). Über diese Blätter lasse ich mich tiefer ein in meine Lage.
Das FatigueSyndrom ergreift schleichend Besitz von mir. Pflegende, Ärztin und auch die sporadisch vorbeischauende Psychoonkologin versichern mir, die von mir in Bild und Wort beschriebenen Begleiterscheinungen seien absehbarer Teil meines Weges.
Dies beruhigt mich und ermutigt mich, meinen Wahrnehmungen weiter Ausdruck zu verleihen. Ich fühle mich gut aufgehoben, auch als es mehr und mehr um ein Aus und Durchhalten geht.
Durchhalten
Als eines der wenigen Blätter trägt das dritte hier ausgewählte vom ersten Augenblick seines Entstehens an einen Titel, der sich nicht verändert: „Nebel im Kopf“ (Abb. 3). Dieser nimmt mir zunehmend die Sicht und schränkt meinen Handlungs und Wahrnehmungsradius ein: Ich weiß nicht mehr, welcher Wochentag ist, kann mich an Telefonnummern nicht erinnern, fühle mich der Welt vor den immer geschlossenen Fensterscheiben mehr und mehr entfremdet. Umso kostbarer sind mir Grüße, Briefe und Zeichen von Menschen „draußen“, die H. mir bei ihren regelmäßigen Besuchen mitbringt. Auch erhalte ich von ihr Wunschkost zu essen und frische Kleidung in wechselnden Wunschfarben, mit denen ich dem sich in mir ausbreitenden „Grau“ entgegensteuere: gelbe oder fliederfarbene TShirts, orangefarbene und bordeauxrote Hemden …
Nun schaffe ich immer weniger großformatige Bilder (zu ihnen zählen die hier abgebildeten A3-Formate); sie strengen mich zunehmend an. Noch größere Blätter bleiben gänzlich unberührt. A5 tritt an deren Stelle. An guten Tagen können auch mehrere entstehen. Stundenweise höre ich Radio, doch schnell sind die Meldungen, die mich so erreichen, viel zu viel. Es ist ein ständiges Abwägen zwischen „gegen die Fatigue ankämpfen“ und „der Fatigue Raum lassen”.
Immer wieder gelingt es, mich so in das Gestalten zu vertiefen, dass ich tatsächlich alles um mich herum „vergesse“. Den Zugang am Hals, mich bewegende Fragen und sogar den Ort, an dem ich bin, verliere ich für eine Viertelstunde, eine halbe und manchmal eine ganze Stunde völligaus den Augen: Ich bin ganz bei mir. Versunken in mein Tun „beame“ ich mich mittels der kleinen Blätter – höchst erfrischend! – raus aus allem. Mit diesen Pausen vom Durchhalten lässt es sich insgesamt leichter – durchhalten.
Wohlsein
Nachdem das erste Kreisbild zeigt, was mir zu schaffen macht (Abb. 3), lenkt das zweite den Blick darauf, was mir wohltut und mich kräftigt: Eine meiner Lieblingsfarben, leuchtend und warm, hier sehr fein mit winzigen Details fast zärtlich mitten in schlafloser Nacht ausgearbeitet – so stimmt es mich zwei Tage vor der Stammzelltransplantation auf diese ein (Abb. 5, nächste Seite). Dieses Bild tut mir ausdrücklich gut! Es stiftet mir innere Ruhe. Es fokussiert mich und es nährt mich und meine Zuversicht, dass mein Körper die fremden Stammzellen annehmen möge. Nicht allein Frau Dr. H., auch eine Reihe von Pflegekräften sprechen mich auf das Blatt an … Es liegt, als eines der ganz wenigen Motive in der ganzen Zeit überhaupt, gut sichtbar im Raum (ich probiere es aus, doch an der Wand ist es mir doch zu viel …), so auch am Tag der geplanten Verabreichung der Stammzellen. Diese treffen pünktlich ein, und zwar „aus dem Ausland“. So viel durfte ich – trotz aller Anonymität der spendenden Person – vorab bereits erfahren. Frei läuft der kleine Beutel planmäßig ein, was für mich ein feierlicher Moment ist! Ich liege auf dem Rücken, eine Hand am Infusionsständer und beobachte jeden Tropfen.

Abb.3; Nebel im Kopf © Titus Grab
Annehmen
Erfüllt von Dankbarkeit nehme ich jetzt nicht allein die bisherigen Strapazen an, sondern erst recht die lebensrettende Spende eines mir wildfremden Menschen, der sich diese Stammzellen – wie das Etikett des kleinen Beutels verrät – am Vortag in Amiens (nördlich von Paris) entnehmen lassen hatte. Zum Zeitpunkt der Entnahme hatte ich an meinem Maltisch gesessen und ein Begrüßungsbild mit zwei Schriftzügen gestaltet: „welcome stem cells“ (in Englisch, weil ich ja wusste, dass sie ausländisch sein würden) und „Ich bin bereit“. Am Nachmittag nach der Verabreichung erscheint mir Englisch unpassend. Also rufe ich M. an, die für mich, der des Französischen nicht wirklich kundig ist, die Übersetzung vornimmt: „bienvenues les cellules souches“. Noch an diesem Nachmittag nimmt dieser Schriftzug an meinem Maltisch Form an (Abb. 4): Trotz aller Fatigue begrüße ich aktiv les cellules.

Abb. 4 Willkommen © Titus Grab
Zehn Tage später können erstmals neu gebildete Leukozyten gemessen werden. Sie werden mehr und mehr. Dass die Stammzellen ihre Arbeit verrichten, lässt mich die sich immer weiter verstärkende Fatigue gerne in Kauf nehmen.
Als ich nach weiteren zehn Tagen nach Hause entlassen werden kann, ahne ich noch nicht, wie schwer (!) mir die Verrichtung einfachster Tätigkeiten fallen wird. Es zeigt sich: Drei Teller abzuspülen, erschöpft mich vollständig. Das weiterhin noch einzunehmende Immunsuppressivum raubt mir immer mehr Kräfte. Ich verspüre den Drang, zu liegen und zu schlafen und zu liegen und ... – Für mehrere Wochen zieht H. bei mir ein (ich wohne allein) und macht den gesamten Haushalt, C. kommt zwei Mal wöchentlich und putzt akribisch, und ich selbst setze in der Wohnung mühsam einen Fuß vor den anderen. Liebevoll zwingt H. mich, das Haus mit ihr zu verlassen, und trägt dabei immer einen Klappstuhl bei sich, damit ich mich schnell und überall nach Bedarf setzen und Atem holen kann. So erweitert sich der Bewegungsradius von Tag zu Tag, von zuerst 70 Metern (ja: siebzig, mehr ist es nicht) auf 100, 200, 500 … – Ich bin angewiesen auf umfassende Unterstützung. Diese gilt es anzunehmen.
Ebenso hat es keinen Sinn, damit zu hadern, dass es mir zu diesem Zeitpunkt weder gelingt, einen halbwegs geraden Strich mit einem Stift zu ziehen – ich setze das Gestalten kleiner Papierarbeiten fort und vermeide folgerichtig gerade Linien –, noch kleinteilige Formulare leserlich auszufüllen. Die Finger sind taub, die Füße desgleichen. Und die großen Gelenke haben ebenfalls gelitten.

Abb. 5: Zuversicht © Titus Grab
Zeitsprung
Zehn Monate später ist die Fatigue weitgehend überwunden, diese Zeilen entstehen, Gelenkprobleme werden behoben, und erste Wanderungen liegen hinter mir. In der zuständigen Ambulanz attestiert mir Frau Dr. W. vor Kurzem wörtlich: „Besser könnte es nicht sein“ – gemessen an dem hinter mir liegenden Weg. Was hat mir auf diesem, insbesondere im Umgang mit dem Fatigue-Syndrom, geholfen?
- das aktive Anerkennen dessen, was ist
- das bewusste Pflegen von Gegenkräften (für mich das bildnerische Gestalten)
- das aufrichtige Annehmen von Hilfestellungen
- die Bereitschaft, ausgesprochenermaßen Vertrauen zu schenken
Zum Schluss ist mir Folgendes wichtig: Die hier vorgenommenen Einordnungen und Deutungen meiner Bilder erfolgen nachträglich! Entstanden sind diese Arbeiten ohne inhaltliche Absichten, sozusagen „aus dem Bauch heraus“, allein im Wissen, dass es mir guttut, „etwas“ zu gestalten.
Alle Freiheiten hatte ich mir während deren Entstehung genommen und keinen Plan verfolgt. – Ich empfehle dieses Vorgehen sehr zur Nachahmung.
Allen Personen, die mich in dieser Zeit qua Beruf oder privat begleitet haben, und dem anonymen Spender der Stammzellen möchte ich diesen Beitrag in großer Dankbarkeit widmen.
Zur Person
Titus Grab ist freischaffender Künstler, Kunsttherapeut und Ethnologe, Begründer der KunstKoffer für Kinder. Er war 27 Jahre tätig in einer Einrichtung der psychiatrischen Nachsorge und ist aktuell ChristaMoering-Stipendiat der Landeshauptstadt Wiesbaden.
Perspektivwechsel: Lebensmittel Kunst, Christa-Moering-Stipendium, Ausstellung mit Rahmenprogramm, Kunsthaus Wiesbaden, vom 02.12.2026 (Vernissage 19 Uhr) bis 14.02.2027 werden unter anderem 180 ausgewählte Papierarbeiten gezeigt, die in der hier beschriebenen Zeit entstanden sind.
Kontakt bitte per Briefpost:
Titus Gab
Goebenstr. 9
65195 Wiesbaden
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