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Natalie Schweigert (© Luise Böttcher)

Die Gegenwart umarmen

Natalie Schweigert in momentum 03/2025

Wie ich Kraft aus der Trauer gewonnen hatte

Natalie Schweigert war sehr schnell auf dem Karriereweg unterwegs, als sie die Diagnose „Brustkrebs“ erhalten hat. Dank eines stabilen Netzwerks – privat und im Therapieumfeld – hat sie sich rasch in der neuen Situation orientieren können. Sie hat sich naturheilkundliche Unterstützung gesucht und sich einen ganzheitlichen Blick auf ihr Leben erlaubt. Heute ist Natalie Schweigert in Ausbildung zur Resilienz- und Achtsamkeitstrainerin in der Trauerarbeit und -bewältigung. Hier fühlt sie sich am richtigen Platz. Das „Höher, schneller, weiter …“ gilt für sie schon lange nicht mehr.

Die Diagnose – ein Moment der Klarheit

Als die Worte „triple-negatives Mammakarzinom“ im Besprechungszimmer meiner Gynäkologin fielen, stand die Zeit für einen Moment still. Die Vormittagssonne zeichnete Streifen durch die halb geschlossenen Jalousien auf den hellen Linoleumboden. So erfuhr ich mit 42 Jahen, dass eine lange, anstrengende Reise vor mir lag – eine Reise, die ich mir weder ausgesucht noch gebucht hatte, die aber nun unweigerlich Teil meines Lebensweges sein würde.

Doch anstatt von Angst gelähmt zu sein, empfand ich eine merkwürdige Klarheit und Entschlossenheit. Es war, als hätte die Diagnose einen Schleier gelüftet, der mir zuvor die Kostbarkeit jedes einzelnen Moments verborgen hatte. Bis dahin lebte ich ein karrieregetriebenes Leben – höher, weiter, schneller. Und dann kam der Krebs. Die gewöhnlichsten Dinge erschienen plötzlich in einem neuen Licht – der Geschmack des Morgenkaffees, das Kinderlachen auf der Straße, die Wärme der Sonne auf meinem Gesicht.

Der Tumor hatte sich bereits durch alle vier Brustquadranten meiner linken Brust ausgebreitet, als ich ihn endlich untersuchen ließ. Die zunehmende Schwellung hatte mir über Wochen und Monate etwas mitzuteilen versucht, doch ich hatte nicht richtig hingehört.
Wir alle tragen eine gewisse Verdrängung in uns, eine sanfte Lüge, die uns sagt, dass die schlimmen Dinge immer nur den anderen passieren.

Schneller Kontakt und Wegweisung

In dieser schwierigen Situation wandte ich mich an meine enge Freundin, die zugleich auch Breast Care Nurse ist, eine speziell ausgebildete onkologische Pflegefachkraft für Brustkrebspatientinnen. Ein unbeschreibliches Glück für mich, denn ihre ruhige, sachliche Stimme war wie ein Anker in der aufgewühlten See meiner Gedanken. Sie schlug mir mein behandelndes Ärzteteam vor, denn sie kannte mich gut und wusste, dass ich auch eine gewisse Portion Humor brauchen würde während der anstehenden Therapiemonate.

Plötzlich stand ein ganzes Team von Fachleuten an meiner Seite – Onkologen, Chirurgen, Radiologen, Psychologen, Pflegekräfte. Menschen, deren Gesichter und Namen Teil meines Alltags wurden. Das Tumorboard legte eine neoadjuvante Chemotherapie fest, gefolgt von einer beidseitigen Mastektomie und anschließender Strahlentherapie.

Diese schnelle Einbindung in ein professionelles Netzwerk war entscheidend. Sie gab mir das Gefühl, nicht allein zu sein, und die Gewissheit, dass ein klarer Plan bestand. Gerade in einer Zeit großer Verunsicherung schafft dies einen strukturierten Rahmen, der Halt gibt.

Therapiereise: Akzeptanz und Loslassen

Die Therapie brachte Herausforderungen mit sich, die ich mir in ihrer Intensität nicht hatte vorstellen können: Knochenschmerzen, die mich nachts wachhielten, eine Müdigkeit so tief, dass selbst das Aufstehen manchmal unmöglich schien, Schlaflosigkeit trotz Erschöpfung und Neuropathien in den Füßen, die sich anfühlten, als würde ich in einem Ameisenhaufen stehen.

Doch das Schwerste war nicht das Ertragen dieser körperlichen Beschwerden. Was mich am meisten forderte, war die Machtlosigkeit. Ich hatte keine Möglichkeit, die Therapie zu beschleunigen. Ich konnte die Nebenwirkungen nicht wegzaubern. Ich konnte den Tumor nicht durch Willenskraft schrumpfen lassen. Ich musste mich in die Situation hineingeben. Ein Paradox von Annehmen, Loslassen und Vertrauen.

Diese Erkenntnis kam nicht über Nacht. Es war ein langsamer, manchmal schmerzhafter Prozess, zu akzeptieren, dass ich das Steuer aus der Hand geben musste. Ich, die ich immer alles kontrolliert hatte, musste nun lernen, mich führen zu lassen.

Mentale Stärke und Resilienz

Während der Therapie entwickelte ich Strategien, um meine mentale Stärke zu fördern. Ich begann, bewusst im Hier und Jetzt zu leben – eine Form der Achtsamkeit, die mir half, trotz aller Widrigkeiten Momente der Ruhe und sogar der Freude zu finden. Ich führte ein Dankbarkeitstagebuch, in dem ich jeden Tag mindestens einen Satz notierte, wofür ich dankbar war – selbst an den schlimmsten Tagen: der Nachbar, der unaufgefordert meinen Aball mitnahm, die Freundin, die mit einer Suppe vor der Tür stand, der Sonnenstrahl, der im richtigen Moment durch die Wolken brach, die Pflegekraft, die mir kurz über die Hand strich.

Diese kleine Übung veränderte meine Wahrnehmung grundlegend. Anstatt mich auf die Verluste zu konzentrieren, begann ich, die kleinen Geschenke des Alltags zu sehen. Diese achtsame Praxis half mir, eine innere Widerstandskraft aufzubauen, die mich durch die dunkelsten Stunden getragen hat.

Die Kraft der vorgezogenen Trauer

In den Momenten des Kontrollverlusts entdeckte ich etwas, das viele Krebspatientinnen und -patienten erleben, aber selten benennen können: die vorgezogene Trauer. Es begann, als ich vor dem Spiegel stand und zum ersten Mal sah, wie mir meine Haare büschelweise ausgingen. Es war nicht nur der Verlust der Haare.

Es war eine tiefere Trauer um meine verlorene Gesundheit, um die eingeschränkte Lebensqualität, um die Unbeschwertheit, die der ständigen Wachsamkeit gewichen war. Es war die Trauer um meinen Körper, der nicht mehr derselbe sein würde.

Ich erlaubte mir, um all das zu trauern, was ich verloren hatte und noch verlieren würde. Mitten auf dieser emotionalen Achterbahn traf mich ein weiterer Schicksalsschlag: Mein Vater erhielt kurze Zeit vor mir ebenfalls eine Krebsdiagnose – fortgeschritten, unheilbar, terminal.

Während mein Körper durch meine Behandlung geschwächt wurde, schwankte ich zwischen meiner eigenen Krankheit und seiner.

Der Moment, als mein Vater starb, ließ erneut die Zeit stillstehen. Ich hatte insgeheim gehofft, dass wir beide es schaffen würden – gemeinsam. Aber das Leben hatte andere Pläne. Ich lernte, dass Trauer und Überleben nebeneinander existieren können. Dass man weitermachen kann, auch wenn man innerlich am Boden liegt.

Und dann passierte etwas Unerwartetes. Als der erste Schmerz leichter wurde, fühlte ich eine seltsame Zuversicht und Leichtigkeit. Als hätte das Zulassen der Trauer ein Ventil geöffnet, durch das nicht nur Schmerz entweichen konnte, sondern durch das auch etwas Neues einströmen konnte: Kraft. Statt mich von der Trauer überwältigen zu lassen, begann ich, sie zu nutzen, sie in eine Quelle der Kraft zu ver-wandeln.

Soziale Unterstützung – das schützende Netz

Was mir besonders half während dieser intensiven Zeit der Therapie und Transformation, war das Gefühl, nicht allein zu sein. Meine Breast Care Nurse wurde zu einem Anker in dieser stürmischen Zeit. Es gab Tage, an denen ich mitten in der Nacht aufwachte, schweißgebadet von einem Albtraum oder geplagt von Nebenwirkungen, und das Gefühl hatte, nicht weitermachen zu können. In solchen Momenten half mir das Wissen, dass ich am nächsten Morgen jemanden anrufen konnte, der mir zuhören und helfen würde.

Auch meine Freunde und Familie waren eine große Stütze. Während einige sich zurückzogen, vielleicht aus Unsicherheit oder Angst, kamen andere näher, als ich es je für möglich gehalten hätte. Besonders berührte mich die Freundin, mit der ich viele Jahre keinen Kontakt hatte. Sie zögerte keinen Moment, als mein Vater starb: „Wir holen dich zur Beisetzung!“ Ich war damals noch in meiner Chemotherapie. So fuhr sie mit ihrem Mann zweimal 400 Kilometer. Oder der Kollege, der mir regelmäßig Filme empfahl – nicht über Krebs oder Heilung, sondern alles, was mich für eine Weile in andere Welten eintauchen ließ.

Dieses Netz aus professioneller und persönlicher Unterstützung fing mich auf, wenn die Belastung zu groß wurde, und gab mir die Kraft, weiterzumachen, wenn der Weg besonders steinig wurde. Es half mir, die Balance zu finden zwischen dem Zulassen der Trauer und dem Fokus auf Heilung.

Ganzheitliche Behandlung – Körper und Seele

Während meiner Behandlung erkannte ich schnell, dass Heilung mehr bedeutet als medizinische Therapien. Es geht um einen ganzheitlichen Ansatz, der Körper und Seele gleichermaßen berücksichtigt. Neben der schulmedizinischen Behandlung integrierte ich verschiedene komplementäre Methoden:

Achtsamkeitsmeditation half mir, im Moment zu bleiben und die Angst vor der Zukunft zu reduzieren. Ich lernte, meinen Atem als Anker zu nutzen, wenn die Gedanken zu kreisen begannen. Bewegung wurde zu einem wichtigen Teil meines Alltags – selbst wenn es an manchen Tagen nur ein kurzer Spaziergang war. Die sanfte Bewegung half mir, mit den Nebenwirkungen der Therapie besser umzugehen und ein Gefühl der Normalität zu bewahren.

Auch heute, Jahre nach meiner Erkrankung, ist dieser ganzheitliche Ansatz Teil meines neuen Lebens geblieben. Die regelmäßige Nachsorge wird ergänzt durch bewusste Ernährung, ausreichend Bewegung, Techniken zur Stressbewältigung und homöopathische Medikation. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass Gesundheit ein Gleichgewicht ist, das täglich neu gepflegt werden will.

Ein Neuanfang nach Krebs

Nach meiner Krebstherapie entschied ich mich für einen Neuanfang und zog nach über 20 Jahren in der Schweiz zurück in mein Heimatland Deutschland. Hierzu entschied ich mich, nachdem mir während meiner Therapiezeit und der intensiven Innenschau immer bewusster wurde, was in meinem – neuen – Leben wirklich zählt: meine verbleibende Familie, meine authentischen, langjährigen Freundschaftsbeziehungen, meine Wurzeln. Rückblickend sage ich heute, dass mich der Tod meines Vaters zu mir gebracht hat.

Die erste Zeit in Deutschland war die Zeit der totalen Neuorientierung. Ich fühlte mich als Fremde in meinem eigenen Heimatland. Suchte eine Stelle in meinem bisherigen Arbeitsbereich, als Geschäftsleitungsassistentin, dort fühlte ich mich sicher und meine Erfahrung im Ausland im internationalen Umfeld kam mir auch zugute. Jedoch musste ich schnell erkennen, dass ich nicht mehr die Alte war, auch im Arbeitskontext. Mein Leistungsniveau und Belastungslevel waren noch nicht annähernd da, wo ich es vermutete und fälschlicherweise einschätzte.

Neue berufliche Ausrichtung – Sinn statt Stress

So scheiterten schlussendlich zwei Arbeitsversuche im klassischen Beschäftigungsverhältnis. Ich erkannte, dass ich nicht mehr in dem hochstressigen Umfeld arbeiten konnte oder wollte. Meine Erfahrungen hatten meine Perspektive grundlegend verändert. Statt mich in die Opferrolle des Systems zu ergeben, übernahm ich die Gestalterrolle und suchte nun nach einem sinnstiftenden, ganzheitlichen Arbeitsumfeld, das die Themen wie persönliche Transformation nach einer schweren Erkrankung und Trauer integriert.

Beruflich habe ich nun nach den anfänglichen Anlaufschwierigkeiten meine ideale Arbeitsstelle gefunden, bei der ich meine Betroffenenkompetenz und meine Werte gewinnbringend einbringen und umsetzen kann. Ich habe mir mehr Freiraum für die Dinge geschaffen, die mir wirklich wichtig sind. Ich habe gelernt, „Nein“ zu sagen, ohne mich zu rechtfertigen, und „Ja“ zu sagen, wenn ich es auch ernsthaft und mir zuliebe vertreten kann. Ich lebe nach dem Motto: „hin zu“ und nicht „weg von“.

Das Leben in der Gegenwart – eine tiefe Wertschätzung

Fünf Jahre nach meiner Diagnose und dem Tod meines Vaters blicke ich mit Demut zurück. Die Narben auf meiner Brust sind verblasst, aber sie sind noch da, wie stille Erinnerungen an den zurückgelegten Weg. Manchmal streiche ich mit den Fingern darüber und spüre eine seltsame Dankbarkeit für diese Zeichen des Überlebens. Die vorgezogene Trauer hat sich in eine tiefe Wertschätzung für das Hier und Jetzt verwandelt. Ich habe gelernt, Momente vollständig auszukosten – den ersten Schluck Kaffee am Morgen, das Lachen eines Kindes, das Gefühl von Regen auf meiner Haut, die ersten Frühlingsboten.

Die Nachsorge hat für mich einen großen Stellenwert. Alle sechs Monate gehe ich zur Kontrolle, und ja, jedes Mal ist da ein kurzes Flattern innerer Unruhe, während ich auf die Ergebnisse warte. Doch während ich früher in die Zukunft geblickt hätte, lebe ich heute bewusst in der Gegenwart.

Ich habe meine Prioritäten und Werte neu sortiert. Die Beziehungen zu meinen Vertrauten stehen nun an erster Stelle. Ich verschiebe keine Treffen, keine tiefen Gespräche, keine Umarmungen mehr auf später.

Ich sage häufiger „Ich habe dich lieb“ und „Es tut mir leid“ und „Danke, dass es dich gibt“. Ich habe gelernt, dass diese Worte zu kostbar sind, um sie zurückzuhalten.

Das Leben ist zu kurz für irgendwann … Diese Erkenntnis, gewonnen aus der Trauer um meine verlorene Gesundheit, ist vielleicht das wertvollste Geschenk, das die Krankheit mir gemacht hat. Die Kraft, die ich aus meiner Trauer gezogen habe, trägt mich nun durch jeden neuen Tag – im vollen Bewusstsein seiner Kostbarkeit. Ich weiß nicht, was die Zukunft bringt – niemand weiß das. Aber ich weiß, dass ich jetzt lebe, jetzt atme, jetzt liebe. Und für den Moment ist das genug. 

 

 

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