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© Andrea Stümpel

Das Unmögliche für möglich halten

Andrea Stümpel in momentum 02/2026

Eine Krebserkrankung im Alter von 28 Jahren hat Andrea zum Anlass genommen, ihr Leben neu auszurichten. Viel draußen sein, viel Bewegung am Meer. Viele Jahre später erhält sie eine weitere Diagnose, aggressiv und fortgeschritten. Die positive Ausrichtung muss sie sich über lange Zeit in kleinen Schritten hart erkämpfen, und sie lernt, Unterstützung anzunehmen.

„Während Sie Ihre lokale Therapie machen, wird der Krebs Ihren ganzen Körper zerfressen.“ Ein anderer Onkologe sagte, der Tumor sei inoperabel, metastasiert, „bei Ihnen macht man jetzt Chemo bis ans Lebensende“. Lymphknotenmetastasen bis zum Schlüsselbein …

Es war 2022, und ich war 44 Jahre alt, als diese Worte fielen. Und tatsächlich wuchs der Krebs so rasant, dass ich das Gefühl hatte, er würde mich regelrecht auffressen.

Er bohrte sich in rasendem Tempo durch meine Brust, die Haut und das umliegende Gewebe. Doch meine Geschichte beginnt früher.

Als ich zum ersten Mal spürte, dass mehr möglich ist.

Mit 28 Jahren erhielt ich meine erste Krebsdiagnose. Der Krebs war über die ganze rechte Brust verteilt, auch in den Lymphbahnen. Die Angst war riesig. Doch am zweiten Tag nach meiner Diagnose übernahm etwas anderes: Neugier. Und ein unbändiger Wille zu leben. Für mich war die Krankheit ein Hilferuf meines Körpers: Zeit, mein Leben zu ändern.

Eine Freundin zeigte mir verschiedene Techniken, wie Klopfen und Affirmationen. Sie sagte, meine wichtigste Aufgabe sei es jetzt, an mich zu denken. Zuvor war ich viel gereist, war neugierig auf alles da draußen. Nun eröffnete sich mir eine ganz neue Welt: Zwei Wochen lang klopfte ich täglich stundenlang und sprach laut Affirmationen vor dem Spiegel: „Ich liebe. Ich glaube. Ich vertraue. Ich habe Mut. Ich bin dankbar.“ „Ich bin gesund, glücklich und erfolgreich.“ Erst wenn ich wirklich fühlte, was ich sagte, ging ich zum nächsten Schritt, und ich betete täglich. Ich fühlte eine besonders tiefe Verbundenheit mit Gott, dem Universum und mit dem Leben selbst.

Das Leben selbst in die Hand nehmen

Mir ging es besser als je zuvor, und bei der Operation zeigte sich etwas Unerwartetes: Der verbliebene Teil des Tumors war weniger aggressiv als zuvor. In diesem Moment habe ich begriffen, wie sehr meine innere Verfassung und mein Körper miteinander verbunden sind. Je mehr ich gut für mich sorgte, desto unbedeutender wurde die Aussage einer Ärztin für mich, ich hätte maximal 50 % Heilungschance.

Obwohl ich kein gutes Gefühl bei den Therapien hatte, konnte ich noch nicht konsequent auf mein Bauchgefühl hören. Doch die Antihormontherapie lehnte ich ab, stattdessen entgiftete ich meinen Körper. Man hielt mich für verrückt. Ich wollte, dass mein Körper sich erholt und wieder in seine Kraft findet. Das schien mir sinnvoller und meiner Gesundheit zuträglicher, als weitere Therapien zu machen, die meinem Körper zusetzten.

Ich holte mir einen Hund aus dem Tierheim, kaufte einen alten Camper, verbrachte Zeit in der Natur, las viel über alternative Heilmethoden und setzte mich immer wieder mit mir selbst auseinander. Ich lebte bewusster als je zuvor und war hungrig nach Leben. Surfen und Yoga wurden meine große Leidenschaft und zu meiner Kraftquelle, genauso wie mein Hund und die Natur.

17 Jahre später: die zweite Diagnose

Im Alter von 44 Jahren kam die zweite Diagnose: metastasierter, inflammatorischer, triple-negativer Brustkrebs, Lymphknotenmetastasen bis zum Schlüsselbein links, inoperabel, der Tumor 12 x 6 cm groß, die Haut über die Brust hinaus rot – typisch für diese äußerst seltene Brustkrebsart, die mit besonders schnellem Wachstum einhergeht, scheinbar die aggressivste Kombination. Es war sehr schmerzhaft.

Ich verließ die Klinik direkt nach dem Ultraschall, obwohl man mich sofort dabehalten wollte, um mit der Chemo zu starten. Mein damaliger Freund unterstützte mich auf meinem Weg; aufgrund eigener Erfahrungen in der Familie war er offen für meine Ideen. In der nächsten Klinik wurde mir meine miserable Lage noch einmal unmissverständlich vor Augen geführt, und ich beschloss zunächst, nie wieder ein Brustzentrum zu betreten. Einige Worte begleiteten mich lange Zeit wie ein Schatten.

Ich traute einer klassischen Chemotherapie nicht zu, etwas gegen diesen großen Tumor auszurichten. Die Schmerzen waren schwer auszuhalten. Also entschied ich mich für eine regionale Elektrochemotherapie, möglich gemacht durch eine Spendenaktion. Unter anderem habe ich die Therapie mit Methadon kombiniert. Ich unterstützte meinen Körper mit sanften Yogaübungen, Atemübungen, Infusionen, Basen, Enzymen, Meditationen, Sauerstoff … Doch mit der dritten Chemo kam der Absturz.

Der Zusammenbruch

Komplikationen führten zu einer Schädigung im Rückenmark – Teilquerschnitt. Zunächst saß ich im Rollstuhl, doch ich übte mit dem Rollator Tag und Nacht, bei miserabler Verfassung. Neurologische Schäden, massive Schwäche, Nacht-chweiß, Gewichtsverlust, unerträgliche Schmerzen. Mein Körper war in Aufruhr. Und der Tumor wuchs erneut schnell weiter. Einige Menschen in meinem Umfeld hatten mich aufgegeben. Mein Anblick muss schwer zu ertragen gewesen sein.

Dazu kamen eine starke Anämie und später auch eine Darmentzündung. Ich war völlig am Ende. Kortison für den Darm und eine Bluttransfusion wegen der Anämie lehnte ich ab. Ich suchte andere Wege. Ich hatte Wunden, die nicht heilten, und rote Flecken am Oberkörper. Eine Onkologin war überzeugt, das sei ein typisches An-zeichen für die Ausbreitung im Körper. Ihren Rat, wieder eine Chemo zu machen, lehnte ich ab. Ich spürte, dass mein Körper dieser Therapie nicht standhalten würde.

„Haben Sie Angst vor dem Sterben?“, fragte mich der Psychologe beim Hereinkommen. So, wie ich aussah, konnte ich die Frage zwar nachvollziehen, doch ich wollte mich mit dem Leben beschäftigen, mit dem Sinn, mit dem Grund, weiterzumachen. Nach den ersten beiden Coronajahren, persönlichen Herausforderungen und dem Tod meines geliebten Hundes, der mich seit der ersten Erkrankung begleitet hatte, sowie nach den niederschmetternden Aussagen der Ärzte war das sehr schwer. Ich musste meinen inneren Kompass neu ausrichten. Ich machte unter anderem Aufstellungen, um mich mit der Ursache zu befassen und den Blick auf das Leben zu richten.

Eigene Recherche

Ich begann, pausenlos zu recherchieren. Ich las Studien, Fallberichte, internationale Veröffentlichungen. Ich suchte auf Deutsch und Englisch. Ich suchte nach Menschen mit schlechten Prognosen, die es geschafft hatten. Bei Krebs, bei Querschnitt, bei Darmerkrankungen. Und ich fand erstaunlich viele. Ich hinterfragte alles, kombinierte Maßnahmen, um die Wirkung zu optimieren, recherchierte jedes Lebensmittel, jedes Präparat in Bezug auf Darm und Tumor. Ich besuchte Ärzte und Therapeuten in ganz Deutschland. Aber diese eine Stelle, die alles in die Hand nehmen würde und mir in meinem Sinne sagen konnte, was als Nächstes zu tun wäre oder mit mir neue Schritte überlegen und diskutieren würde … die gab es nicht. Ich nahm meine Gesundheit selbst in die Hand, begleitet von vielen tollen Helfern.

Stoffwechsel und Selbstwirksamkeit

Ich fastete lange Zeit täglich etwa 20 Stunden und ernährte mich mindestens sehr kohlenhydratreduziert, über lange Zeit auch streng ketogen, und achtete auf Glutamin. Alle Nahrungsmittel wählte ich mit Bedacht. Unter anderem war auch Essen meine Therapie. Immer wieder versuchten Menschen in meinem Umfeld aus Sorge, mich zu animieren, Süßes zu essen. Ich fand wissenschaftliche Hinweise, die mir Mut machten, trotz oder gerade wegen meines Gewichts ketogen zu essen. Und tatsächlich gelang es mir so besser, mein Gewicht zu stabilisieren und meinen Körper mit Energie zu versorgen.

Ich probierte sehr viel aus: Nahrungsergänzungsmittel, Off-Label-Medikamente, Infusionen, kombiniert mit Sauerstoff und Hyperthermie, ich entgiftete meinen Körper. Trotz meines schlechten Zustands reiste ich durch ganz Deutschland. Ich war sehr experimentierfreudig. Ich trank Kamelmilch und -urin, als mir eine befreundete Patientin von dieser Therapie berichtete und ich ihre Wirkung recherchiert hatte. Nach der Operation, als meine Haut sich seltsam veränderte und es im PET dort leicht leuchtete, machte ich Kambo, eine Zeremonie mit einem Froschgift aus dem Amazonas. Während ich Infusionen über die Vene bekam, nutzte ich auch rektale Infusionen und Injektionen, da der Darm sehr gut durchblutet ist und Stoffe gut aufnehmen kann.

Der Wendepunkt: Sauerstoff und Hoffnung

Die meisten Ärzte hätten wohl fassungslos den Kopf geschüttelt, wenn ich sie vorher gefragt hätte. Also fragte ich oft besser gar nicht und übernahm selbst die Verantwortung für meine Entscheidungen.

Zurück zu dem zuvor erwähnten Absturz. Als mein Körper aufgrund der Komplikationen im Rückenmark völlig außer Kontrolle war, begann ich mit hyperbarer Sauerstofftherapie (HBO), einer Therapie mit 100 % Sauerstoff unter Überdruck. Man warnte mich, es könne den Tumor wachsen lassen. Doch ich ging – wegen der Nervenschäden – und dachte: hopp oder top. Du musst wieder richtig auf die Beine kommen, um gesund zu werden. Man machte mir wenig Hoffnung auf Besserung. Das zentrale Nervensystem heilt angeblich nicht. Trotz aller Warnungen war mir die Vorstellung einer Flut an Sauerstoff in dem Tumorgewebe sympathisch. Sauerstoffarmut kann Krebs aggressiver machen. Also dachte ich mir, dass meinem aggressiven Krebs eine große Portion Sauerstoff gut bekommen würde.

„Bei Ihnen operiert man nicht mehr“

Jeden Tag nutzte ich die Stunden in der Druckkammer, um mein Ziel zu visualisieren. Und Woche für Woche kam mehr Leben in meinen schwachen Körper. Der Nachtschweiß ließ nach. Ich konnte die Nahrung besser verwerten, und in meiner Brust wurde es ruhiger. Der Tumor wurde tatsächlich weniger aggressiv. In den folgenden Monaten kümmerte ich mich intensiv um meinen Darm und führte einige Maßnahmen und Therapien fort. Doch über eineinhalb Jahre nach der Diagnose begann der Tumor in der Brust wieder sehr schnell zu wachsen. Zwei Ärzte schlugen nun doch eine Operation vor – schweren Herzens entschied ich mich dafür.

Mit Untersuchungen gehe ich bis heute sparsam um. Alle drei Monate ein CT vom Hals bis zum Becken – so viel Strahlung wollte ich nicht. Inzwischen mache ich ein MRT je nach Verlauf und Bauchgefühl in kleineren oder größeren Abständen. Oft entscheide ich mich dafür, nicht zur Untersuchung zu gehen und anders für mich zu sorgen. Manchmal bin ich aber auch ehrlich gesagt müde nach den letzten Jahren und entscheide mich deshalb erst mal dagegen.

Um Hilfe bitten, Hilfe annehmen

Es war eine große Herausforderung, um Hilfe zu bitten und sie auch wirklich anzunehmen. Es gab eine Spendenaktion von Freunden und Verwandten auf der Online-Spendenplattform gofundme.de, mit der ich verschiedene Therapien finanzierte, neben den kostengünstigen Maßnahmen, die ich zusätzlich selbst durchführte. Daneben bekam ich viel tatkräftige Unterstützung und liebe Worte der Unterstützung. Es war mir am Anfang richtig unangenehm, gleichzeitig habe ich mich gefreut, und es gab mir Kraft, dass andere an mich glaubten. Sie freuten sich, dass sie etwas für mich tun konnten. Ich bin sehr dankbar für alles. Auch für die Erfahrung, über meinen eigenen Schatten gesprungen zu sein.

Grundsätzlich war ich schon lange überzeugt, dass Heilung möglich ist – für alle anderen. Doch mir selbst ist es zunächst sehr schwergefallen. Ich musste mir meinen Lebenswillen neu erarbeiten. Alles, was mir früher Freude bereitete, war gefühlt unerreichbar. Immer wenn mich die Angst packte, arbeitete ich daran, meditierte und suchte nach positiven Beispielen. Glücklicherweise fand ich einige.

An die eigene Heilung glauben

Ich habe großes Glück, dass ich Menschen an meiner Seite habe, die von meiner Heilung überzeugt sind. Wenn ich verzweifelt war, sprach ich nur mit ihnen. Ich setzte mir Ziele. Ich wollte wieder surfen, reiten, wieder Yoga unterrichten, einen Hund haben.

All das war mein Antrieb. Ich stellte mir vor, wie ich auf dem Brett stehe, mitten in den Wellen und den Wind spüre, eins mit der Natur, kraftvoll, gesund und frei. Andererseits: Nach den Ischämien fiel mir selbst das Atmen schwer. Ich hatte so starke Schmerzen, die Nerven, die Wunden … Ich wusste nicht, wie lange ich das noch aushalten würde. Meditationen halfen mir, positive Gefühle statt Angst zu empfinden. Am Anfang spürte ich nichts. Später kamen Gefühlsexplosionen voller Liebe, Freude und Dankbarkeit.

Trotz meiner Einschränkungen leite ich im Rahmen meiner Möglichkeiten heute wieder Yoga-Kurse für Menschen mit Krebs oder anderen gesundheitlichen Herausforderungen: Oft lenken wir den Blick nur auf das, was der Körper im Moment nicht kann. Gerade dann ist es wichtig, den Körper bewusst zu spüren, um unsere innere Kraft zu aktivieren.

Ich bin noch unterwegs

Heilung bedeutet für mich nicht, tumorfrei zu sein. Für mich geht es auch um meine Entwicklung, um Selbstfürsorge, darum, den Ursachen auf den Grund zu gehen – und um die stärkste Kraft, die es gibt: die Liebe. Persönliche Entwicklung ist für mich kein Ziel, das man irgendwann erreicht, sondern ein fortwährender Prozess. Ich lebe weiterhin mit Beschwerden hauptsächlich durch den Teilquerschnitt, aber die Dankbarkeit überwiegt: Ich lebe.

Wenn du solche Geschichten liest – meine oder die von anderen – und denkst: „Das schaffe ich nicht“ oder „Bei mir hat das nicht funktioniert“, dann kann ich dir sagen: Diese Gedanken hatte ich auch oft. Und trotzdem lohnt es sich, weiterzugehen. Schritt für Schritt.

Gib niemals auf. Manchmal beginnt das Unmögliche mit einem einzigen Gedanken: Vielleicht ist mehr möglich, als man mir gerade sagt.

 

Zur Person

Andrea Stümpel suchte nach der ersten Erkrankung berufliche Neuorientierung als Online-Redakteurin, Wäsche-Model nach Brustkrebs und Yoga-Lehrerin. Nach der zweiten Erkrankung hat sie ihre Yoga-Praxis in geringem Umfang wieder aufgenommen.

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