Leben im Hier und Jetzt mit allem, was ist
Annette Merklin ist Bewegungsmensch. Jahrelang war ihr Alltag als Eurythmielehrerin von Schmerzen begleitet, für die niemand eine Ursache finden konnte. Unter dramatischen Umständen wurde dann ein Tumor entdeckt, der sich bereits im Beckenraum ausgebreitet hatte – von einem Tag auf den anderen war Annette Merklin aus ihrem Leben herauskatapultiert. Inzwischen hat sie gelernt, mit dieser bedrohlichen Erkrankung zu leben. Sie hat ihre Biografie unter dem Titel „Raumforderung“ veröffentlicht, denn so wie der Tumor unbemerkt Raum in ihrem Körper besetzt hat, ermisst sie Schritt für Schritt den eigenen Innenraum mit seinen Bedürfnissen und Nöten. Sie hat gelernt, sich selbst den Raum – und auch die Zeit – zu nehmen, die sie braucht. Für uns beschreibt sie ganz konkret, was ihr dabei geholfen hat.
Da ist sie wieder, jene besondere Stille, die ich so gut kenne und die mir schon so oft begegnet ist in meinem Leben. Immer dann, wenn plötzlich alles anders wird.
Ich sitze im Krankenhaushemdchen im Krankenhausbett und fühle mich ziemlich nackt und schutzlos, als ein junger Arzt, der am selben Morgen eine MRT-Untersuchung für unnötig erachtet hatte, mit jugendlicher Dynamik ins Zimmer spaziert. Vor zwei anderen Patientinnen im Raum eröffnet er mir, dass die Radiologen eine große „Raumforderung, einen großen Prozess“ im Becken gefunden haben. Ich kann mit dem Begriff „Raumforderung“ überhaupt nichts anfangen. Ein Synonym für Tumor, finde ich später heraus. Er klingt nur besser. Unbestimmter. Nicht so brutal.
„So eine Raumforderung kann in diesem Krankenhaus allerdings gar nicht behandelt werden. Dazu müssen Sie in die Charité nach Berlin-Mitte verlegt werden. Dort kann man so etwas operieren. Aber Sie müssen mit starken Ausfällen der Nerven, möglicherweise mit Invalidität, sprich: mit einem Leben im Rollstuhl rechnen.“ Ich bin Tänzerin.
Weiß er eigentlich, was er da sagt? Locker und sportlich übermittelt er mir diese Nachricht, so als würde es sich um einen einfachen Knochenbruch handeln, den zu operieren reine Routine sei.
Und dann kommt die Stille. Sie senkt sich herab, diese besondere Stille, wie ein eleganter Vogel, der sich mit großen Flügelschwüngen auf einer glatten Wasseroberfläche niederlässt. Wie ein tiefes Schweigen.
Im Äußeren wie in meinem Inneren. Sie besucht mich immer und immer wieder in meinem Leben, diese Stille. Sie gehört zu mir und zu meiner Geschichte wie der Grundton in einem Musikstück.
Wie alles anfing …
Das Drama meines Lebens begann, als ich 25 Jahre alt war. Das ist jetzt ziemlich genau 19 Jahre her. Ich hatte mein Studium gerade beendet, als mein Schicksal mich im Herbst desselben Jahres einholte. Ich spürte im linken Oberschenkel immer wieder ein leichtes Prickeln und Ziehen. Nicht schmerzhaft, aber doch ungewohnt und etwas unangenehm. Noch ahnte ich nicht, dass dieses Phänomen meine Zukunft und mein Leben auf erbarmungslose Weise bestimmen sollte.
Ortswechsel
Ich absolvierte mein Referendariat in Stuttgart, fand eine Stelle als Tanzpädagogin in Berlin. Kurz vor dem Umzug ging ich in Stuttgart zum Arzt. Irgendetwas stimmte doch nicht mit meinem Bein. Die Missempfindungen waren in der letzten Zeit stärker geworden, und ich litt darunter. Aber es gab keinen direkten Befund.
Während der Wohnungssuche in Berlin wurde es erstmals richtig schlimm. Eine Woche lang hatte ich jeden Tag Schmerzen. Ein Ziehen von der linken Gesäßhälfte über den Oberschenkel in die Wade. Manchmal auch nur bis zum Knie und manchmal bis zur kleinen Fußzehe. Wenn es heftig war, fühlte es sich an, als würde ein Feuerstrahl durch mein Bein schießen. Ich wurde zum CT der Lendenwirbelsäule überwiesen. Jedoch, der Befund war negativ. „Sie haben eine wunderschöne Wirbelsäule, alles altersgemäß. Lediglich im unteren Bereich eine kleine Erweiterung des Spinalkanals. Das ist aber nicht besorgniserregend und sicher nicht der Grund für Ihre Beschwerden“, ließ mich der Arzt wissen. Erleichtert, aber auch nachdenklich verließ ich die Praxis. Vielleicht bildete ich mir das nur ein? Oder war es ein Stresssymptom? Nun gut, es gab keine Antwort, also beließ ich es dabei. Berlin wartete!
Wachsende Beschwerden – keine Erklärung
In dieser ersten Zeit in der neuen Stadt wurden die Schmerzen zusehends stärker. Es gab ganze Nächte, in denen ich nicht schlafen konnte. Trotzdem wollte und musste ich arbeiten gehen. Das war alles andere als einfach. Es war mir extrem wichtig, dass niemand mir etwas anmerkte. Wie konnte man schon als junger Mensch mit Mitte zwanzig dauernd grundlos Schmerzen haben? Da das CT keinen Befund geliefert hatte, musste das Schmerzgeschehen wohl psychische Ursachen haben. Ich war bestimmt einfach nicht in der Lage, mit Stress angemessen umzugehen.
Als die Schmerzattacken immer häufiger wurden, bewog mich mein damaliger Partner dazu, nach zwei Jahren noch einmal einen Orthopäden aufzusuchen. Der Arzt überwies mich wieder zum CT. Wieder ohne Befund. Allerdings gab es die Empfehlung, ein MRT des Beckens vornehmen zu lassen, weil die Spinalkanalweitung doch deutlicher zu sehen war.
Ich besprach den Befund mit dem Orthopäden. „Ein MRT ist unnötig. Das kostet im wesentlichen nur Geld, und finden werden wir doch nichts“, meinte er. Da mich die Schmerzen sehr quälten, fragte ich nach: Woher könnten sie kommen, was meinte er? „Möglicherweise haben Sie Dehnungsschmerzen.“ Ich weiß bis heute nicht, was das sein soll. Die Erklärung reichte mir nicht. „Könnte es vielleicht ein Tumor sein?“, wollte ich wissen.
Erneute Vertröstungen
„In dieser Region nicht, und auch nicht in Ihrem Alter“, bekam ich als Antwort. Damit entließ er mich, verschrieb mir aber Wärmebehandlung und Akupunktur in seiner Praxis. Die Schmerzen wurden davon nicht besser. Im Gegenteil. Sie nahmen kontinuierlich zu. Da es offensichtlich keine physiologische Ursache für meine Schmerzen gab, kam eine Krankschreibung für mich nicht infrage. Egal, wie viel oder wenig ich geschlafen hatte – ich ging auf jeden Fall zur Arbeit und habe mich auf diese Weise über Jahre erfolgreich abgelenkt. Eine gute Methode, wenn die Kraft dafür ausreicht. Glücklicherweise waren die Schmerzen tagsüber meist deutlich geringer zu spüren, sodass ich mich überwiegend auf meinen Unterricht oder andere Tätigkeiten konzentrieren konnte. Es verlangte dennoch ein enormes Maß an Selbstkontrolle, denn oft fühlte ich mich erschöpft. Verständlicherweise. Trotzdem heiter und gelassen zu erscheinen, kostete mich zusätzlich Kraft, die ich irgendwann einfach nicht mehr aufbrachte. Dann wurden die Schmerzen so unerträglich, dass ich doch in die Notaufnahme eines Berliner Krankenhauses kam, wo endlich Licht ins Dunkel gebracht wurde …
Lebendigkeit und inneres Wachstum
Der Text bisher stammt aus meinem Buch „Raumforderung – mein Weg in die Selbstermächtigung“, das 2022 im Erzählverlag erschienen ist. Dort berichte ich über die vielen Jahre in der Auseinandersetzung mit einer zwar gutartigen, in ihren Auswirkungen aber aggressiven und dennoch lebensbedrohlichen Tumorerkrankung. Neben den äußeren Ereignissen und den mitunter erstaunlichen und unerwarteten Wendungen erzähle ich insbesondere von den inneren Wachstumsmöglichkeiten, die ich auf diesem Weg entdeckt habe und die mir heute fast wichtiger erscheinen als die Geschichte meiner Erkrankung selbst.
Bitte lassen Sie mich erklären, wie ich dies meine: Häufig ist unser Blick auf die Krankheit geprägt von dem Wunsch zu verstehen. Warum sind wir erkrankt? Wie können wir das, was uns vermeintlich krank gemacht hat, verändern? Der Wunsch, wieder gesund zu werden, ist unser ständiger Begleiter und immer da. Das ist menschlich und nur zu verständlich.
Doch immer wieder bin ich mit dieser Haltung an eine Grenze gestoßen. Es war so, als ob ich in einer Sackgasse stecken bleiben würde. Wie sehr ich mich auch bemühte, ich konnte nicht mehr weitergehen, ich fand keine überzeugenden Antworten.
Neue Wege ausprobieren …
Als Opfer meiner Tumorerkrankung fühlte ich mich machtlos, ohnmächtig und ausgeliefert. Alle Versuche, Einfluss auf das Tumorgeschehen zu gewinnen, scheiterten. Sowohl auf dem alternativmedizinischen Weg als auch auf dem Weg der klassischen Medizin gab es keine nachhaltigen Erfolge. Mein Fokus wurde immer enger. Ich hatte große Ängste vor der Zukunft und befürchtete das Schlimmste. Meiner Ressourcen war ich mir zunehmend weniger bewusst. Erst als ich begann, die Fragen anders zu stellen, hat sich mir ein Weg gezeigt, den ich bis heute gehe. Es ist mein Weg der Selbstermächtigung. Der Begriff besagt, dass es einen Weg aus der Ohnmacht und aus der Opferhaltung gibt. Ich überwinde meine Ohnmacht und ermächtige mich selbst, ohne dass jemand mir dabei hilft oder mir sagt, wie es geht.
Ich begann zu ahnen, dass ich möglicherweise auf eine andere Weise Einfluss auf meine Situation gewinnen könnte, als ich es bisher versucht hatte. Wäre es vielleicht eine Möglichkeit, meine Haltung zu meiner Erkrankung und zu meinem Lebensweg radikal zu verändern?
Den Fokus weniger auf den körperlichen Zustand und den Fortgang der Erkrankung zu legen und dafür mehr die inneren Prozesse zu erforschen, die in mir abliefen? Vielleicht ging es nicht darum, gegen die Krankheit zu kämpfen, sondern mit der Krankheit zu leben? Sie in einem ersten Schritt als einen wichtigen Teil von mir zu akzeptieren und meinen Körper zu lieben, so wie er war und wie er sich durch die Krankheit veränderte?
Freiheit schleicht sich ein
Ich begann mit der Frage zu leben, ob und wie es möglich sein könnte, das Leben mit Interesse und Begeisterung zu meistern, egal, welche Erfahrungen es mir brachte, und egal, ob ich jemals wieder gesund werden würde oder nicht. Mir war bewusst, dass so eine Haltungsänderung Zeit und Geduld erfordern würde und gewissermaßen eine Provokation darstellte. So begann ich, nach Übungen und Methoden zu suchen, die mir dabei helfen könnten, emotional unabhängiger und freier zu werden, meinem Leben wieder eine Bedeutung zu geben, auch wenn ich krank war, auch wenn ich nicht mehr arbeiten konnte oder im Außen wirksam war. Ich entdeckte einfache, alltagstaugliche Übungen, die ganz erstaunliche Wirkungen erzielten. Viele davon sind in meinem Buch veröffentlicht und können so auch anderen Betroffenen als Inspirationsquelle dienen.
Auf einmal zeigte sich mir ein Weg aus der inneren Erstarrung heraus in eine neue Lebendigkeit. Ich wurde wieder neugierig, konnte mich wieder begeistern und gewann wieder Freude daran, Neues und Unbekanntes auszuprobieren.
Leben im Moment …
„Es wäre schon gut, wenn Sie lernen könnten, im Moment zu sein und zu schauen, welche Erkenntnisse Sie in der Gegenwart gewinnen können, anstatt in Ihren Gedanken dauernd in die Zukunft zu springen“, sagte einer meiner Therapeuten zu mir, als ich mal wieder überwältigt war von dem, was ich in der Zukunft befürchtete. Also begann ich zu meditieren. Bis heute übe ich es täglich, im Moment zu sein. Das Meditieren ist zu meiner Säule, meinem sicheren Raum, meiner Heimat geworden. Diesen sicheren Innenraum habe ich immer bei mir. Egal, wo ich bin. Nichts und niemand kann ihn mir nehmen. Auch wenn es Tage gibt, an denen ich darum ringe, in ihn einzutreten, weil so viel los ist und so vieles mich beschäftigt. Als Nächstes begann ich zu malen. Es hat mir gutgetan, nur mit den Farben zu spielen, ohne den Anspruch zu haben, großartige Kunstwerke zu schaffen. Über lange Zeit entstand fast jeden Tag im Anschluss an meine Meditation ein Bild aus freien Formen und Farben. Im Laufe der Zeit sind so weit über 200 Bilder entstanden. Spannend daran war nicht das einzelne Bild. Spannend war es, diese Bilder in ihrer Folge zu betrachten. Keines glich dem anderen. Ich fing an, Dinge auszuprobieren und anders zu machen, als ich sie bisher gewohnheitsmäßig getan habe.
Was haben wir, wenn wir das „Jetzt“ haben?
Selbstermächtigung heißt für mich, meine produktiven Kräfte zu aktivieren und tätig zu werden. Vor allem heißt es auch, gewohnte Handlungs- und Gedankenmuster zu durchbrechen, mich selbst zu überraschen und Neues auszuprobieren. Mit der Zeit bemerkte ich, wie ich eine spielerische Leichtigkeit in meinem alltäglichen Handeln gewann und immer wieder kleine Variationen ausprobierte. Dinge tat, von denen ich vorher niemals gedacht hätte, dass ich sie eines Tages ausprobieren würde. Das tägliche Leben mit seinen Routinen wurde dadurch zu einer einzigen spannenden Entdeckungsreise. Der Blick auf die Entwicklung meiner Krankheitssituation trat in den Hintergrund, anderes wurde wichtiger und in gewissem Sinn interessanter. Das, worauf wir den Fokus lenken, wird mehr. In meinem Leben gab es wieder mehr Lebendigkeit und weniger lähmende Angst.
Jetzt – der Anfang einer Ahnung Heute, nach den vielen Jahren der Übung, beginne ich zu ahnen, was es heißt, ganz im Moment zu leben. Es ist mir einleuchtend, dass der Weg mit einer schweren und bedrohlichen Erkrankung besser zu bewältigen ist, wenn wir dies üben. Wir können heute nicht wissen, was morgen sein wird. Der Moment ist das Einzige, was wir haben. In Augenblicken der Angst frage ich mich heute: „Wie bin ich, wenn ich meine angstvollen Gedanken hinter mir gelassen habe?“ Dann spüre ich sofort, dass ich dann frei bin, gelöst und geweitet. Ich kann diese Freiheit und diese Erweiterung meines Wesens für einen Moment JETZT erleben. Dies ist mir wie ein Wegweiser zu mir selbst. Zu dem Menschen, der ich sein kann, unabhängig davon, wie sich meine äußere Situation verändert und gestaltet. Auch wenn ich den Tumor vor einigen Jahren hinter mir gelassen habe, das Risiko, erneut zu erkranken, bleibt. Gesundheit ist kein Zustand, den ich einmal habe und dann behalten werde. Deshalb habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, das Sein zu üben. Hier und jetzt und heute. Mit allem, was dieses Im-Jetzt-Sein bedeutet. Je mehr es mir gelingt, meine Vorstellungen davon, wie dieses Sein eigentlich sein sollte, abzulegen und aufmerksam wahrzunehmen, was jetzt wirklich ist, desto leichter wird es. Wenn ich mir heute etwas wünsche, dann das. Dass es leicht sein möge. Und so möchte ich diesen Beitrag mit der Ermutigung beenden, den Fokus zu erweitern, Neues auszuprobieren und sich selbst zu überraschen, auch wenn das vielleicht gerade kaum möglich oder abwegig erscheint. Jeder Moment ist der richtige, um damit anzufangen.
Weitere Informationen
- Merklin A., Raumforderung: Mein Weg in die Selbstermächtigung, Berlin, Erzählverlag; 2022
- Zum Vormerken: Lesung am 14. April 2025, 18:00 Uhr, Teilnahme online und in Präsenz in der GfBK-Beratungsstelle Berlin möglich, Anmeldung auf unserer Website
Information zu unseren Betroffenenberichten
Wir freuen uns, wenn Patient:innen ihren individuellen und persönlichen Genesungsweg finden. Das ist ein Ausdruck des großen Heilungspotenzials in jedem Menschen. Gerne teilen wir diese Erfahrungen mit unseren Leser:innen, auch wenn persönliche Entscheidungen nicht immer auf andere Betroffene übertragbar sind. Sie entsprechen auch nicht in jeder Hinsicht einer konkreten Empfehlung der GfBK für Patient:innen in ähnlicher Situation.
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