Ich habe von Checkpointinhibitoren und der neuen Immuntherapie gegen Krebs gehört. Ist das eine naturheilkundliche Behandlung?

Nein, Checkpointinhibitoren (z.B. Ipilimumab, Nivolumab) sind keine naturheilkundlichen Substanzen. Doch ihr Wirkungsmechanismus verfolgt ähnliche Ziele wie die seit Jahren von Naturheilkundlern angewandte Stärkung der Immunabwehr. Man will die krebsbedingte Schwächung des Immunsystems verhindern und die körpereigene Abwehr auf die Krebszellen lenken. Solch ein Prinzip verfolgte schon Coley vor mehr als hundert Jahren: Bei seiner Fiebertherapie versuchte er, mit Bakterien die Immunantwort zu aktivieren.  In der Naturheilkunde werden heute zu diesem Zweck z.B. Mistel, Thymus, Heilpilze oder proteolytische Enzyme eingesetzt.
Komplexe Zusammenhänge. In der Schulmedizin beginnt mit den Checkpointinhibitoren ein Umdenken. Das Aktivieren des Immunsystems steht immer mehr im Zentrum der Aufmerksamkeit, vor allem mithilfe bestimmter Immunzellen. Zytotoxische T-Zellen können entartete Zellen anhand bestimmter Merkmale erkennen, direkt angreifen und zerstören. Tumorzellen schaffen es aber durch verschiedene Mechanismen, dem Angriff des Immunsystems zu entkommen. Diese Ausweichmanöver werden mithilfe der neuen Immuntherapien gezielt ausgeschaltet. Ihre differenzierte Wirkweise unterscheidet die Checkpointinhibitoren von naturheilkundlichen Methoden wie der Misteltherapie, die unspezifisch Lymphozyten und zytotoxische T-Zellen aktiviert.
Checkpointinhibitoren richten sich gegen Kontrollpunkte („Checkpoints”) oder „Bremsen” im Immunsystem, die normalerweise überschießende Reaktionen gegen gesunde Zellen verhindern sollen. Viele Tumorzellen sind in der Lage, diese „Bremsen” zu aktivieren, um das Immunsystem zu hemmen. So erreichen sie, dass die Immunantwort gegen den Krebs abgeschwächt wird. Checkpointinhibitoren wirken dem entgegen: Sie verhindern die Unterdrückung der Immunantwort und bewirken so, dass das Immunsystem den Tumor verstärkt angreift. Im Vergleich zur zytotoxischen oder molekular zielgerichteten Therapie richtet sich der immunonkologische Therapieansatz daher nicht direkt gegen Tumorzellen, sondern bindet das Immunsystem mit ein.
Risiken und Nebenwirkungen. Eine zu starke Aktivierung des Immunsystems birgt die Gefahr, dass sich die Immunzellen gegen den eigenen Körper richten. Mögliche Nebenwirkungen sind beispielsweise Autoimmunreaktionen wie Hautausschlag, aber auch unterschiedlich stark ausgeprägte Entzündungen der Schilddrüse, der Leber der Lunge oder des Darmes. Solche Nebenwirkungen müssen dann ggf. medikamentös behandelt werden. Zu diesem Zweck wird das Immunsystem wiederum unterdrückt. Sie sehen also, dass die neue Immuntherapie zwar einen ähnlichen Ansatz verfolgt wie naturheilkundliche Verfahren bei Krebs, aber keineswegs eine naturheilkundliche, sondern eine schulmedizinische Therapie ist – mit teilweise erheblichen Nebenwirkungen.
In Deutschland sind für die Immuntherapie von Krebs bereits Medikamente zugelassen, und zwar zur Behandlung des malignen Melanoms (schwarzer Hautkrebs), des Hodgkin-Lymphoms sowie bei Lungenkrebs, Nierenkrebs und Blasenkrebs. Die Immuntherapie hilft jedoch nicht jedem Patienten. Aktuell prüfen mehrere Studien, welche Patienten am meisten profitieren. Bei den Patienten, deren Tumor gut auf die Immuntherapie anspricht, kann die Erkrankung häufig für eine lange Zeit unter Kontrolle gehalten werden.  Ersten Schätzungen zufolge profitiert jeder fünfte Patient und der Benefit zeigt sich nur bei einigen Krebsarten. Die Wissenschaftler müssen noch herausfinden, wie sie diese Patienten in Zukunft besser identifizieren können.
Natürliche Immunstärkung. Für alle anderen (und das sind die meisten!) Krebspatienten lohnt es sich in jedem Fall, über eine naturheilkundliche Stärkung der  Immunabwehr nachzudenken, z.B. durch Mistel oder Thymus. Außerdem empfehlen wir dringend, vorhandene Mikronährstoffdefizite (Selen und Vitamin D) auszugleichen. Auch eine Regulierung der Darmflora ist ratsam. Will man den weißen Blutkörperchen ihre Arbeit erleichtern, verringert man Entzündungsreaktionen und sorgt für ein basisches Milieu. Dadurch können aktivierte Lymphozyten ins Tumorgewebe einwandern. Wenn auf diese Weise die natürlichen Mechanismen im Körper und die Behandlungsmaßnahmen von außen optimal  zusammenwirken, kann die Lebenserwartung verlängert und sogar eine Heilung durchaus möglich sein. Ob dies alleine mit den Checkpointinhibitoren gelingt, ist (abgesehen von Hauttumoren) aufgrund der bisherigen Erfahrungen fraglich.