Ich habe von der sogenannten Liquid Biopsy gehört und würde gerne wissen, was das ist und wie Sie dazu stehen.

Die Analyse von im Blut zirkulierenden Tumorzellen (CTC), zirkulierender Tumor-DNA (ctDNA) oder Tumorzellfragmenten gewinnt immer mehr an Bedeutung. Die moderne Sequenzierung ermöglicht es, Genveränderungen rasch zu identifizieren. Eine wahrlich personalisierte Therapie scheint in greifbare Nähe zu rücken. Das weckt Hoffnungen bei vielen Patienten und Therapeuten. Auf der Frühjahrstagung 2017 der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie plädierten die Experten auf dem Gebiet, Prof. Hallek aus Köln und Prof. Pantel aus Hamburg, jedoch für eine realistischere Diskussion.
Die Qual der Wahl. Bisher ist unklar, bei welchen Patienten eine Testung überhaupt sinnvoll ist und welcher Test die höchste Aussagekraft besitzt, zumal bei einigen dieser Verfahren nur Bestandteile von Tumorzellen aufgespürt werden. Beim EDIM-Test wird z.B. untersucht, ob in den Fresszellen (Makrophagen) Tumorzellmaterial zu finden ist. Makrophagen haben natürlicherweise die Aufgabe, entartete Zellen zu „fressen” und aufzulösen. Das tun sie fortwährend. Bei jedem Gesunden ist daher Tumorzellmaterial in Fresszellen zu finden. Ab welchem Befund von einer „Tumorzellbelastung” die Rede sein kann, ist fraglich. Noch gibt es keine verlässlichen Grenzwerte.
Eher besser geeignet sind der Maintrac-Test, der CellSearch-Test und die weiterentwickelte Real-Time-PCR (Polymerase Chain Reaction). Diese Tests weisen lebende Zellen anhand von Oberflächenmerkmalen nach. Das Cellsearch-Verfahren ist als einziges von der FDA zugelassen.
Interpretation der Analysen. Sie erfordert Erfahrung und Fachkenntnis: Der Wert an sich lässt noch keine sinnvollen Rückschlüsse auf das Krebsgeschehen zu, aussagefähig scheint eher die Dynamik der Zellzahl in weiteren Verlaufskontrollen zu sein. Hier muss die zukünftige Forschung untersuchen, ob aufgrund eines Zellzahlanstiegs durch weitere diagnostische Schritte frühzeitig Rezidive entdeckt werden und ob dies einen positiven Einfluss auf den Verlauf der Erkrankung haben kann.
Individuell. Kritisch möchten wir anmerken, dass der praktische Nutzen dieser Diagnostik für die Betroffenen immer individuell hinterfragt werden sollte. So kommt eine Studie mit sechsjähriger Beobachtungszeit zu dem Ergebnis, dass der Nachweis von Tumorzellen im Knochenmark zwar mit einem kürzeren Überleben assoziiert ist, der Unterschied in der 5-Jahres-Überlebensrate jedoch nur bei 4,9% (90,1% gegenüber 95,0%) liegt (Giuliano AE / JAMA 2011). Auch die SWOG-Studie kommt „nur” zu dem Schluss, dass die Prognose von Brustkrebspatientinnen mit der Zahl der im Blut nachweisbar zirkulierenden Tumorzellen zusammenhängt und dass ein therapiebedingter Abfall mit einer besseren Prognose einhergeht. Allerdings profitierten die Patientinnen, die nicht mit der CTC-Zahl angesprochen hatten und die daraufhin eine andere Therapie erhielten, nicht von der schnelleren Reaktion auf diese Veränderungen (Smerage JB / J Clin Oncol 2014).
Eine andere Studie gibt erste Hinweise auf die Rolle der CTC als Prognosefaktor. So zeigte die IMENEO-Studie, dass die Anzahl der CTC unter neoadjuvanter Brustkrebstherapie (Chemo oder Bestrahlung zur Tumorverkleinerung vor einem operativen Eingriff) abnahm. Patienten mit besonders wenig zirkulierenden Tumorzellen im Blut hatten die besten Prognosen (Bidard FC / Molecular Oncology 2016). Auch bei 16 Lungenkrebspatienten wurde festgestellt, dass bei Patienten mit wenig oder gar keinem CTC im Blut die  Erkrankung besser verlief (Riediger AL / Sci Rep 2016).
Blut oder Gewebeprobe? Studienergebnisse weisen darauf hin (Zill OA / ASCO 2016; Abstr LBA11501), dass die Flüssigbiopsie aus einer Blutprobe („Liquid Biopsy”) eine minimal-invasive Alternative zur Gewebetestung sein kann. Dies kann z.B. als Entscheidungshilfe vor einem Einsatz von neuen Tumortherapeutika („targeted therapies” etc.) genutzt werden, wenn eine Biopsie an Körperorganen nicht risikolos ist. So kann man im Vorfeld herausfinden, ob die Tumorzellen – zumindest im Labor – auf die neuen Therapien ansprechen. Von dem Test verspricht man sich außerdem, den Verlauf beziehungsweise die Prognose einer Krebserkrankung treffsicherer beurteilen zu können. Bisher werden Liquid-Biopsy-Untersuchungen nur im Rahmen von Studien durchgeführt. Ihr Einsatz in Praxen oder Kliniken ist noch keine Routine.
Umgang mit Testergebnissen. Was unter Laborbedingungen funktioniert, ist nicht automatisch auch auf die komplexen vielfältigen Mechanismen im menschlichen Organismus übertragbar. Das hat sich in der Vergangenheit immer wieder bewahrheitet. Ob die Euphorie der Testhersteller für die Betroffenen einen großen praktischen Nutzen bringen wird, zeigen die künftigen Erfahrungen. In unserer Beratung erleben wir leider immer wieder, dass solche Tests nicht nur ein Segen sind. Mit den Testergebnissen müssen die Patienten klarkommen, und zwar auch, wenn sie nicht das gewünschte Resultat bringen. Das kann zu belastenden Verunsicherungen führen. Schon allein die Wartezeit aufs Testergebnis ist für manche eine Qual. Daher empfehlen wir, gewissenhaft und individuell abzuwägen, ob Sie sich solch einem Test wirklich aussetzen wollen. Zumal gar nicht klar ist, ob der Test zu einer „Optimierung” der Therapie führen kann, geschweige denn, ob eine solche einen wirksamen Vorteil für die Gesundheit bringt.
Unser Rat. Einen Befund zu erheben macht nur Sinn, wenn er therapeutische Konsequenzen haben kann. Beim Patienten (und beim Arzt) sollte die Bereitschaft vorhanden sein, das therapeutische Vorgehen ggf. zu überdenken und anzupassen. Hat der Test keine Auswirkung auf die Therapie, dient er nur dem Umsatz des Herstellers und trägt schlimmstenfalls zur nervlichen Anspannung der ohnehin schon belasteten Patienten bei. Überlegen Sie sich diese Aspekte und besprechen Sie sie mit Ihrem Behandler, bevor Sie testen lassen.