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25 Jahre integrativ

Interview mit Dr. med. Susanne Bihlmaier

Was bewegt eine Ärztin dazu, sich ganz auf die Begleitung mit Naturheilkunde aus Ost und West zu spezialisieren? Wir befragen Dr. med. Susanne Bihlmaier, die für ihren Brückenschlag zwischen „Schulmedizin“ und Alternativmedizin einen Wissenschaftspreis erhalten hat, seit 30 Jahren bei der GfBK mitwirkt und seit 25 Jahren Schwerkranke begleitet.

© S. Bihlmaier

momentum: Liebe Frau Dr. Bihlmaier, viele unserer Leser:innen kennen Sie von Ihren köstlichen, dabei erfreulich undogmatischen Kochrezepten aus Ihrem Gesundheits-Kochbuch „Tomatenrot + Drachengrün“. Und schon viele Kongressbesucher ließen sich inspirieren von Ihren lebendigen Vorträgen. Zu Ihrem 25-jährigen Praxisjubiläum möchten wir gerne wissen: Wie und vor allem warum wurde aus einer Studentin der Universitätsmedizin eine Expertin für Natur- und Erfahrungsheilkunde?

Dr. Susanne Bihlmaier:

Dahinter steckt buchstäblich ein Feuerwerk: Dank meines Krankenpflegeexamens konnte ich mir mein Studium in Heidelberg mit Nachtwachen finanzieren. Ausgerechnet im Silvester-Nachtdienst überraschte mich eine Patientin mit der Frage: „Hätten Sie mir noch einen Tipp, was ich noch machen kann gegen meinen Krebs?“ Ich war perplex: Wieso ist diese Patientin nicht zufrieden in einer international renommierten Uniklinik? Im Gespräch erfuhr ich, dass ihr Krebs an mehreren Stellen der Bauchdecke durchzubrechen drohte. Das erschütterte mein studentisch-naives Bild der Universitätsmedizin. Nachdenklich streckte ich die Fühler aus und entdeckte eine Medizinwelt außerhalb der Uni- bzw. „Schulmedizin“: Weiterbildung in Naturheilkunde. Die übrigens sogar als offizielle ärztliche Zusatzqualifikation von der Ärztekammer anerkannt wird.

Was für ein zündendes Schlüsselerlebnis! Und was überzeugte Sie dann von der Naturheilkunde?

Gleich im ersten Pflanzenheilkunde-Schnupperkurs begeisterte mich eine praktische Anwendung, die Latschenkiefer-Einreibungen. Dabei klopft man mit der hohlen Hand eine alkoholische Lösung mit dieser stark ätherischen Pflanze auf den Rücken Bettlägeriger. Die spritzig-kühle Frische veranlasst, tief durchzuatmen, was mithilft beim Schutz vor Lungenentzündung. Die dadurch ebenfalls angeregte Hautdurchblutung schützt vor Wundliegen. Eine im klassischen Sinne ergänzende, lateinisch „komplementäre“ Hilfe aus der Natur! Parallel zum Studium, auf eigene Kosten und an den Wochenenden begann ich, Naturheilkunde zu lernen.

Trotz Ihrer Begeisterung für Naturheilkunde haben Sie fertig studiert, wieso?

Ich wollte beides: fundiert wissenschaftliches Wissen plus „grünes“ Erfahrungswissen. Und für meine Patienten wollte ich kein Entweder-oder, sondern ergänzende Hilfe, unterstützend, egal ob bei Kinderwunsch oder Krebs, zum Wiederaufbauen nach nebenwirkungsreichen, schwächenden Therapien wie bei Rheuma oder Krebs, sprich, Revitalisieren. Aus dem gleichen Grund suchte ich auch nach einer Doktorarbeit im Bereich der Erfahrungsheilkunde.

Gab es denn Anfang der 1990er-Jahre schon Natur- oder Erfahrungsheilkunde an der Universität?

Nein, überhaupt nicht, aber ich hatte riesiges Glück: Ausgerechnet an der Universitätsfrauenklinik Heidelberg hat eine den Leser:innen gut bekannte Ärztin und Wissenschaftlerin, Frau Professor Dr. Ingrid Gerhard, die allererste naturheilkundliche Ambulanz an einer Universitätsfrauenklinik aufgebaut und vergab Doktorarbeiten.

Eine Dissertation über „grüne“ Medizin, das hört man selten, wie lief das ab?

Dornig! Damals wie heute kämpfen pflanzenheilkundliche Medikamente wie auch erfahrungsheilkundliche Behandlungen mit dem gleichen Problem: Überspitzt formuliert ist kein Geld zu verdienen mit Kamillentee oder mit ein paar Akupunktur-Nädelchen. Deswegen finden sich kaumStudiensponsoren aus der Pharmaindustrie, aber „Schulmedizin“ und Krankenkassen akzeptieren nur, was in Doppelblindstudien überprüft wurde. Zum Glück wurde die Naturheilkunde-Ambulanz von der Carstens-Stiftung unterstützt und konnte dank vieler engagierter Doktoranden erstaunliche Ergebnisse liefern. So erzielte z. B. die Akupunktur bei Kinderwunsch die gleiche „Baby-Take-Home“-Rate (das heißt nicht nur eine erzeugte Schwangerschaft, sondern ein geborenes Baby) wie unter der damals angewandten Gabe von Hormonen – und das ohne die Hormonnebenwirkungen!

Wie kamen Sie bei der Akupunktur von Kinderwunsch auf Komplementäronkologie bzw. zur integrativen Krebsmedizin?

Für die Dissertation musste ich zuerst die theoretischen Grundlagen der Akupunktur studieren und erfuhr dabei, dass diese hauptsächlich an unserem vegetativen Nervensystem wirkt. Mich faszinierte die Möglichkeit, direkt die Selbstregulationskräfte unseres Körpers anzuregen, ohne Chemie!

Das hört sich ganz nach Hippokrates aus der Antike an: „Der Arzt behandelt, die Natur heilt“! Wie genau können Krebsbetroffene von Akupunktur profitieren?

Die Akupunktur schaltet den Organismus um auf Tiefenentspannung, und zwar ohne dass die Patienten selbst etwas dazu beitragen müssen, also beispielsweise ohne selbst meditieren zu müssen. In der Entspannung werden die Muskeln lockerer, die Durchblutung wird gesteigert, das Herz schlägt ruhiger, das Immunsystem kann besser arbeiten und auch die Psyche mit Sorgen und Ängsten wird beruhigt.

Sie verwenden die Akupunktur also, um Spannung aus Körper, Geist und Seele herauszunehmen?

Nicht nur. Die klassische, traditionell chinesische Akupunktur kann mehr, besonders zusammen mit Heilkräutern und Medizinalpilzen. So gibt es z. B. gut erforschte spezifische Akupunkturpunkte bei (Chemo-)Übelkeit, für das lmmunsystem, aber auch bei entzündlichem Geschehen wie Rheuma, Post Covid, Endometriose. Oder zur Harmonisierung der Hormone, von Kinderwunsch bis Antihormontherapie.

Können Sie uns das an einem Beispiel erklären, beispielsweise an Ihrem Stichwort „Hormon-Harmonisierung“?

Das ist ein schönes Beispiel für die Akupunkturwirkung, die besonders deutlich wahrgenommen wird von jüngeren Frauen mit Brustkrebs. Müssen diese Antihormone nehmen, werden sie damit abrupt in die Wechseljahre geschickt. Meist äußern sich daher die Begleiterscheinungen ebenfalls abrupter als bei natürlichen Wechseljahren: heftige Hitzewallungen, schlechter Schlaf, plagende Gemütsschwankungen, Trockenheit von Haut, Augen und Scheide, wiederkehrende Blasenentzündungen etc., vom Frausein ganz zu schweigen. Genau diese Nebenwirkungen kann ich akupunktierend bessern, also klassisch komplementär/integrativ, ohne die benötigte Wirkung der Antihormone zu beeinträchtigen.

Und wie kamen Sie auf Ihr weiteres „Steckenpferd“, die Ernährung?

Wie die Jungfrau zum Kinde, denn im Medizinstudium gibt es nicht eine einzige Vorlesung zur Ernährung, auch heute noch nicht! In der westlichen Naturheilkunde jedoch sagt Paracelsus: „Eure Heilmittel sollen Eure Nahrungsmittel sein und Eure Nahrungsmittel Eure Heilmittel.“ Die Traditionelle Chinesische Medizin sieht Ernährung ebenfalls an erster Stelle einer ganzheitlichen Therapie mit dem Ausspruch: „Ernährung muss passen wie ein maßgeschneiderter Anzug.“ Oft scheitert eine gesunde Ernährung an unbeliebten Verboten, aufwendigen Kochrezepten oder den lieben Gewohnheiten.

Wie schaffen Sie das?

Hört sich zunächst banal an, aber es funktioniert, wie die schon 7. Auflage meines Kochbuches zeigt: einfach, fix und lecker – und individuell maßgeschneidert, damit man die Wirkung spürt! Statt etwas zu verbieten, wecke ich lieber die Neugierde auf anderes, indem ich Wissensinfos kombiniere mit handfesten Genuss-Ideen.

Können Sie uns ein Beispiel nennen?

Nehmen wir die umstrittene Kuhmilch. Viele Brustkrebs-, aber auch Prostatakrebs-Betroffene finden Infos großer internationaler Studien (z. B. EPIC, YAMA), die Zusammenhänge aufzeigen zwischen dem hohen Milch- und Käsekonsum in westlichen Industrieländern und höheren Brust- und Prostatakrebsraten. Hier erläutere ich, dass Kuhmilch nicht per se „böse“ ist, sondern ganz natürlicherweise Wachstumshormone enthält, eben zum Aufpäppeln von Kälbchen. Und heutzutage außerdem oft mit Östrogensulfaten belastet ist. Betroffen von einer Krebsart, die mit Hormonen zu tun hat, will man/frau aber keinerlei Hormone von außen, oder?

Wir ahnen es, hier liegt die Folgefrage schon auf der Zunge …

Genau! Wenn nicht mit Käse, wie stärke ich dann meine Knochen? Spätestens jetzt kann ich zum Staunen bringen mit den Studienergebnissen, dass ausgerechnet ein bekanntermaßen kuhmilcharmes Ernährungsgebiet wie Asien eine bessere Knochenstärke aufweist als das milchkonsumierende Westeuropa, Nordamerika oder nordische Länder. Den alternativen Genusstipp mit Aha!-Effekt gibt’s gleich dazu: Ganz Asien und halb Afrika holen sich Kalzium aus dem genialen veganen Gewürzsalz „Gomasio“, bestehend aus Sesam und Salz. Zum 25-jährigen Praxisjubiläum hat mir mein Mann zum Geschenk gemacht, meine süße Eigenkreation namentlich patentieren zu lassen, das Goma-Susa (mit meinem Vornamen drin) mit „Weihnachtsgewürz“ statt Salz. Das verzaubert jedes langweilige Müsli zum Schlemmerfrühstück. Übrigens, ein Tipp zu Weihnachten: verpackt in Einmal-Portions-Marmeladegläschen ein wundervolles kleines Geschenk mit großer Wirkung!

Wie finden Sie denn für jede einzelne hilfesuchende Person die passende Heilpflanze, Akupunkturpunkte und Ernährungsweise?

Schon die alten Lehrbücher der Inneren Medizin predigten: Eine gute Diagnose macht 80% der Therapie. Deshalb nehme ich mir zuerst einmal mehr als eine Stunde persönlich Zeit für eine ausführliche Erstbefragung, die Anamnese. Zusammen mit der chinesischen Zungendiagnostik, der chinesischen Pulsdiagnostik und einer ersten Test-Akupunktur erhalte ich ein Füllhorn an Infos für eine individuelle Behandlung. Und dann gibt es bei mir immer ganz handfeste, ungesponserte, dafür erprobte Tipps.

Können Sie unseren Leser:innen Beispiele nennen?

Da fallen mir gleich zwei ein, die den Leser:innen und Kongress-Besucher:innen sogar bekannt sind: Bei Erschöpfung, Fatigue oder chemobedingtem Brain Fog macht die Reichi-Pilz-unterstützte, vegane Kokosmilch-Kaffee-Mischung meines Kollegen Dr. Jacob fit ohne Herzklopfen. Begleitend zur Chemo, als Rezidivprophylaxe und auch zur Immunstärkung setze ich beispielsweise (in Asien) studienerprobte Medizinalpilze der ebenso geschätzten pilzkundigen Frau Wolter ein. Beides wird bei mir weder verkauft, noch werde ich finanziell „unterstützt“, aber meine Patienten profitieren von einem Netzwerk engagierter, seriöser Naturheilkundler, die übrigens alle auch in der GfBK aktiv sind.

Welchen Platz hat bei Ihnen die „Schulmedizin“?

Die „Schulmedizin“ bietet eine hervorragende Apparatediagnostik, wie z. B. Ultraschall und Kernspin. Da sie zudem die Leitlinien-Standardtherapie darstellt, bestehe ich darauf, dass jeder Naturheilkunde-Suchende zuallererst ordentlich schulmedizinisch diagnostiziert wurde. Einfach, um diesen Schatz zu nutzen und auch, um nichts zu übersehen. Zweitens ermöglicht mir mein schulmedizinisches Universitätswissen, genau abzuwägen, was beim einzelnen Menschen sinnvoll ergänzt werden kann, dabei aber eine notwendige konventionelle Therapie auf gar keinen Fall stört.

Was kann die konventionelle Therapie stören?

Ich muss zum Beispiel checken, ob Leber und Nieren gut funktionieren, denn diese Organe müssen alles verarbeiten, nicht nur Narkosemittel oder Chemotherapien, sondern auch (oft übersehen bzw. nicht gewusst) pflanzliche Mittel oder Nahrungsergänzungsmittel. Und ich muss pharmakologische Wechselwirkungen im Auge haben. So rate ich beispielsweise während einer Chemotherapie nicht zu Grüntee, wohl aber danach, zur Rezidivprophylaxe.

Gibt es bei Ihnen auch Diagnosegeräte und Vitamininfusionen etc.?

Nein, ich setze auf klassisch-ärztliches Handwerk, auf ganzheitliche Befragung, auf körperliche Untersuchung (s. o.) und auf eine therapeutische Beziehung statt auf blinkende, bunte Datenblätter ausspuckende Gerätschaften. Und ja, wenn ich ordentlich Geld machen wollte, sollte ich lieber Infusionen anbieten. Aber ich bevorzuge die Erfahrungsheilkunde, weil – wie der Name sagt – unzählige Therapeuten (und Patienten) vor mir damit Erfahrung gesammelt und sie für wirksam befunden haben. Bei vielen heutigen alternativen Therapieangeboten gibt es zwar dicke Werbeversprechen, aber nur dünne oder gar keine Wirknachweise, was die Hilfesuchenden aber oft erst nach vielen teuren Terminen merken. Dann doch lieber seit Jahrtausenden bewährte Heilkräuter.

Beim Stichwort Heilkräuter sind wir bei einem weiteren Steckenpferd, Ihren Heilkräuterführungen.

Richtig, die machen mein Mann als Botaniker und Naturpädagoge und ich zusammen,gemäß unserem Motto: „Man schützt nur, was man schätzt. Und um es schätzen zu können, muss man es kennen.“ Wenn mein Mann Unkräuter am Wegesrand in Heilkräuter verwandelt, dann erzeugt das Staunen, und es entsteht Wertschätzung, die beste Voraussetzung zum Schutz unserer Natur und damit auch Naturheilkunde. Ebenso, wenn ich seinen Studenten der Forsthochschule am Ende einer Exkursion Wildkräuter-Kekse und Giersch-Limo serviere oder bei meinen eigenen Vorträgen gesundgetrickste Mini-Muffins.

Dann haben Sie im Brustzentrum Coburg noch eine Naturheilkunde-Ambulanz aufgebaut und sind aktuell naturheilkundliche Kooperationspartnerin des Endometriosezentrums der Uni-Frauenklinik Tübingen, schreiben Bücher und Artikel – das hört sich nach einem 25-Stunden-Tag an! Dürfen wir erfahren, was Sie noch alles vorhaben?

Zuerst einmal muss meine Praxis umziehen. Ein Investor will das Altstadthaus, in dem ich 25 Jahre lang meine Praxisräume gemietet hatte, in gewinnbringendere Studenten-Schuhschachteln … äh … Zimmer umbauen. Ich freue mich, in einer wunderschönen Jugendstil-Villa mit anderen Therapeuten ein Plätzchen gefunden zu haben, wo ich weiterwirken kann. Mein Mann darf dort sogar eine Heilkräuter-Spirale anlegen. Damit es mir wirklich nicht langweilig wird, gibt es ganz persönliche Gesundheits- und Genusstipps in meinem NaturHeilkraft&Genuss-Blog, um noch mehr für die Natur- und Naturheilkraft begeistern zu können, ungesponsert und werbefrei.

Verraten Sie unseren Leser:innen zum Abschluss noch, wie Sie sich selbst gesund halten?

Für Bewegungsfreude an frischer Luft sorgen mein Mann mit den Kräuterführungen und meine quirlige Pudeldame Isah zusammen mit Meridian-Stretchübungen (die sie mitmacht …). Ich koche gerne, immer ganz fix und einfach, mit frischen, regionalen Zutaten, alles voller Wertstoffe, sprich vollwertig, gut gewürzt und bunt. Und es gibt mir viel, mit einem sinnstiftenden Beruf helfen zu dürfen.

Einen Video-Beitrag mit Dr. med. Susanne Bihlmaier, das beim GfBK-Patienten-Arzt-Kongress in Heidelberg entstandenist, können Sie auf unserem YouTube-Kanal ansehen:

Zum Weiterlesen
Susanne Bihlmaier: Tomatenrot + Drachengrün: Das Beste aus Ost und West, antikrebsaktiv und abwehrstark. 7. Aufl. Schorndorf: Hädecke; 2023
Armin Bihlmaier, Susanne Bihlmaier: Notfall-Apotheke Natur. 2. Aufl. Schorndorf: Hädecke; 2025

Zur Person

Dr. med. Susanne Bihlmaier
Ärztin, spezialisiert auf europäische und asiatische Naturheilkunde, internationale Referentin, Autorin

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