Der Einfluss von Mistelextrakten (Viscum album L.) auf die Lebensqualität von Krebspatienten: Kontrollierte klinische Studien in der Übersicht

Antragsteller:

Dr. med. Gunver S. Kienle, IFAEMM, Zechenweg 6, 79111 Freiburg

Titel:

Der Einfluss von Mistelextrakten (Viscum album L.) auf die Lebensqualität von Krebspatienten: Kontrollierte klinische Studien in der Übersicht

Inhalt:

Krebspatienten wenden häufig begleitend zu den etablierten Krebstherapien auch naturheilkundliche Verfahren an. Meist werden pflanzliche Heilmittel verabreicht - im deutschsprachigen Raum sind dies am häufigsten die Extrakte der weißbeerigen Mistel (Viscum album L.). Ihren Einzug in die Krebstherapie fand diese alte Heilpflanze erst vor 80 Jahren im Kontext der Anthroposophischen Medizin; seither ist sie ein etablierter Teil der komplementär-medizinischen Krebstherapie. Immer wieder beschrieben wird dabei eine markante Verbesserung der Lebensqualität der Patienten durch die Misteltherapie.

Klinische Studien

Die Wirkung der Mistelextrakte auf die Lebensqualität der Tumorpatienten – wie auch generell auf die onkologische Erkrankung – wurde mittlerweile in einer Vielzahl von Studien untersucht. Eine systematische Übersicht analysierte nun die Ergebnisse aller kontrollierten Studien hinsichtlich des Einflusses von Mistelextrakten auf die Lebensqualität der Patienten: auf ihr Befinden, ihre Krankheits- und Therapiebeschwerden, ihre Selbstregulation und generell auf ihr Zurechtkommen im Alltagsleben. Es fanden sich insgesamt 36 Studien, die den Kriterien entsprachen: 26 randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) sowie 10 nicht-randomisierte kontrollierte Studien (non-RCTs). In 9 der 10 nicht-randomisierten Studien wurde die Vergleichbarkeit der Gruppen hergestellt durch ein detailliertes Matching oder durch statistische Adjustierungen; eine Studie verzichtete auf jegliche Adjustierung.

Die Studien erfassten insgesamt 3.058 Patienten (RCTs) sowie 4.996 (non-RCTs) Patienten, die in akademischen und kommunalen Krankenhäusern, onkologischen Spezialkliniken oder von niedergelassenen Ärzten im Kontext der Studie behandelt wurden. Erkrankt waren die Patienten an Brustkrebs (15 Studien), gynäkologischen Tumoren (8 Studien), Tumoren der Verdauungsorgane (7 Studien), Tumoren an Lunge, Kopf und Hals (5 Studien), und sonstige Tumorerkrankungen (6 Studien); die Stadien reichten von früh diagnostizierten Tumoren bis zu fortgeschrittenen Tumorerkrankungen. In den Studien wurde die Misteltherapie entweder von vornherein als Begleittherapie zur konventionellen Behandlung (Chemotherapie, Strahlenbehandlung) verabreicht (22 Studien), oder unabhängig von der (im allgemeinen gegebenen) Standardtherapie (14 Studien). Appliziert wurden die Mistelextrakte in der Regel subkutan, in zwei Studien auch als intravenöse Infusion sowie einmal intrapleural.

Hinsichtlich ihrer methodischen Qualität zeigten die Studien eine große Bandbreite: Manche waren sorgfältig durchgeführt und detailliert publiziert, andere wiesen methodische Mängel auf oder waren unvollständig dokumentiert. In 14 Studien war die Lebensqualität das primäre Zielkriterium; in den anderen Studien standen andere Zielparameter - wie Überlebenszeit, krankheitsfreie Zeit oder immunologische Befunde (z. B. die funktionale Kompetenz der Granulozyten) - im Vordergrund, oder aber es waren keine Primärzielkriterien formuliert. Die Studiendauer reichte von unter drei bis über zwölf Monaten; die meisten Studien dauerten vier bis zwölf Monate.

Die Erfassung der Daten zur Lebensqualität erfolgte entweder durch die Patienten selbst (26 Studien) oder durch den behandelnden Arzt (8 Studien, davon 5 aus der Dokumentation von Patientenakten), in zwei Studien blieben diesbezügliche Details im Unklaren. Die Patienten beantworteten etablierte Fragebögen zur Lebensqualität (meist spezifisch für Krebserkrankungen) oder zur Selbst-Regulation; die behandelnden Ärzte dokumentierten subjektive Veränderungen der Lebensqualität, verschiedene Index-Werte (wie Traditional Chinese Medicine Index, Karnovsky Performance Status Scale) sowie unerwünschte Nebenwirkungen der konventionellen Therapien.

Ergebnisse der Studien

22 der 26 RCTs berichteten über einen Vorteil der Mistelbehandlung, 2 fanden keinen Unterschied; eine Studie präsentierte divergierende Ergebnisse und in einer Studie wurden gar keine Ergebnisse berichtet. Keine der Studien zeigte einen Nachteil der Therapie. Alle der 10 non-RCTs zeigten einen Vorteil.

Am häufigsten ergab sich eine konsistente Verbesserung der psychosomatischen Selbst-Regulation, d. h. der Eigenaktivität der Patienten, mit der sie ihr inneres Gleichgewicht und ein  Gefühl der Kompetenz und Sicherheit erreichen konnten. Ebenfalls häufig kam es zu einer Besserung von Müdigkeit, Erschöpfung und Schlaf, von Übelkeit, Erbrechen und Appetit, von emotionalem Wohlergehen, Traurigkeit, Ängstlichkeit, Depression, Reizbarkeit und Konzentration. Etwas weniger häufig, aber immer noch oft, besserten sich Energie, funktionelles Wohlergehen, Fähigkeit zu arbeiten, Lebensfreude, Krankheitsgefühl, sexuelles Interesse, Gedanken daran, Therapie zu haben und das Alltagsleben. Nur vereinzelt besserten sich Schmerz, Durchfall oder Verstopfung, Mundschleimhautentzündung und Taubheitsgefühl. Keine Verbesserung fand sich hinsichtlich Haarausfall, Luftnot und Infektionen. In einer nicht-randomisierten Studie wurde ein häufigeres Auftreten von Depressionen in der Mistelgruppe notiert, jedoch war dies in den so genannten Rohdaten beschrieben worden, in denen die Verschiedenheit der Patienten und ihrer Therapien nicht durch entsprechende statistische Verfahren ausgeglichen worden waren, so dass dieser Unterschied in erster Linie von der großen Unterschiedlichkeit der Patientengruppen und ihrer Therapien (sehr viel häufiger antihormonelle Therapien in der Mistelgruppe) herrühren dürfte. Die Mistelbehandlung war im allgemeinen gut verträglich: Ein Fall von Urticaria / Angioödem sowie eine generalisierte Reaktion, wurde beschrieben; Nebenwirkungen beschränkten sich auf kleinere, lokale und spontan wieder abheilende Reaktionen an der Injektionsstelle bzw. leichte, grippeähnliche Symptome oder Fieber.

Fazit

Diese Studien lassen darauf schließen, dass eine Misteltherapie die Lebensqualität, die Beschwerden durch die Tumorerkrankung und die onkologischen Therapien sowie generell das subjektive Wohlbefinden von Krebspatienten deutlich verbessern kann. Möglicherweise sind daran die Freisetzung von Endorphinen, die Immunstimulation oder DNA-stabilisierende Effekte beteiligt.

Literatur:

Kienle, G.S. and H. Kiene, Influence of Viscum album L (European Mistletoe) Extracts on Quality of Life in Cancer Patient: A Systematic Review of Controlled Clinical Studies. Integrative Cancer Therapies 9(2) 142-157 (2010).
DOI: 10.1177/1534735410369673