Zuversicht – Editorial von Dr. med. György Irmey
Zuversicht – die Schwester der Hoffnung
Editorial der momentum 4 / 2025
Wie können wir Zuversicht empfinden, wenn uns die Nachrichten tagtäglich von Katastrophen und Konflikten berichten, wenn viele Menschen mit Sorgen kämpfen, die unlösbar scheinen – wo bleibt da der Raum für Hoffnung? Und was geschieht, wenn zu all dem eine persönliche Krise hinzukommt, etwa die Diagnose einer Krebserkrankung oder die Nachricht einer Befundverschlechterung? Dann scheint das eigene Leben plötzlich stillzustehen, und alles, was zuvor Halt gab, rückt in weite Ferne.
Doch Hoffnung ist kein Luxus, den man sich nur in guten Zeiten leisten kann. Sie ist – wie Pater Anselm Grün in seinem Leitartikel schreibt – eine innere Kraft, so lebensnotwendig wie das Atmen. Hoffnung wohnt in uns, von Anfang an. Sie richtet sich auf die Zukunft, aber sie nährt sich aus dem Vertrauen ins Jetzt. Wenn wir eine Krebserkrankung haben, heißt das nicht, dass wir ausgeliefert sind. Es bedeutet vielmehr, dass wir lernen dürfen, uns auf therapeutische Prozesse einzulassen, die zu uns passen, die stimmig sind mit unseren Gefühlen, unserem Körper, unserem persönlichen Weg. So kann Vertrauen wachsen – und mit ihm die Zuversicht, dass das Kommende getragen ist, auch wenn es schwer bleibt.
Hoffnung zu bewahren, gerade wenn die Krankheit fortschreitet, ist eine große Herausforderung.
Denn Hoffnung ist nicht gleichbedeutend mit der Erwartung, dass etwas Bestimmtes eintreten muss. Hoffnung bedeutet vielmehr, offen zu bleiben – für Möglichkeiten, für Wandlung, für das, was jenseits unserer Kontrolle liegt. Die Spontanremissionsforscherin Caryle Hirshberg brachte es auf den Punkt: „Akzeptiere die Diagnose, die dir der Arzt stellt – aber akzeptiere nicht die Prognose.“ Diese Haltung ist entscheidend. Sie öffnet einen Raum für Vertrauen, für Zuversicht in die eigenen Kräfte – und in das Leben selbst.
Auch Ärztinnen und Ärzte sollten in zunehmendem Maße wissen, wie wichtig es ist, mit Prognosen achtsam umzugehen. Jeder Mensch ist einzigartig. Und so kann sich der Weg für Heilprozesse und zu einer inneren Ruhe auf vielfältige Weise gestalten. Für manche ist die schulmedizinische Behandlung der wichtigste Halt, andere finden in naturheilkundlichen oder komplementären Verfahren einen wertvollen Zugang. So können Patientinnen und Patienten mit recht identischen Befunden in unterschiedlichem Maße Methoden der Schulmedizin wie auch biologische Verfahren in Anspruch nehmen. Entscheidend ist, dass die gewählten Maßnahmen stimmig sind – dass sie im Einklang stehen mit dem eigenen Empfinden, der eigenen Geschichte und der eigenen Würde.
Vielleicht erinnern Sie sich an Situationen in Ihrem Leben, in denen Sie dachten: Jetzt ist alles verloren. Und doch haben Sie Wege gefunden, weiterzugehen. Diese Erinnerungen sind Quellen der Kraft. Greifen Sie darauf zurück.
Vertrauen Sie darauf, dass Ihr Körper, Ihr Geist, Ihr Herz über Kräfte verfügen, die häufig stärker sind, als wir ahnen. Das Potenzial unserer eigenen Regulations- und Heilkräfte ist oft viel größer, als wir ihnen zutrauen. Bleiben Sie sich treu – in Ihren Entscheidungen, in Ihrer Haltung, in Ihrer Hoffnung. Zuversicht ist keine naive Leichtigkeit. Sie ist die stille Schwester der Hoffnung – still, aber stark. Sie flüstert uns zu, dass auch im Dunkel ein Licht bleibt, dass jeder Atemzug zählt und dass das Leben, so zerbrechlich es scheint, immer wieder neue Wege findet.
So wünsche ich Ihnen für die dunkle Jahreszeit von Herzen viel Zuversicht, innere Stärke und lichtvolle Momente. Meine Segenswünsche begleiten Sie in der vorweihnachtlichen Zeit und über die Jahreswende. Möge mehr Frieden, Harmonie, freudiges Miteinander und Liebe unter uns allen und auf der Welt sein.
Mit allen guten Herzenswünschen
Ihr Dr. med. György Irmey
Hinweis:
Der Text ist als Editorial der Heftnummer 4 / 2025 „Zuversicht – Schwester der Hoffnung“ erschienen.
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