Zuversicht – die Schwester der Hoffnung
von P. Anselm Grün
Zuversicht und Hoffnung gehören zusammen. Beide unterscheiden sich von der Erwartung. Erwartungen können enttäuscht werden. Auch konkrete Hoffnungen können enttäuscht werden, etwa die Hoffnung auf ein gutes Bestehen der Prüfung oder die Hoffnung, dass ich wieder gesund werde.
Der französische Philosoph Gabriel Marcel, der mitten im Zweiten Weltkrieg ein Buch über die Philosophie der Hoffnung geschrieben hat, spricht von der absoluten Hoffnung, die sich von den Erwartungen und konkreten Hoffnungen unterscheidet. Die absolute Hoffnung bindet sich nicht an konkrete Vorstellungen und Erwartungen. Die Grundlage dieser absoluten Hoffnung ist für Marcel der Glaube. Und die absolute Hoffnung entspringt für ihn aus dem Sein, während die Erwartungen dem Haben verpflichtet sind. Ich erwarte, etwas zu haben. Doch wenn ich absolut hoffe, dann bin ich ein hoffender Mensch, auch wenn meine konkreten Hoffnungen sich nicht erfüllen.
Als ich vor 10 Jahren Nierenkrebs hatte, hoffte ich natürlich darauf, dass ich wieder gesund werde. Aber ich war in meiner Hoffnung nicht fixiert auf das Gesundwerden. Auch wenn der Krebs weitergegangen wäre, wäre ich doch ein Hoffender geblieben. Ich hoffe dann, dass die Zukunft gut wird, auch wenn sie nicht meinen Erwartungen oder konkreten Hoffnungen entspricht. Ich hoffe dann, dass ich nicht mehr durch mein Tun, durch mein Schreiben und meine Vorträge, sondern durch mein Sein etwas ausstrahle vom Geist Jesu.
Wenn wir Zuversicht und Hoffnung voneinander unterscheiden möchten, so könnten wir sagen: Zuversicht ist eine Haltung, sie ist ein Vertrauen. Sie entspringt dem emotionalen Bereich des Menschen. Emotion kommt von „movere = bewegen“. Die Emotion der Zuversicht bewegt mich, sie befähigt mich, auch in schwierigen Situationen nicht aufzugeben, sondern an mir und für die Menschen zu arbeiten.
Hoffnung – so sagt Thomas von Aquin – ist eine Strebekraft, eine vitale Kraft. Sie ist dem Menschen angeboren. Ohne Hoffnung könnte ein Säugling gar nicht leben, so sagt es uns die moderne Säuglingsforschung. Die Lateiner haben das ähnlich gesehen: „Dum spiro spero = solange ich atme, hoffe ich.“ Die Hoffnung ist für das Leben also genauso wichtig wie der Atem.
„Die Hoffnung ist dem Menschen angeboren. Sie ist so wichtig wie das Atmen.“
Hoffnung ist eine innere Kraft, und sie ist auf die Zukunft ausgerichtet. Ich hoffe, dass die Zukunft irgendwie gut wird, auch wenn sie nicht meinen Vorstellungen entspricht.
Zuversicht ist mehr die Haltung, mit der ich das tue, was gerade für mich wichtig ist, und mit der ich auf das schaue, was mit mir und für mich geschieht. Doch Hoffnung und Zuversicht ergänzen sich. Zuversicht ist das feste Vertrauen, dass ich in Gottes Hand bin und dass die Menschen es gut mit mir meinen. Wenn ich Krebs habe, bedeutet Zuversicht, dass ich mich zuversichtlich auf die Behandlungen einlasse, die meinem Gefühl am meisten entsprechen. In der Zuversicht sehe ich voll Vertrauen auf das, was auf mich zukommt.
Der Volksmund hat schöne Formulierungen von der Zuversicht. „Zuversicht ist das Geheimnis des Alters.“ Alte Menschen schauen voll Zuversicht in die Zukunft. Sie haben genug in der Vergangenheit gesehen, sodass sie aus dem Gesehenen Vertrauen schöpfen, dass auch die Zukunft trotz aller düsteren Voraussagen etwas Gutes bringen wird. Eine andere Formulierung des Volksmundes: „Mit der Einsicht steigt die Zuversicht.“ Wenn ich tiefer sehe, wenn ich in die Dinge hineinsehe, habe ich Zuversicht, dass das Äußere, das uns heute so viel Angst macht, nicht das Letzte ist. Wenn ich mit Zuversicht an die Dinge herantrete, strahle ich Vertrauen aus, das mir hilft, die Probleme zu lösen und mich von ihnen nicht lähmen zu lassen.
Der stoische Philosoph Epiktet, der von den frühchristlichen Autoren gerne zitiert wird, verbindet Vorsicht mit Zuversicht: „Wir sollten alles gleichermaßen vorsichtig wie auch zuversichtlich angehen.“ Zuversicht ist also nicht blind. Sie braucht die Verbindung mit der Vorsicht. Vorsicht bedeutet auch: voraussehen, nach vorne sehen, sich bewusst machen, dass man nicht einfach vorangehen kann. Man sollte auch voraussehen, wohin der Weg führt.
Die Bibel spricht häufig von der Zuversicht, die wir haben dürfen, weil wir auf Gott vertrauen. So heißt es im Psalm 23,4: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ Weil ich mich begleitet weiß von Jesus, dem guten Hirten, gehe ich voller Zuversicht meinen Weg. Auch wenn Menschen gegen uns toben, ja selbst wenn ein Krieg mich bedroht, so kann der Psalmist trotzdem sagen: „Ich bleibe dennoch voll Zuversicht“ (Ps 27,3). Angesichts der Kriege, die heute unsere Sicherheit und unser Vertrauen in die Welt erschüttern, bräuchten wir die Zuversicht, mit der der Psalmist auf alle Gefahren schaut, die ihn bedrohen. Ein alter Mensch ist sich sicher: „Herr, mein Gott, du bist ja meine Zuversicht, meine Hoffnung von Jugend auf“ (Ps 71,5). Wer mit dieser Zuversicht auf seine Lebensgeschichte schaut, der kann auch in die Zukunft voller Vertrauen gehen.
Paulus lebt voller Zuversicht, auch wenn der Tod ihn bedroht. Denn der Tod ist für ihn kein Ende, sondern ein Hinübergehen zu Jesus, um immer beim Herrn zu sein. „Weil wir aber zuversichtlich sind, ziehen wir es vor, aus dem Leib auszuwandern und daheim beim Herrn zu sein“ (2 Kor 5,8). Gerade der Hebräerbrief mahnt seine Leser und Leserinnen, dass sie voller Zuversicht leben sollen. Exegeten meinen, dass der Hebräerbrief von einem Autor stammt, der erlebt hat, dass die Christen auf ihrem Weg müde geworden sind. Mit einer neuen Theologie möchte er den ermüdeten Christen wieder neue Zuversicht schenken: „Lasst uns also voll Zuversicht hingehen zum Thron der Gnade“ (Hebr 4,16). Und er mahnt uns, unsere Zuversicht nicht wegzuwerfen (Hebr 10,35).
„Zuversicht ist also nicht blind. Sie braucht die Verbindung mit der Vorsicht.“
Der erste Johannesbrief predigt vor allem den Menschen, die sich mit Schuldgefühlen plagen und sich dadurch selbst lähmen, die Zuversicht auf das Erbarmen Gottes: „Wenn das Herz uns auch verurteilt – Gott ist größer als unser Herz, und er weiß alles. Liebe Brüder, wenn das Herz uns aber nicht verurteilt, haben wir gegenüber Gott Zuversicht“ (1 Joh 3,20f). Manche Krebskranke lassen sich von ihrer Umgebung Schuldgefühle aufdrängen, als ob sie selbst schuld wären an ihrer Krankheit. Die Schuldgefühle lähmen uns nur. Die Zuversicht, dass Gottes Herz größer ist als unsere Selbstvorwürfe, befreit uns von solchen Schuldgefühlen. In Gesprächen erlebe ich immer wieder Menschen, die sich selbst verurteilen, weil sie ihren eigenen Vorstellungen von einem guten Leben nicht entsprechen oder weil sie einen Fehler begangen haben. Da brauchen wir die Zuversicht, dass Gott größer ist als unser Herz, dass Gott uns nicht verurteilt.
Die Zuversicht ist das Grundvertrauen, das wir brauchen, wenn wir die Krebsdiagnose bekommen. Die Hoffnung ist die vitale Kraft, die uns stärkt und die auch heilend auf die Krankheit wirken kann, wie viele Ärzte heute erkannt haben. Die Hoffnung stärkt das psychische Wohlbefinden und auch die physische Gesundheit. Daher schätzen Ärzte die Hoffnung als einen wichtigen Heilungsfaktor im Menschen ein. Ein guter Arzt sorgt immer dafür, dass auch unheilbar kranke Menschen niemals die Hoffnung verlieren. Die Hoffnung kann für viele Kranke zum Rettungsanker werden. Dabei dürfen wir immer auch auf das Wunder der Heilung hoffen. Aber wir dürfen nicht fixiert sein auf die Erfüllung dieser konkreten Hoffnung. Die Hoffnung geht über das Thema Gesundheit und Krankheit hinaus. Sie ist eine vitale Kraft. Der Arzt Walter Brednow schreibt über diese vitale Kraft der Hoffnung: „Wenn man leben will, wenn vitale Tendenzen bestehen, hofft man.“ Doch diese vitale Kraft der Hoffnung genügt in erschütternden Grenzsituationen nicht. Da braucht sie die Transzendenz, und die Hoffnung richtet sich auf ein überweltliches Gut, letztlich auf Gott. Diese Hoffnung ist keine Flucht in ein Jenseits, sondern sie stärkt auch jetzt meinen Prozess der Gesundung.
„Die Hoffnung stärkt die Abwerkräfte.“
Die Psychologie bestätigt uns die heilende Wirkung der Hoffnung. Wer sich selbst aufgibt, der hat auch keine Abwehrkräfte in sich. Eine Frau hatte die Diagnose eines aggressiven Gehirntumors. Der Arzt sagte ihr, sie hätte höchstens noch sechs Wochen zu leben. Diese Frau bat mich, ein kleines Kreuz zu segnen. Das nahm sie jeden Abend in die Hand und hielt es immer noch, wenn sie morgens aufwachte. Diese Frau hat viereinhalb Jahre den Gehirntumor überlebt. Sie war überzeugt, dass sie sich in dem Kreuz an Christus festgehalten hat. Das hat ihr Hoffnung gegeben. Viele Ärzte machen die Erfahrung, dass Patienten, die voller Hoffnung sind, eher gesund werden. Aber die Hoffnung ist keine Garantie auf Heilung. Wir hoffen immer über die konkrete Heilung hinaus.
So brauchen wir beides – nicht nur in der Krebserkrankung, sondern in jeder Situation unseres Lebens: Wir brauchen die Zuversicht als das Vertrauen, dass das Tun der Ärzte uns gut tut und heilend auf uns wirkt. Und wir brauchen die Hoffnung als die vitale Kraft, die die vitalen Kräfte in uns stärkt. Die Zuversicht prägt unsere Haltung. Wir sind gelassen und zuversichtlich bei allem, was mit uns geschieht. Und die Hoffnung verheißt uns, dass unter dem Segen Gottes alles gut wird, auch wenn unsere konkreten Erwartungen nicht erfüllt werden. Die Hoffnung geht in die Zukunft, nicht nur in die nächsten Augenblicke, sondern in die ewige Zukunft, die auf jeden Fall für uns gut wird. Die Hoffnung, die alles Vordergründige transzendiert, erfüllt uns hier mit Zuversicht und Vertrauen und Gelassenheit.
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