Kraft aus dem Darm – raus aus der Erschöpfung
Victoria Rosenbach
Wie kommt man an Energie? Jede und jeder von uns fragt sich das wahrscheinlich täglich. Sei es im Alltag, weil wir schlecht geschlafen, zu viel oder zu wenig gegessen haben oder einfach, weil wir (zu) viel zu tun haben. Betrachten wir die Energiequellen des Menschen aus der Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin, reduziert sich die Frage nach den Energiequellen schnell auf drei chinesische Organsysteme: Lunge, Milz und Niere. Praktisch übersetzt ist damit die Atmung gemeint, der Stoffwechsel sowie die Verdauung und die Kraft aus persönlichen Beziehungen bzw. einer Gewissheit der Sinnhaftigkeit des Lebens.

So einfach das klingt: Im Falle einer schweren Erkrankung versiegen zum Teil gleich mehrere dieser Quellen. Die gute Nachricht lautet: Wir sind nicht allein. Schon vom ersten Lebenstag an sorgt die Natur dafür, dass freundliche Mikroorganismen – darunter Bakterien und wahrscheinlich auch einige Viren – unsere Oberflächen besiedeln und uns dabei unterstützen, den vielfältigen Einflüssen der Umwelt besser zu begegnen. Dieses als Mikrobiom bekannte Oberflächenschutzsystem hilft, Fremdlinge und potenzielle Angreifer abzuwehren, es spielt eine entscheidende Rolle für Verdauung und Stoffwechsel und trägt über seine Botenstoffe sogar zu unserem sprichwörtlichen „guten Bauchgefühl“ bei. Vereinfacht gesagt: Unsere hilfreichen Mitbewohner schützen uns zuverlässig vor Krankheitserregern wie schädlichen Bakterien, Viren, Toxinen und vielen weiteren Belastungen.
Erlauben Sie mir einen kurzen Ausflug in die Mikrobiologie. Zunächst einmal: Bakterien sind nicht unsere „Freunde“ im menschlichen Sinne. Es sind kleine Organismen, die zu ihrem eigenen Vorteil bei uns leben – weil unser Körper für sie ein idealer Lebensraum ist. Doch gerade ihre Fähigkeiten kommen auch uns zugute. So bilden bestimmte Lactobazillen einen feinen Säureschutz um sich herum, um anderen Mikroorganismen das Ansiedeln zu erschweren. Dieser Effekt schützt wiederum uns, denn feindliche Keime haben es dadurch schwerer, auf unseren Oberflächen Fuß zu fassen.
Man könnte sagen, wir sind wie ein guter Gastgeber, der bevorzugt zuverlässige, hilfreiche Gäste einlädt – jene, die selbst profitieren und gleichzeitig ein Umfeld schaffen, in dem weitere nützliche Mitbewohner gedeihen.
Unsere Schleimhäute bieten diesen „bewährten Partnern“ daher bewusst ein angenehmes Milieu, etwa durch schützenden Schleim. Wir stellen den lebenswerten Wohnraum, die Bakterien liefern im Gegenzug Leistungen wie die Säurebildung. So entsteht eine echte Symbiose – ein klassisches Win-win, das hier zum Beispiel unseren Säureschutzmantel stabil hält.
Nun sind diese „Oberflächenstammgäste“ nicht nur äußerlich auf der Haut zu finden, sondern auf allen Schleimhäuten bis tief in uns hinein. Sei es auf der „Außenfläche“ des Darmes, der Mundhöhle, des Genitales, der Atemwege, der Harnblase oder auch des Auges – jede Schleimhaut hat ein für sie typisches Mikrobiom, passend zu der durch sie zu erbringenden Leistung.
Dabei hat jede dieser Schleimhäute auch spezielle Anforderungen zu leisten. Daher gibt es einige Keimgruppen, die man überall findet, und „Spezialisten“, die regionale Leistungen erbringen müssen. Alle zusammen verhalten sich wie die dicke Pflanzenschicht (meist Grasnarbe) auf der Meerseite eines Deiches: Sie schützt uns – bei guter Pflege – vor vielen täglichen Anfechtungen!
„Die Schleimhäute schützen uns vor täglichen Anfechtungen.“
Nun ist es jedoch wie überall: Wo es angenehm und einladend ist, tauchen auch Bewohner auf, die wenig zum Erhalt der guten Stimmung beitragen. Nennen wir sie einmal die „faule Verwandtschaft“. Sie fühlen sich zwischen unseren Leistungsträgern ausgesprochen wohl, unterstützen uns aber kaum – ohne jedoch echte Krankheitserreger zu sein. Wenn diese „faulen Verwandten“ jedoch zulasten der bevorzugten Keime überhandnehmen, kann die Abwehrkraft sinken. Dann gelingt es tatsächlichen Krankheitserregern leichter, „hinter den Deich“ zu gelangen und eine ausgeprägte systemische Infektion auszulösen.
In einem solchen Fall ist der Einsatz eines Antibiotikums aus medizinischer Sicht selbstverständlich notwendig – doch wirkt es leider wie ein breit gestreuter Schrotschuss und trifft nicht nur die unerwünschten Keime. Das hochwirksame Medikament erreicht zudem nicht nur die betroffene, also erkrankte Schleimhaut, sondern auch andere Bereiche und beeinträchtigt dort empfindliche Bakteriengemeinschaften. Solche Begleiteffekte zeigen sich beispielsweise an typischen Durchfällen, selbst wenn die Antibiose etwa wegen einer Nebenhöhlenentzündungverordnet wurde.
Deshalb ist nach einer Antibiotikatherapie eine bloße „Rückkehr zur Ausgangslage“ bei weitem nicht ausreichend – denn diese war häufig schon zuvor im Ungleichgewicht, insbesondere hinsichtlich der Menge an schützenden Standardbesiedlern.
Bildhafte Darstellung von Darmbakterien, © imago images / Depositphotos
Nun gibt es noch einige weitere Talente unseres Körpers, die auf der Leistungsfähigkeit unserer Gäste beruhen. Betrachten wir etwa die größte Schleimhaut im Darm, so erkennen wir schnell, dass dieser „Deich“ bewusst mit regelbaren „Toren“ versehen ist. Ähnlich wie im Märchen von Aschenputtel geht es darum, die „Guten“ – also wertvolle Nahrungsbestandteile – gezielt in den Körper zu lassen, während die „Schlechten“ – etwa Abbauprodukte oder Giftstoffe – zuverlässig „ins Töpfchen“ gelangen sollen.
Damit dies gelingt, öffnen sich die Darmzellen kontrolliert und schließen sich anschließend wieder, fast wie ein feiner Klettverschluss. Gesteuert und unterstützt wird dieser Prozess wesentlich durch die leistungsstarken Akteure unseres Mikrobioms, die hier als Taktgeber und Türhüter wirken. Gerät dieser Mechanismus aus dem Gleichgewicht (Stichwort Leaky Gut), können unerwünschte Stoffe ungehindert passieren und unsere Abwehr zusätzlich belasten. Vor Ort entstehen Reizzustände, die im ungünstigsten Fall systemische, schwelende Entzündungen (Silent Inflammation) begünstigen – Prozesse, die wiederum krankhafte Veränderungen fördern können.
Im Zuge schwererer Erkrankungen müssen häufig Therapien angewendet werden, die das feine Gleichgewicht unserer Schleimhäute zusätzlich belasten. Ob unter Chemotherapie, Bestrahlung oder Antikörpertherapie – oft werden die empfindlichen Gewebe und ihre mikrobiellen Mitbewohner ungewollt in Mitleidenschaft gezogen und geraten aus ihrem natürlichen Rhythmus. Die daraus entstehenden Irritationen führen nicht nur zu entzündlichen Reaktionen, sondern schränken auch die Leistungsfähigkeit der Schleimhäute an sich ein. Besonders im Darm zeigt sich das deutlich: Die Versorgung des ohnehin geschwächten Körpers mit regenerationsfördernden Vitaminen, Spurenelementen und Mineralstoffen nimmt weiter ab, während gleichzeitig die Entgiftung weniger effektiv gelingt. Ein Teufelskreis entsteht.
Bitte glauben Sie mir: Als Ärztin möchte ich kein einziges dieser eher der klassischen Medizin zugerechneten Verfahren missen – ich wünschte mir ausschließlich, dass das Heilungspotenzial, das unser Mikrobiom uns ermöglicht, besser und weiterhin genutzt wird!
„Das Mikrobiom liebt alles, was sein Wirt auch mag: Essen, Ruhe, Bewegung!“
Das Mikrobiom besteht aus mehreren tausend Sorten Bakterien. Schon seit Jahrzehnten ist bekannt, dass eine Verschiebung in der oben erwähnten säurebildenden Schutzflora zu wiederkehrenden Entzündungen, Infekten, Allergien, Hauterkrankungen und verschiedenen magen- bzw. darmassoziierten Reizzuständen führen kann. Mittlerweile ist die Stoffwechselleistung des Mikrobioms so umfassend erforscht, dass klar ist: Auch Veränderungen einzelner Bakteriengruppen können an der Entstehung schwerwiegender Erkrankungen beteiligt sein – darunter Diabetes mellitus Typ 2, Arteriosklerose, Leberschäden, rheumatische Erkrankungen sowie neurodegenerative Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Alzheimer- oder Parkinson-Erkrankung.
Was kann nun stärkend (möglichst vor Beginn egal welcher Therapien) getan werden, um unsere Mikrobiomfreunde wieder einzuladen und zu stärken? Die gute Nachricht: Das Mikrobiom und alle seine Bakterienfraktionen lieben alles, was sein Wirt auch mag! Essen, Ruhe, Bewegung!
So spielt selbstverständlich eine gesunde, ballaststoffhaltige, pflanzenbasierte Kost eine sehr große Rolle. Die sogenannte Mittelmeerdiät mit viel Hülsenfrüchten, Gemüse, Vollkornprodukten, wenig Fleisch, dafür etwas Fisch schneidet in allen Studien gut mikrobiotastärkend ab.
Gerade die Ballaststoffe füttern unsere Mikrobiotafreunde und unsere Zellen direkt und stellen dadurch eine gute Schleimbildung sicher. Dazu kommt, dass es bei einer solchen Kost zu einer hohen Versorgung mit natürlich entzündungshemmenden Antioxidantien kommt. Genießen Sie dazu noch regelmäßig fermentierte Lebensmittel, machen Sie es Ihren Bakterienfreunden Stück für Stück weiter lebenswert.
Stellen Sie dabei allerdings vor allem auch möglichst das authentische Setting einer mediterranen Kost sicher: Es hilft nicht, eine gute Minestrone oder Vollkornpasta allein und gehetzt vor dem Bildschirm in sich hineinzuschlingen. Vielmehr ist das geruhsame, gesellige und genussvolle Miteinander der ideale Rahmen für dieses wundervolle Angebot an uns selbst.
„Gesunde, ballaststoffhaltige, pflanzenbasierte Kost spielt eine große Rolle.“
Damit haben wir schon den Weg geebnet für die zweite stärkende Quelle für unser Mikrobiom: die Ruhe! Der Darm ist wie alle Verdauungsorgane nacht- bzw. ruheaktiv. Zu den Tages- und Nachtzeiten, in denen es bei uns nicht mehr um Kampf und Flucht geht, werden sowohl die Energieausschöpfung des Systems als auch die Entgiftung und die Ausscheidung aktiv. Daher sind selbst kleinere Ruhezeiten am Tag ein Plus an Durchblutung für die Verdauung und daher eine zusätzliche Hilfe für das ganze System der Schleimhäute bis hin zur Mikrobiota. Darüber hinaus stört Stress nicht nur die Durchblutung des Darmes, sondern erhöht auch nachhaltig die Menge an „fauler Verwandtschaft“. Es droht ein Überwiegen der Störenfriede auf der Oberfläche! Schaffen Sie also auch über Tag kleine Ruhe-Inseln, auf denen Sie bewusst der Verdauung Zeit geben.
Das Mikrobiom liebt Bewegung, © Foto: Allgaier
Die dritte wichtige Energiequelle ist eine gute, zum eigenen Typ passende Form der Bewegung. Keine Sorge: Es geht nicht nur um Sport im klassischen Sinne. Vielmehr geht es darum, unseren Stoffwechsel sanft anzuregen und den Körper wieder so zu nutzen, wie er ursprünglich gedacht ist. Der Mensch besteht zu rund 35–40 % aus Muskulatur – und diese möchte gebraucht werden. Auch wenn Ihnen manchmal die Kraft oder Motivation für „richtigen“ Sport fehlt, bleibt regelmäßige Bewegung wichtig.
Ein Schrittzähler kann helfen, wieder einen einfachen Trainingsrahmen aufzubauen. Wenn Sie momentan eher wenig aktiv sind (etwa 2000–3000 Schritte pro Tag), macht bereits ein Plus von 1000 Schritten täglich einen deutlichen Unterschied. Eine wöchentliche Steigerung um jeweils etwa 1000 Schritte pro Tag ist ein realistisches und wirkungsvolles Ziel – und ist meist gut durchzuhalten.
Von dieser moderaten Aktivität profitieren auch unsere fleißigen Mitbewohner im Darm. Zum einen wird der Darm durch die Bauchmuskulatur passiv mitbewegt, sodass Stoffwechselrückstände besser ausgeschieden werden können. Zum anderen entstehen weniger belastende Substanzen, die dann von der Leber aufwendig entgiftet werden müssten. Die Folge: Die Leber kann ihre Energie verstärkt auf die Verarbeitung wertvoller Nährstoffe richten, die aus dem Darm zu ihr gelangen.
Am Ende zeigt sich: Unsere Kraftquellen sind nicht verloren – sie brauchen manchmal nur wieder Raum, Aufmerksamkeit und eine freundliche Einladung. Das Mikrobiom ist dabei weit mehr als ein unsichtbarer Mitbewohner. Es ist ein fein abgestimmter Partner, der uns durch alle Lebenslagen trägt und der mit jeder Mahlzeit, jedem ruhigen Atemzug und jeder achtsamen Bewegung gestärkt wird. Gerade in Zeiten großer Belastung lohnt es sich, die kleinen Schritte zu würdigen, die wir selbst tun können.
Zur Person: Dr. med. Victoria Rosenbach
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Dr. med. Victoria Rosenbach
Praktische Ärztin: Akupunktur, NHV
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