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„Ja, ich kann etwas verändern“

Ein Gespräch mit Juliane Langsch-Peters

Von Petra Barron

Was geschieht, wenn eine Diagnose das Leben in ein Davor und Danach teilt? Wenn Gewissheiten wegbrechen und neue Fragen auftauchen – nach Sinn, Richtung und innerer Haltung? Im Gespräch mit Dr. Petra Barron spricht Juliane Langsch-Peters über ihre eigene Brustkrebserkrankung als Wendepunkt, über innere Bilder, die sie intuitiv durch eine existenzielle Zeit getragen haben, und über die leise, aber entscheidende Frage, die ihr Leben neu ausgerichtet hat: Worauf möchte ich am Ende meines Lebens zurückblicken? Heute arbeitet sie als Emotionscoach und Trauerrednerin. Dieses Interview kreist um Angst und Selbstwirksamkeit, um Körper und Seele, um alte Glaubenssätze – und um die Möglichkeit, dem Leben auch in Krisen mit Offenheit und Vertrauen zu begegnen.

© Wirklicht Businessfotografie Melanie Scheller

Dr. Petra Barron: Liebe Juliane, wir kennen uns nicht persönlich, aber nach unserem kurzen Vorgespräch hatte ich sofort das Gefühl: Ja, mit dir möchte ich sprechen. Auf deiner Website beschreibst du, wie ein innerer Knoten zu einem Neubeginn geführt hat. Magst du erzählen, wie alles begann?

Juliane Langsch-Peters:

Sehr gerne. Ich bin vor 14 Jahren an Brustkrebs erkrankt – in einer Phase, in der ich stark im Funktionsmodus war. Ich arbeitete im öffentlichen Dienst als Kulturreferentin, gleichzeitig gab es berufliche Umbrüche und familiäre Spannungen in unserer Patchwork- Familie. Dann kam dieses Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht. Ich konnte es nicht genau benennen, aber es ließ mich nicht mehr los. Tatsächlich war es mein Mann, der sehr darauf gedrängt hat, dass ich es ärztlich abklären lasse. Ich selbst hatte ganz andere Gedanken im Kopf. Ich dachte an Arbeitsstunden, an Verpflichtungen – nicht daran, dass es etwas Ernstes sein könnte.

Hast du den Knoten selbst getastet?

Ja, ich habe ihn selbst getastet. Aber es fühlte sich zunächst nicht außergewöhnlich an. Ich hatte damals noch meine Periode, und es gab immer wieder kleine Veränderungen in der Brust. Umso erstaunlicher ist es im Rückblick, dass ich trotzdem innegehalten habe.

Dann kamen die Untersuchungen: Ultraschall, Biopsie. Und auch in dieser Phase habe ich nie wirklich gedacht, dass es Krebs sein könnte. Bis zu diesem Moment im Büro. Mein Mann, selbst Arzt, kam zu mir und sagte: „Jule, es ist Krebs.“ Ich weiß noch genau, wie wir uns festgehalten haben und ich immer wieder gesagt habe: „Das kann doch nicht sein.“ Plötzlich war alles anders. Ich bin zu meiner Kollegin gegangen und habe gesagt: „Ich habe Krebs.“ An diesen Ort bin ich nie wieder so zurückgekommen, wie ich ihn verlassen habe. Ich bin zwar nach einem Jahr zurückgekehrt – aber als ein völlig veränderter Mensch.

Dann bin ich in diese Maschinerie hineingegangen, in den schulmedizinischen Ablauf. Klinik, Chemotherapie, ein sehr aggressiver Tumor – zum Glück ohne Metastasen. Ich war im Funktionsmodus, und das hat mir auch geholfen. Gleichzeitig habe ich Dinge getan, bei denen ich heute denke: Woher kam das eigentlich?

Welche Dinge meinst du? Kannst du uns ein wenig darüber erzählen?

Ich bin zur Chemotherapie gegangen und hatte immer Kopfhörer dabei. Musik, die mich begleitet hat. Das war damals ein Song von Peter Gabriel, den auch David Bowie gesungen hat: „You can be a hero, just for one day.“ Wenn die Chemotherapie lief und die Flüssigkeiten in meinen Körper gingen, habe ich mir vorgestellt, dass das ein heilender Saft ist. Die Musik hat mich dabei getragen.

„Intuitiv habe ich Möglichkeiten der Visualisierung gewählt, die mich unterstützt haben.“

Mein Mann hatte mir außerdem einen herzförmigen Stein geschenkt, den er auf unserer Lieblingsinsel Fuerteventura gefunden hatte. Den habe ich während der Chemotherapie immer auf die Stelle gelegt, an der der Knoten war. Ich habe mir vorgestellt, dass die Sonne, die so lange auf diesen Stein geschienen hatte, diesen Knoten zum Schmelzen bringt. Alles, was ich später über Visualisierung, über emotionale Regulation durch Musik und über innere Bilder gelernt habe, habe ich damals ganz intuitiv gemacht.

Während du das erzählst, wird sehr deutlich, wie stark unser Unterbewusstsein in Bildern denkt und fühlt.

Ja. Ich konnte noch auf dieses Bauchgefühl hören, auf diese Intuition vertrauen – darauf, dass die Antworten eigentlich da sind. Gleichzeitig habe ich sehr schnell angefangen, über das Sterben nachzudenken. Ich hatte große Angst davor. Und dann kam diese Frage: Wenn ich jetzt auf mein Leben zurückschaue, was sehe ich eigentlich? Und was möchte ich sehen, wenn ich einmal am Ende meines Lebens stehe? Diese Frage war für mich unglaublich wesentlich. Sie war motivierend – und sie schlägt den Bogen zu meiner heutigen Arbeit als Trauerrednerin.

© Foto: Wirklicht Businessfotografie, Melanie Scheller

Diese Frage hat mich dazu geführt, auf der einen Seite zurückzuschauen: Was war bisher in meinem Leben? Was hat mich vielleicht mental und emotional geschwächt? Und auf der anderen Seite nach vorne zu schauen: Welche Weichen kann ich stellen? Was ist mir wirklich wichtig? Wofür brenne ich? Ich habe gemerkt, dass es nicht diese Verwaltungstätigkeit war. Kultur, Musik – ja, das ist meins. Ich habe Musikwissenschaften studiert, Musik gemacht. Aber diese Strukturen im Verwaltungsalltag, das war nicht meins. Und dann begann dieser Weg.

Ich habe mir eine Psychoanalytikerin gesucht. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Ich habe das eher als Wellness für die Seele empfunden. Es fühlte sich an, als würden wir gemeinsam durch ein großes Bilderregal gehen: Wir haben Bilder aus meinem Leben herausgezogen, sie angeschaut, assoziiert und dann wieder zurückgestellt – und dabei hat sich etwas gelöst.

Parallel dazu habe ich begonnen, Ausbildungen zu machen, meist an den Wochenenden neben dem Job. Früher wollte ich einmal Psychologin werden, hatte aber die Vorstellung, dass ich dann immer mitleiden müsste. Ich dachte: Das halte ich nicht aus. Und trotzdem war dieser Wunsch immer noch in mir.

„Was ist mir wirklich wichtig?“

So bin ich schließlich zum Coaching gekommen, habe mit Mediation begonnen, und dann folgten viele weitere Ausbildungen. Ein Teil davon war auch aus der Angst motiviert, noch nicht genug zu wissen, noch nicht sicher genug zu sein. Gleichzeitig wuchs aber diese Sehnsucht immer stärker: Ich will das ganz machen.

Du hast gerade beschrieben, wie viel sich verändert, wenn man beginnt, ehrlich auf sich selbst zu schauen. Was begegnet dir dabei bei den Menschen, die zu dir kommen, am häufigsten?

Oft sind es Zukunftsängste: Was wird kommen? Aber auch Ängste davor, nicht zu genügen oder es nicht zu schaffen. Und dann landet man sehr schnell bei Glaubenssätzen. Ich muss perfekt sein. Gibt es Perfektion überhaupt? Wie kann ich es perfekt machen? Und was ist, wenn ich nicht perfekt bin? Oder: Ich muss stark sein. Das ist gerade bei Krebserkrankungen ein großes Thema. Was ist, wenn ich auch mal schwach bin? Darf ich mir das erlauben? Dieses „Darf ich …?“ taucht ganz häufig auf.

Darf ich schwach sein – oder muss ich stark sein? Und was treibt mich eigentlich an, immer erfüllen zu wollen oder zu müssen? Da stecken oft alte Muster dahinter, die irgendwann entstanden sind. Zum Beispiel die Erfahrung: Wenn ich stark bin, bekomme ich Zuneigung – vielleicht auch von den Eltern. All das spielt in diese Ängste hinein und hält Menschen davon ab, Veränderungen anzugehen.

Gleichzeitig ist es mir sehr wichtig, Emotionen nicht als etwas Schlechtes zu betrachten. Emotionen sind in dem Moment unangenehm, ja – aber sie zeigen uns etwas. Sie zeigen, was dahinterliegt. Was fehlt mir gerade, wenn ich Angst habe? Oft sind das Bedürfnisse wie Ordnung, Stabilität, Sicherheit. Im Emotionscoaching sagen wir deshalb: Emotionen sind Bedürfnisbotschafter. Sie weisen uns darauf hin, dass etwas fehlt.

„Es wird leichter, wenn Menschen erkennen, dass sie Einfluss haben.“

Wenn ich zum Beispiel jährlich zur Nachuntersuchung gehe, was den Brustkrebs betrifft, dann ist Angst da. Und dann ist die Frage: Was fehlt mir in diesem Moment? Sicherheit. Und was kann ich tun, um mich sicherer zu fühlen? Dann kann ich eine Atemtechnik anwenden, eine Klopftechnik nutzen, mich an Momente erinnern, in denen ich mich sicher und entspannt gefühlt habe. Aber man muss erst einmal dahin kommen zu begreifen: Ich habe ganz vieles selbst in der Hand, um mich zu regulieren. Und das ist ein Weg des Erkennens.

Wie sieht dieser Weg dann ganz konkret aus, wenn Menschen zu dir kommen und sagen: Ich weiß eigentlich, was ich will – aber ich komme allein nicht weiter?

Die Menschen, die zu mir kommen, haben sich meist schon intensiv mit sich beschäftigt. Sie wissen oft, was sie wollen, wo es hakt, welches Ziel sie erreichen möchten – und gleichzeitig merken sie: Irgendetwas hält mich zurück. Am Anfang steht immer ein Erstgespräch. Wir schauen: Passt das? Gibt es eine gute therapeutische oder transformative Allianz? Ist Veränderung möglich? Diese Basis ist entscheidend.

© Foto: Wirklicht Businessfotografie, Melanie Scheller

Dann arbeiten wir viel mit Ressourcen. Wir schauen gemeinsam: Worauf bist du stolz? Wo fühlst du dich sicher und entspannt?
Wofür bist du dankbar? Oder wo ist dir vielleicht schon einmal etwas begegnet, das du als Wunder bezeichnen würdest? Das ist auch schon eine Form von Diagnostik, denn an bestimmten Punkten merke ich, wo Menschen schwer hinkommen.

Ich beziehe von Anfang an den Körper mit ein: Wo spürst du den Stolz gerade? Wo die Dankbarkeit? So verbinden wir Körper und Geist. Zusätzlich arbeite ich mit einem kinesiologischen Muskeltest, dem sogenannten Myostatik-Test. Dabei bitte ich die Klientinnen und Klienten, an etwas Angenehmes und dann an etwas Unangenehmes zu denken. Bei belastenden Emotionen reagiert der Körper sofort – und diese Reaktion zeigt uns, wo wir genauer hinschauen dürfen.

Es wird leichter, wenn Menschen erkennen, dass sie Einfluss haben. Es gibt viele Aha-Momente. Gleichzeitig lebt Veränderung von Wiederholung.

Kleine Übungen im Alltag – bewusstes Atmen, kurze Erinnerungen an sichere Momente – helfen, bis es irgendwann automatisch wird. Dann sitzt man im Auto, die Ampel ist rot, und man denkt: Ah, ich kann jetzt atmen. Und wenn man dranbleibt, wird es tatsächlich leichter.

Deine Website heißt nicht umsonst „Werde emotional“. Haben wir den Zugang zu unseren Emotionen verloren?

Ich glaube ja. Oft erlauben wir uns erst in Krisen wieder zu fühlen – bei Abschied, Trauer, Krankheit. Dabei beginnt alles mit der Frage: Was ist jetzt gerade? Sich diesen Moment Zeit zu nehmen und zu schauen: Wie geht es mir gerade? Welche Gedanken, Bilder und Gefühle sind da? Das ist ganz wesentlich. Denn erst von diesem Punkt aus wird Empathie möglich – auch für andere.

Empathie heißt ja: Ich begegne zuerst mir selbst mit dem, was da ist. Und dann benenne ich es. Was ist das gerade, was im Bauch rumort oder das Herz schneller schlagen lässt? Ich sage in Workshops gern etwas, das viele überrascht. In Star Wars sagt Meister Yoda sinngemäß: „Benenne deine Angst, bevor du sie verbannen kannst.“ Das trifft es sehr gut. Denn allein das Benennen bringt uns schon in eine Regulation – noch bevor wir bewusst atmen oder Erinnerungen abrufen.

Man geht damit in eine Beobachterrolle.

Genau. Man ist nicht mehr vollständig im Gefühl gefangen, sondern schaut es sich an, ein Stück weit von außen. Natürlich ist es auch wichtig, hinzuschauen, wo Dinge herkommen – Prägungen, Glaubenssätze, manchmal auch Traumata. Aber ohne in der Vergangenheit hängen zu bleiben. Wir gehen der Emotionsspur nach, manchmal über sogenannte Gefühlsbrücken: Wann ist dir dieses Gefühl zum ersten Mal begegnet?

„Hilfe anzunehmen, wenn ich sie brauche. Das ist so wesentlich!“

In meiner Praxis stehen viele Matroschkas. Für mich sind sie ein schönes Bild: Erfahrungen, die ineinanderstecken – von der kleinsten bis zur größten. Manche Teile sind noch fest.

Und dann geht es darum, diesen Teil wachsen zu lassen und die Erfahrungen zu integrieren, die wir im Leben bereits gemacht haben.

Allein dieses Erkennen bringt oft schon viel Klarheit. Wir arbeiten mit unterschiedlichen Methoden, zum Beispiel auch mit systemischen Ansätzen. Manchmal stellt sich die Frage: Gehört das wirklich zu mir – oder darf ich etwas wertschätzend zurückgeben? Das Entscheidende ist, sich in einem sicheren Rahmen begleiten zu lassen und zu sagen: Ich schaue mir das an – und ich bin sicher.

Zum Abschluss: Gibt es etwas, das du den Menschen gern mitgeben möchtest – als Essenz aus all dem, was du erfahren und gelernt hast?

Ja. Zunächst: Wenn man merkt, ich komme allein nicht weiter, dann Hilfe anzunehmen. Das ist so wesentlich. Und ich mache das selbst bis heute. Wenn Themen auftauchen und ich merke, da ist etwas Eigenes, dann hole ich mir Kolleginnen oder Kollegen dazu und sage: Lass uns gemeinsam draufschauen. Und dann gibt es diesen Satz, der mir seit 14 Jahren im Herzen ist: „Liebe dein Leben. Lebe dein Leben.“ Ein Satz von Dr. Ebo Rau. Er ist für mich ein Schlüssel. Er steht auch für eine sehr prägende Begegnung. Dr. Ebo Rau hatte selbst eine schwere Diagnose und hat durch viele Techniken und eine tiefe innere Arbeit einen Weg gefunden, damit umzugehen. Dieser Satz erinnert mich daran, dass wir eine Wahl haben.

Danke, liebe Juliane. Dieser Satz fasst vieles zusammen: Er gibt Selbstwirksamkeit. Ich habe eine Wahl – und ich entscheide mich für das Leben. Für die Liebe. Für alles, was uns begegnet.

Das vollständige Interview können Sie auf unserem YouTube-Kanal sehen.

Zur Person: Juliane Langsch-Peters

Juliane Langsch-Peters studierte Musik und Erziehungswissenschaften und arbeitete 16 Jahre im öffentlichen Dienst. Eine Brustkrebserkrankung veränderte ihren Blick auf Leben, Arbeit und innere Gesundheit grundlegend. Heute begleitet sie als Emotions- und Resilienzcoach sowie als Trauerrednerin Menschen in Übergangs- und Krisenzeiten.

Kontakt
Juliane Langsch-Peters
Emotionscoaching & Resilienztraining
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Website: www.werde-emotional.de

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