Immunsystem und Resilienz – Editorial von Dr. med. György Irmey
Sich schützen von innen und außen
Editorial der momentum 3 / 2025
Vielleicht liegt in diesen Fragen bereits ein Schlüssel zur Resilienz – jener inneren Widerstandskraft und inneren Heilquelle, die uns hilft, das Leben anzunehmen, nicht zu zerbrechen, sondern weiterzugehen. Für Resilienz gibt es allerdings kein Patentrezept, kein fertiges Konzept, das man einfach anwenden kann. Sie ist ein Weg – persönlich, individuell, manchmal mühsam und doch oft positiv überraschend. Sie beginnt mit dem ehrlichen Blick auf sich selbst: Was tut mir gut, und was raubt mir Kraft? Was stärkt mich wirklich, und was schwächt mich, auch wenn es sich im ersten Moment angenehm anfühlen mag?
Immunsystem und Resilienz gehören untrennbar zusammen. Doch Immunkraft bedeutet mehr als ein starkes Abwehrsystem auf körperlicher Ebene. Es geht auch darum, wie wir mit seelischen Belastungen umgehen, mit Ängsten, Rückschlägen und Unsicherheit. Denn unser Inneres wirkt nach außen – und umgekehrt.
Manchmal bedeutet Resilienz auch, Dinge zuzulassen, die unbequem sind. Schmerz, Trauer, Wut – sie nicht zu verdrängen, sondern behutsam in unser Leben zu integrieren. Das klingt widersprüchlich, doch oft liegt gerade darin eine Quelle von Stärke: das Unliebsame nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als Teil unserer Geschichte, unserer Entwicklung. Resilienz wächst nicht im Widerstand gegen das Leben, sondern im achtsamen Mitgehen mit dem, was ist.
Es geht um ein feines, fragiles Gleichgewicht, das sich immer wieder neu finden möchte: zwischen dem, was wir ändern können, und dem, was wir annehmen müssen. Zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Zwischen Verstehen und Akzeptieren. Zwischen Kontrolle und Vertrauen. Und vielleicht liegt im Anerkennen dieser Gegensätze – statt im Kampf gegen sie – die Chance, dem eigenen inneren Halt wirklich näherzukommen.
Wo kann meine Seele mich unterstützen? Vielleicht gerade dort, wo ich mich verletzlich fühle. Indem ich mir erlaube, nicht alles zu verstehen – und dennoch Vertrauen zu fassen. Indem ich würdige und immer wieder dankbar bin für das, was gut ist in meinem Leben, auch wenn das Leid danebenstehen mag. Jeder gefühlte Moment der Dankbarkeit ist eine kurze, wirksame Meditation. Jeder liebevolle Gedanke über mich selbst kann mich stärken. Jeder bewusste Ausstieg aus dem Hamsterrad unseres Alltags kann hilfreich sein. Und so kann ich mir Wege der Fürsorge eröffnen: Mikropausen schaffen im Alltag, das Handy abends rechtzeitig ausschalten, ein Buch statt Social Media zur Hand nehmen, bewusst mir selbst oder anderen Menschen zulächeln, tief durchatmen, wenn alles zu eng wird. Kleine Schritte, die viel Wirkung haben, wenn sie von innen kommen.
Resilienz heißt keinesfalls, immer stark zu sein. Sie bedeutet, immer wieder aufzustehen – in der eigenen Zeit, auf die eigene Weise, mit den eigenen Möglichkeiten. Womöglich sehen wir die eine richtige Lösung nicht unmittelbar. Aber wir finden vielleicht unser Gleichgewicht – und das ist oft genug ein Wunder. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen mit den vielfältigen Beiträgen dieser Ausgabe Mut, Selbstvertrauen, Zuversicht und viele gute Impulse für Ihre ganz persönlichen Kräfte der Resilienz.
In herzlicher Verbundenheit
Ihr Dr. med. György Irmey
Hinweis:
Der Text ist als Editorial der Heftnummer 3 / 2025 „Immunsystem und Resilienz“ erschienen, eine Inhaltsübersicht der Nummer finden Sie hier.
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