Komm mit in DEIN Atelier des Lebens – Teil 2
Selbstbegegnung und Entwicklung, Teil 2
Josef Ulrich
Sicherlich weißt du tief in deinem Herzen, du befindest dich in einem lebenslangen Schöpfungsprozess, in dem du selbst der Schöpfer bist. Leider, so scheint es, sind wir uns dessen im hektischen Lebensalltag nur selten bewusst. Bin ich es wirklich, der ich mein Leben lebe, oder werde ich gelebt? Wie lebe ich die Balance zwischen dem „Ich lebe von außen nach innen“ und dem „Ich lebe von innen nach außen“? Ist es für mich stimmig, so wie es ist? Fühle ich Unzufriedenheit oder Zufriedenheit in meinem Alltag? Oder habe ich mir das Fühlen aberzogen? Eine Patientin sagte mir: „Ich war nicht unzufrieden mit meinem Leben, aber zufrieden war ich auch nicht.“ Womit mag das zusammenhängen?

Ein Aspekt, so meine ich, ist die Stimmigkeit der Umstände mit mir selbst. Meinst du, dass Menschen nach überstandenen schweren Krankheiten, extremen Krisen oder Nahtod-Erfahrungen mehr von außen nach innen leben, oder leben sie mehr von innen nach außen? Was glaubst du, werden sie sagen? Manche sagen, dass sich das Verhältnis mehr dahin verändert hat, dass sie jetzt mehr von innen nach außen leben. Das könnte bedeuten, dass die Krankheit, die Krise sie mehr nach innen geführt hat und sie nun, durch die Begegnung mit sich selbst, die Fähigkeit gewonnen haben, mehr von innen nach außen zu leben. Dass sie authentischer geworden sind, mehr der Mensch sind, der sie eigentlich sind. Ihr eigenes Licht, ihr Eigen(t)-lich(t) kommt mehr in das Leben. Das Kreativsein, die Kunst, bietet uns wunderbare Möglichkeiten der Selbstbegegnung und des Zwiegespräches mit uns selbst.
Die Schöpfung geht in dir weiter, und du bist der Schöpfer! Völlig unabhängig von deinem Weltbild, deiner Religion, Philosophie, Spiritualität, deinem Selbstbild, egal ob du aktiv oder passiv bist, du bist die Hauptperson in deinem Atelier des Lebens, du bist der Künstler!

Skizze nach einem Foto: Picasso bei seiner Arbeit im Atelier © Josef Ulrich
Albert Steffen drückt es so aus: „Künstler in diesem Sinne ist jeder Mensch in jeder Lebenslage, wenn er aus eigener Initiative den Impuls der Wandlung ergreift. Es braucht nicht nur äußerer Stoff zu sein, den er zum Kunstwerk gestaltet, das Wort, den Ton, die Farbe; es kann auch eine Freundschaft, ein Arbeitsverhältnis, eine Krankheit, ein Unglück oder ein Schicksal sein. Alles kann man als Künstler anfassen. Und vor allem sich selbst. Künstler werden heißt demnach im höchsten Sinne Mensch-Werdung.“
Es ist: größer, kleiner, dicker, dünner, gerader, gebogener, eckiger, runder, loser, fester? Du kannst all das wahrnehmen, erleben, empfinden, erkennen. „Es ist, was es ist, sagt die Liebe …“
Unsere kleinen Ausflüge in das Atelier des Lebens haben „Kunst-Therapie“ als Rubrik-Überschrift. Zwei Charakterisierungen von Kunst und Therapie, wie sie mir hilfreich erscheinen, stelle ich vorab.
Kunst kommt von Künden Kunst kann ein Medium sein, in dem innere Empfindungen, Erkenntnisse, Gefühle, Wahrheiten, also ein sonst mit äußeren Augen nicht sichtbares, inneres Erleben, Ausdruck finden. In Klang, Form und Farbe kann Unsichtbares erlebbar oder sichtbare Erscheinung werden. Sogar in der Qualität von Punkten, Linien und Fläche erscheint es.
Therapie Das griechische Wort therapeuein (θεραπεύειν), von dem das Wort Therapie stammt, wurde bei den alten Griechen unter anderem benutzt für: verehren, pflegen, helfen, heilen.




Vier Möglichkeiten © Josef Ulrich
Meine Erfahrung in der eigenen künstlerischen Aktivität und im Therapeutischen hat mich gelehrt, dass die vier Verben ein Kompass für die Entwicklung und Entfaltung der Schöpferkraft in uns sind.
Das Verehren, auf mich selbst bezogen – kann ich mich verehren? Es gibt Auskunft darüber, wie ich die Lichtkraft der Erkenntnis, die Schöpferkraft in mir selbst anerkennen kann. Wie ich das Namaste, „Ich verneige mich vor dem Göttlichen in dir“, wie ich es zu mir selbst sprechen kann.
Wie steht es mit dem Pflegen? Kann ich meine Selbsterkenntnis über Begabungen, die in mir stecken, anerkennen und diese wertschätzen und weiter pflegen?
Jeder verfügt über die Selbsterkenntnis, dass in ihm offene Entwicklungsfelder existieren, wie z. B. Mut, Vertrauen, Konzentration, Hingabe, Abgrenzung und Verbindungsfähigkeit, liebevolle Zuwendung und vieles mehr. Kann ich mir selbst helfen oder mich für Hilfe öffnen, um notwendige Entwicklungen voranzubringen?
Erlauben wir uns, erneut zu den postkartengroßen Spielfeldern in unser kleines Atelier des Lebens zurückzugehen. In den Mikrokosmos eines winzigen „Lebenslaufes“ der Bildentwicklung. Lass uns „hineinschnuppern“, wie du den vier Haltungen dir selbst gegenüber begegnest. Wie weit sind sie anwesend im inneren Dialog, im Schöpfungsprozess mit dir selbst? Verehren, Pflegen, Helfen, Heilen benötigen besondere, liebevolle Aufmerksamkeit.
Von dem Es ist hin zu dem Es wird.
Um die nächste Qualität der Aufmerksamkeit in dir zu pflegen, benötigen wir den Schritt aus der Statik, aus dem Es ist hin zu dem Schritt in die Dynamik, in die Bewegung, hin zu dem: Es wird!




Vier neue Möglichkeiten © Josef Ulrich
So lade ich dich zum „Warmlaufen“ ein, zum Hineinspüren in die obigen vier Variationen. Kannst du das Werden erleben?
Es wird: mehr, weniger, voller, dichter, zusammenhängender, aufgelöster, vereinzelter, verbundener, es scheint sich aufzulösen, es scheint sich zu verdichten …
Wie im ersten Teil beschrieben, lade ich dich erneut ein, dir wieder vier Blätter zu nehmen und jeweils vier etwa postkartengroße Bilderrahmen aufzumalen. Falls du beim ersten Mal mit in dein Atelier gekommen bist, hast du Unterschiedliches wahrnehmen können. Eine Übung in der Selbstbegegnung anhand deines Werkes wird sein, über den subjektiven Bedeutungsgehalt hinaus objektive Wahrnehmungskriterien anzustreben.
Jeder Mensch ist ein Künstler.
– Joseph Beuys
Das liegt jenseits von Falsch und Richtig, von Gut und Schlecht, jenseits von all den Benotungen und verurteilenden Bewertungen. Als Beispiel dienen uns die Jahreszeiten. Egal welche du am liebsten hast, jede Jahreszeit trägt objektive Qualitäten in sich. Der Winter unterscheidet sich signifikant vom Sommer, der Herbst signifikant vom Frühling. Ich lade dich ein, einen kurzen Moment lang eine kleine Adjektivsammlung zu den vier Jahreszeiten zu erstellen, so wie sie dir gerade in den Sinn kommt.
Konntest du spontan einige charakterisierende Worte für die jeweiligen Unterschiede der Jahreszeiten oder deiner Werke aufschreiben? Es will geübt werden, immer wieder neu objektive Begriffe zu finden, die qualitative Differenzierungen beschreiben. Es sind Qualitäten des Lebendigen wie z. B. warm, kalt, zart, kräftig, matt, strotzend, welkend, blühend, ebenso wie Qualitäten des Seelischen, wie beispielsweise: Es wirkt lichter, dunkler, heiter, ernst, starr und locker. Immer wieder können wir uns darin üben, aufmerksam, frei, unvoreingenommen, konzentriert unsere liebevolle Zuwendung den Phänomenen, die vor uns liegen, zu schenken.

Der Baum © Josef Ulrich

Ist es dir (in dem ersten Teil des Beitrags in Heft 1/2026) gelungen, die Tür zu dem Künstler in dir ein klein wenig zu öffnen? Oder lebst du immer noch in den Gedanken: Das kann ich nicht? Dafür bin ich nicht begabt?
Punkt, Linie, Fläche waren die drei „Elemente“, mit denen ich dich, ohne Spielregeln, eingeladen hatte, auf einem Papier „Spuren“ zu hinterlassen. Ein Bild nur mit Punkten, eines nur mit Linien, eines nur mit Flächen und eines mit allen dreien. Dann hatte ich empfohlen, dies einige Male zu wiederholen und wahrzunehmen, was an Unterschied zu charakterisieren möglich ist.
Am zweiten Tag im Atelier lade ich dich ein, bewusst mit groß und klein, kräftig und zart, viel und wenig, rechts und links zu spielen. Versuche wiederum mehrere Variationen zu erschaffen. Vielleicht gelingt es dir, in dem Spiel mit Punkt, Linie, Fläche über den statischen Blick hinaus einen einfühlenden Blick zu entwickeln. So als würdest du bei ungewisser Wetterlage aus dem Haus gehen und dich fragen: Kommt ein Gewitter? Zieht es auf oder ab? Ballt sich etwas zusammen oder löst sich etwas auf? Da benötigst du den verlebendigenden Blick, das heißt einen Blick, der die Bewegung miterlebt: Es scheint, als würde das Gewitter abziehen, usw. Kannst du in deinen Postkartenbildern den Blick des Werdens entdecken und über das statische Es ist hin zu dem Es wird gelangen? Es geschieht in dir von selbst, sobald du dir Zeit schenkst. Leben und Entwicklung benötigen Zeit, ohne Zeit sind Entwicklung und Leben nicht möglich. Wenn du dir Zeit schenkst, um in aller Ruhe zum Beispiel einem dicken Baumstamm mit dem Blick von der Erde bis zu den kleinsten Ästchen nachzuwandern, dann erlebst du eineununterbrochene Veränderung, ein stetiges Dünnerwerden der Äste.
Leben ist Werden, ständige Veränderung, fortwährender Entwicklungsprozess. „Bleib offen, neugierig, interessiert.“
Viel Freude wünsche ich dir im Raum der liebevollen Selbstzuwendung, im Spiel mit Punkt, Linie, Fläche.
Herzlichst
dein Josef Ulrich
Zum Weiterlesen
Ulrich, Josef: Selbstheilungskräfte – Quellen der Gesundheit und Lebensqualität. 6. Auflage, Aethera (2021)
Zur Person

ist Salutogenetiker, Psychoonkologe, Kunsttherapeut, Künstler und Autor. 1985–2021 in der Klinik Öschelbronn tätig. Seit April 2021 in Selbstständigkeit, freiberuflich beratend.
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Josef Ulrich
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