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Komm mit in DEIN Atelier des Lebens

Selbstbegegnung und Entwicklung, Teil 1

Josef Ulrich
Du bist Künstler, du bist dich selbst erschaffend stets. Das mag wohl nicht jeder Leser selbstverständlich abnicken, hat er doch ein eigenes Bild von Kunst und noch dazu ein gelebtes Selbstbild, in dem die Aussage „Ich bin ein Künstler“ kein Echo findet. Da trifft der Satz: „Ich bin ein Künstler!“ nur auf Widerstand und Verneinung: „Nee, nee, nee! Das gilt nicht für mich!“ Jetzt könntest du an dieser Behauptung festkleben und aus dem Text aussteigen, oder du hast die Möglichkeit, innerlich in Bewegung zu kommen, indem du dich auf eine Erklärung, Differenzierung der Behauptung einlässt. In dem Moment triffst du die erste Entscheidung: Ich steige aus, oder ich lese weiter.

© imago images, Blickwinkel

Ich will versuchen, die Behauptung „Jeder Mensch ist ein Künstler“ in einen erweiterten Zusammenhang zu stellen. Wer schreibt deine Biografie? Wer entscheidet über deinen Lebenslauf? Ist da nicht jeder Einzelne potenziell die zentrale Person?

Woher kommen deine Antworten, Fragen oder Bewertungen, die in dir jetzt, in diesem Moment, in dem du den Text liest, existieren? Du bist ständig wahrnehmend im Außen und Innen tätig. Resonierend in deiner eigenen Art. Mehr oder weniger unterschiedlich bist du ständig auf deine Weise in Beziehung tretend zu dem, was im Außen geschieht. Schnell können unsere Schubladen im Alltag aufgehen, und sofort treffen wir Antworten und Entscheidungen, weil wir uns selbst so sehen, einschätzen, beurteilen und eventuell sogar verurteilen. Wie gehe ich damit um, wenn ich plötzlich vor einer neuen, unbekannten Herausforderung oder Einladung stehe? Welche der beiden folgenden Haltungen kommt dir bekannt vor? „Oh, das klingt ja interessant, da bin ich gespannt, neugierig, offen, interessiert“ – oder lebt in dir der Impuls: „Damit kann ich gar nichts anfangen, ich kann das nicht, lass mich damit in Ruhe!“? Unmittelbar öffnen sich in uns die Tore der Ermutigung, Ermächtigung oder der Selbstentfaltungsblockade.

Wie kannst du auf dasjenige, was du hervorbringst, auf dein „Werk“, blicken? Mitfühlend, verständnisvoll, anklagend, vorwurfsvoll, ablehnend, verurteilend? Oder gelingt es dir, Empathie für dich selbst aufzubringen? Das haben wir in der Schule, vor allem in der Kriegs- und Nachkriegsgeneration, nicht geübt, das gilt es zu entwickeln. Unabhängig von all deinen Selbstbildern zeigt die Erfahrung, dass du – ob es dir bewusst ist oder nicht – ständig kreativ und gestaltend bist! Jede Wahrnehmung ist gegründet auf Zuwendung. Wenn ich nicht hinhören will, sondern weghöre, wenn ich nicht hinsehen will, sondern wegsehe, wenn ich mich nicht einlassen will, sondern distanziere, wenn ich mich nicht verbinden will, sondern trenne, werden sich meine Erfahrungsfelder, Erlebensfelder entsprechend meiner Wahl gestalten. Ich entscheide ständig darüber, ob ich mich einlasse oder ob ich mich verschließe.

Das erste Feld meiner Kreativität möchte ich als meine individuelle Offenheit, Aufmerksamkeit bezeichnen.

Mit meinen Entscheidungen bin ich stets mich selbst erschaffend. Durch mein Verhalten gestaltet sich Miterleben, Mitfühlen, Mitdenken, Miterkennen, Mitentscheiden, Umsetzung im Alltag. Durch meine Haltung öffnen oder verschließen sich Türen. Gehe ich hindurch, gelange ich in einen Erfahrungsraum, der mich selbst ermutigen oder entmutigen kann.

Jeder Mensch ist ein Künstler.
– Joseph Beuys

Wird dir langsam bewusst, dass du selbst ständig schöpferisch, erschaffend im Leben stehst? Schließlich bist du es selbst, der darüber entscheidet, was dich antreibt, bewegt, inspiriert und erfüllt! Du entscheidest, worauf du deine Aufmerksamkeit lenkst! Jeder ist in seinem Lebenslauf der Dirigent, der Lebenskünstler. Da gibt es nur eine Antwort: Ich selbst bin der Kreator, der Künstler in meinem Lebenslauf. Ich lade dich ein, das nun gleich praktisch zu erfahren. Bist du bereit zu spielen? Bist du bereit, aufmerksam wahrzunehmen und zu entdecken?

Lass uns ein praktisches Experiment machen.

  • Feld oben links: Male in dieses Feld ganz viele Punkte.
  • Feld oben rechts: Male in dieses Feld ganz viele Linien.
  • Feld unten links: Male in dieses Feld viele Flächen.
  • Feld unten rechts: In ihm kannst du mit Punkten, Linien und Flächen frei spielen.

Schenke dir Zeit und lass dich von dir selbst überraschen, was dir begegnet …

15 Minuten Spielzeit wären super, doch auch 5 Minuten für ein Blatt mit den vier Feldern ist ein Anfang! Vielleicht erlaubst du dir, die Übung mit den vier Rahmen an drei weiteren Tagen mit jeweils einem Blatt zu wiederholen.

Wie ist es dir ergangen? Hast du dich einlassen können? Wie vor- oder unvoreingenommen hast du dich an das Werk gemacht? Wie bist du Bewertungen, Vorstellungen, Meinungen, die in dir leben und existieren, begegnet?

Wie weit gelingt es dir, unvoreingenommen, offen zu spielen? Oder bist du überflutet, wie besetzt von Selbstbildern, die dir die Offenheit und Unvoreingenommenheit zu spielen nicht einfach gestatten?

Nach der ersten Haltung, der Aufmerksamkeit, die du selbst orientierst, lenkst, begegnest du im Kreativen, schöpferischen Prozess der zweiten Haltung: deiner in dir in diesem Augenblick lebenden Offenheit, Unvoreingenommenheit, deiner Neugierde und deinem Interesse. „Da habe ich echt Lust darauf, das zu probieren“, oder: „So ein Nonsens!“ Je nachdem eröffnet sie dir die Türen des Sich-selbst-Einlassens oder Distanzierens. Sie ermöglicht, dass ich mich einlassen oder aber nicht in Verbindung treten kann. Die Art und Weise, wie ich Dinge miterleben kann, hängt davon ab. Wie unterschiedlich können Zuhörer ein Konzert erleben: In dem einen entsteht tiefe Ergriffenheit, und in einem anderem können oberflächliches Zuhören und Zerstreuung anwesend sein. Wie bin ich anwesend, aufmerksam, offen, unvoreingenommen, frei für die Wahrnehmung – dies gestaltet meine Möglichkeit, in Beziehung treten zu können. Kann ich von mir loslassen und eintauchen in das, was vor mir ist?

Als Drittes kann ich im schöpferischen Prozess eine tiefe Konzentration erleben, sobald ich mich selbst „verlieren“ und wie ein Kind mit all meinen Sinnen einlassen kann. Das Kind geht ganz im Spiel auf. Es ist mit allen Sinnen lebendig darin anwesend, erlebt und fühlt im Moment. So ist die vierte Haltung die des ganz im Hier und Jetzt Präsentseins. Das sind vier erste Schritte, Haltungen, die wir immer wieder im künstlerischen Prozess üben.

Wenn du möchtest, kannst du nun an deinen vier Werken diese Haltungen noch weiter üben, indem du alle vier A4-Blätter nebeneinanderlegst. Versuche nun aufmerksam, unvoreingenommen, mit Interesse jedes einzelne Punktbild wahrzunehmen, als ob du die Mutter dieser Kinder, Vierlinge wärst. Wie bist du, mein Erstling, anders als der Zweitling, Drittling, Viertling? Da ist der gewohnte Blick von Falsch oder Richtig nicht mehr anwesend, sondern nur reines liebevolles Interesse. Wo hast du mehr oder weniger Punkt, Linie, Fläche, bist du eher groß oder klein, kräftig oder zart, gerade oder gebogen, und wie veränderst du dich von 1 zu 2 zu 3 zu 4?

Viel Freude wünsche ich dir in deinem Atelier und freue mich schon auf das nächste Mal.

Herzlichst
dein Josef Ulrich

Zum Weiterlesen

Ulrich, Josef: Selbstheilungskräfte – Quellen der Gesundheit und Lebensqualität. 6. Auflage, Aethera (2021)

Zur Person

Josef Ulrich

ist Salutogenetiker, Psychoonkologe, Kunsttherapeut, Künstler und Autor. 1985–2021 in der Klinik Öschelbronn tätig. Seit April 2021 in Selbstständigkeit, freiberuflich beratend.

Kontakt
Josef Ulrich
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