Wissenschaftliches Programm - Innovative Diagnostik und Therapie
12:00-12:30 Uhr
Das Prostatakarzinom ist der maligne Tumor, der am effektivsten mittels Androgen-Deprivation palliativ beeinflusst werden kann. Etwa 70 bis 80 % der Prostatakarzinome sind hormonsensibel. Ziel der endokrinen Therapie ist die Deaktivierung oder Eliminierung der testikulären Androgene. Die absolute Eliminierung androgener Wirkung auf die PCA-Tumorzellen ist deswegen erforderlich, da diese Tumorzellen einen sensiblen Androgenrezeptor besitzen, der gerade bei niedriger Androgenpersistenz zur Bildung androgenresistenter Tumorzellen führen kann, die nicht mehr auf Androgenentzug reagieren. Besonders metastasierende Prostatakarzinome bieten ein heterogenes Muster sowohl androgen-abhängiger als auch -unabhängiger Zellen. Für den Patienten bedeutet die Testosteron-supprimierende Therapie eine neue, beängstigende Welterfahrung als "kastrierter ", entmannter Mann. Bereits 1991 schreibt Singer: "...ein Patient mag glücklicher sein mit vier potenten, kontinenten, männlichen Lebensjahren, als mit sechs impotenten, depressiven und inkontinenten" (Singer et. al., J.Clin.Oncol.9, 1999.). Bei etwa 10 % der antiandrogen behandelten Männer tritt eine Gynäkomastie auf, die der chirurgischen Ablation des Drüsenkörpers bedarf. Männer fürchten die mentale und somatische "Verweiblichung" deutlich mehr als die therapiebedingte "Entmännlichung." Auch wurden durch die vorliegende Studie die Forschungsergebnisse von Curtiss 1991 zunächst bestätigt, der größere Angst und Hoffnungslosigkeit bei den Ehefrauen urologischer Malignom- Patienten als bei den Patienten selbst fand. Ähnliches fanden die Arbeitsgruppen Baider und Sarell (1994) und Keitel et. al (2000). Das Ausmaß der Depressivität Tumorkranker und ihrer Partnerinnen korreliert mit der Intensität sozialer Kontakte und Interaktionen. Krebskranke und ihre Familien werden häufiger von ihrem sozialen Umfeld isoliert, die Verminderung oder der Ausfall sozialer Unterstützung verstärkt den psychischen Belastungscharakter der Tumorerkrankung. ( Hahn 1981). Gründe für die Stigmatisierung und Schuldzuweisungen gegenüber Betroffenen ergeben sich aus den subjektiven Laientheorien über Krebserkrankungen. Sie sind größtenteils gekennzeichnet durch negative soziokulturelle Stereotypien wie massive Ansteckungs- und Berührungsängste (Verres, 1996). In der vorliegenden 10-Jahresstudie ergaben sich folgende Daten der PCA-Patienten: Körperlich beeinträchtigt fühlten sich 63 %, 30 % wenig, 7 % nicht (nach Operation, Bestrahlung oder Hormonbehandlung), seelisch beeinträchtigt fühlten sich 73 %, 21 % wenig, 6 % nicht. Es wird u. a. deutlich, dass die somatische und psychische Erschütterung krisenhaft verarbeitet wird auch im Sinne einer innerseelischen Verleugnungsreaktion: nüchtern, sachlich, stoisch.
(K.F. Klippel, C. Bruch, (Univercity of Health, Bremen)
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